Der letzte Rest ehrwürdiger Bieradel von Prenzlauer Berg

Letztens hab‘ ick beim Kacken jedacht, meine Oogen wär’n jeplatzt, dabei hat nur eena’s Licht ausjemacht.
unbekannter Trinker

Bierquelle. Randgebiet von Prenzlauer Berg. Dort, wo der letzte Pöbel des Bezirks wohnt. Der letzte Bieradel. Die letzten Jobcenter-Kunden. Die letzten ihrer Art. Gegenüber vom Mühlenkiez, dem kuscheligen Kiez, den das Fachblatt der örtlichen Immobilienwirtschaft eine dunkle Ecke nennt, in die keiner hin will, der nicht muss. Den Kiez hier haben die Aufwerter noch nicht entdeckt. Hier ist es fast wie Wedding. Freundlich. Bodenständig. Weit weg von reich. Wie früher.

Hier sitze ich nun unter einer alten speckigen Markise und trinke ein Bier.

Es ist später Nachmittag und die erste Leiche liegt auf dem Tisch herum.

Das Bier kostet 2,20. Der halbe Liter. Fantastisch, ein Vollsuff für 20 Euro ist hier möglich. Kein Wunder liegt der da auf dem Tisch herum um diese Zeit. Die anderen, die hier herum mäandern, sehen auch so aus als wäre ihr Zwanni schon seit etwa heute Mittag komplett verflüssigt. Das ist technisch durchaus möglich, denn die Bierquelle sprudelt rund um die Uhr.

Kurze Zeit später steht die Leiche auf und will gehen. Und legt sich auf den Asphalt. Und steht wieder auf. Und läuft gegen die Laterne. Dann gegen den Stromkasten.

Nach ihm setzt sich einer mit Hauptstadtrocker-Shirt auf den Leichenplatz. Und rotzt. Rotzt. Und rotzt. Zwischen seinen Füßen bildet sich ein Spuckesee.

Raaaaaarrgh. Pffft. Platsch.

Raaaaaarrgh. Pffft. Platsch.

Wer angesichts dieser Herausforderung Bier trinkt, hat Nerven aus Stahl.

Raaaaaarrgh. Pffft. Platsch.

Booooooock. Ein Tisch weiter findet ein Rülpswettkampf statt.

Baaaaaaaaaaaaaack.

Booooooooooooorks.

Böööööööööööööp.

Sensationell. Plattenbauhelden aus Schrot und Korn in freier Wildbahn. Hier gibt es sie noch. Hier im wirklich allerletzten verkackten Ende von Prenzlauer Berg an der Greifswalder Straße, wo sich nie eine Biomutter hintraut. Hier an der Bierquelle.

Die Rülpser sind voll wie die Eimer. Als sie gehen, reißt einer den Tisch mit sich und gibt dem Stuhl die Schuld dafür, den er sodann mit einem Tritt auf den Grünstreifen befördert. Beeeeeeschisseisstuhl! Sein schwammiger Kumpel kommt mit Rasierklingen unter den Achseln und extremer Schlagseite auf meinen Tisch zu. Er bleibt stehen. Er fixiert mich. Testosteron tropft auf die Gehwegplatten. Westernzeit. Wer zieht zuerst? Die Zeit steht still. Ich stiere zurück.

Tick.

Tack.

Dann klopft er auf den Tisch und geht. Viiiiiiischbassnoch! Druschba sage ich und freue mich, dass er geht ohne auf meinen Tisch zu kotzen.

Es dauert nicht lange und es kommt der nächste Patient: GIPPMAKIPPEALTER!

Büdde, schiebt er nach.

Doch ich habe keine Kippen und schiebe einen der zwei Schnäpse rüber, die ich für Situationen wie diese bestellt habe. Denn ich kenne mich aus.

Als es dunkel wird, gehe ich rein und für lange Zeit nicht mehr raus. Hier sitzt Heiko an der Theke. So wie ich das einschätzen kann schon sehr lange.

Heiko ist Live-Kino, alt, verhärmt, runtergerockt, baggert schon seit Stunden an der hübschen blonden Barfrau herum und versteht nicht, dass sie heute nicht mit einem Alkoholiker über 60, der aus seinem Maul nach toter Ratte, Ammoniak und Enddarm stinkt, nach Hause gehen will. Kooooooommsumitnaher? Ochbüddeeeeeeee. Hinter dem Tresen steht jedoch ein Profi, eine, die den Spritti freundlich und effektiv in seine engen Grenzen weist, aber immer mit Respekt, denn er soll ja wiederkommen, der Stammgast. Das Patientenbetreuen macht sie so professionell, dass ich staune.

Heiko steckt irgendwann auf und versucht sein Glück bei den männlichen Gästen. Bisssnhüpscha! ruft er einem Androgynen am Dart zu. Bisssnhüpscha! dann auch zu mir. Ich brauch noch einen Schnaps. Irgendwas, das brennt. Die Realität muss mal kurz weg für eine Weile. Schnaps. Dreifach. Gibt ja alles hier, nichts Hochklassiges, aber in Ordnung für eine Bierschwemme wie diese.

Gespräche wabern durch den Raum. Das Übliche. Frauen und Männer. Man kann nicht mit, aber auch nicht … jaja … immer das alte Leid. Wer mit wem, der mit dem. Frauen sind kacke. Männer sind kacke. Wir kennen das.

BISSSNHÜPSCHA!!! ruft es jetzt deutlich aggressiver vom Tresen her. Ich studiere die Schnapsflaschen und stelle mich schon geistig darauf ein, einen, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, davon abzuhalten, dass ich ihm heute wehtun muss. Lass gut sein, Heiko, brummt jene, die starken Einfluss hat, die Souveräne, meine Heldin für heute abend, von hinter dem Tresen hervor. Heiko steht auf und geht beleidigt nach Hause. Wieder keinen mitgenommen. Wieder keine Liebe heute. Er hat sich doch so bemüht.

Das Leben kann hart sein in dieser Stadt, deshalb versenkt er wahrscheinlich sein letztes Geld seit jeher hier in der Bierquelle, wo man glaubhaft so tut, als habe man Respekt vor ihm, wenn es sonst keiner auf dieser Welt hat.

Ich trinke mein letztes von vielen Bieren aus und gehe nach Hause. Abgründe. In solchen Kneipen sind sie zuhause.

Mein Kiez. Mein Bezirk. Mein Viertel. Meine Gegend. Mein Block. Wer sich an den Tresen setzt und ein Bier trinkt, erlebt hier das Leben. In Farbe. Und ungeschminkt.

 


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