Timmendorfer Strand: Strandmuschelverbot, Fahrradnazis und die Irren

Ein Strand. Ein Timmendorfer Strand.

Das ist schon schön hier.

Huhu.

Buh.

Aber sie finden mich.

Sie finden mich überall.

Sie finden. Mich überall.

Sie. Mich. Überall.

Die Irren. Egal wo ich mich verstecke, sie kommen mir hinterher. Ich bin der Irrenmagnet. Sie finden mich überall, sie brauchen mich. Sie spüren, dass sie mich teilhaben lassen können an ihrem Wahnsinn. Deshalb folgen sie mir. Aus Berlin. Hinterher an den Timmendorfer Strand auf eine Bank, auf der ich mich kurz ausruhe, raste, mit mir selbst im Reinen bin.

Eine Alte. Wirres Haar. So wirr wie der Blick. Setzt sich neben mich.

„Ich hab‘ mein Handy verloren.“

„Das muss hier sein.“

„Ich bin jetzt schon die ganze Promenade auf und ab gelaufen.“

„Der Egon hat seines auch verloren. Ich muss. Ich muss es finden. Sie! Sie! Haben! Mein Handy! Geben Sie es her!“

Ich laufe weg. Die Promenade entlang. Kurz vor Niendorf steht eine Dicke mit ihrem Fahrrad und einer Milliarde Plastiktüten mit Unrat darauf angebracht. Auch mit wirren Haaren und dem gleichen wirren Blick. Auch sie hat mich gefunden. Yep, da bin ich doch schon, huhu, euer Irrenmagnet. Stets zu Diensten, her mit eurem Wahnsinn.

Gackernd krakeelt sie ihr Unglück in die Welt. Ich höre Wichsa, ich höre Aaaschloch, ich soll mich ficken, und ich soll nicht so kucken, dabei kucke ich gar nicht, ich kucke nie, schon gar keine Irren an, das gewöhnt man sich in Berlin schon kurz nach der Muttermilch ab. Nie Irre ankucken, höchstens durch sie durchkucken, eher wegkucken.

Hier an der Ostsee hilft es nicht, sie brüllt mich an. Ich muss weg, muss weg, ich nehme mein Kind an die Hand und wir laufen lieber in die andere Richtung, doch da kommt ein neuer Irrer voller Freude, mich gefunden zu haben, doch noch mehr freut er sich über mein Kind, das er anschmachtet als wolle er es gleich mit Kräuteröl marinieren, auf den Grill legen und zu einem guten Glas Rioja verspeisen. Er steht da und grinst mein Kind an. Bleckt die Zähne, sabbert fast. Ein echter Irrer. Frisch aus Berlin eingeflogen an den Timmendorfer Strand, damit ich mich auch schön zuhause fühle. Ich muss weg, ich muss weg, sie finden mich überall, auch hier, am Timmendorfer Strand.

Hier. Wo man die Fahrradnazis um Rücksicht bittet.

Man bittet sie. Sie sollen nicht so rasen. Im kuscheligen Waldorfduktus, der hier so funktioniert wie überall. Nämlich nicht.

Muha.

Ha.

Mölb.

Schritttempo.

Radfahrer.

Na klar.

Sie könnten genauso gut ein Schild in eine Kita aufstellen: „Liebe Kampfhunde, ihr könnt gerne den Garten der Kita mitbenutzen, euch so richtig schön dolle austoben, aber bitte bitte bitte beißt den Kindern nicht den Hals durch. Das wär‘ nicht ganz so lieb.“

Mein Kind hat gerade Laufen gelernt und lernt hier auf der Promade jetzt schon den eiskalten Darwinismus kennen. Rasende Irre, die im Slalom um die Fußgänger heizen, dass der Kies nur so spritzt, Klingel hier, Rufen dort, ein Rempler, eine Vollbremsung, wenn dann doch einer nicht schnell genug zur Seite springen kann.

Einer fährt absichtlich auf mein Kind zu, um kurz davor theatralisch abzubremsen und zu pöbeln, welcher Verrückte hier ein Kleinkind laufen lasse wo er sich entfalte.

Fahrradnazis. Sie gewähren ihnen freie Bahn hier. Warum macht die Stadt das? Sind die Grünen hier so stark? Ich will zurück nach Berlin, dort haben sich die Fahrradnazis nach den ersten verletzten Fußgängern, von denen in der Zeitung berichtet wurde, wieder ein wenig vom Bürgersteig zurückgezogen, so dass ich inzwischen wieder das Kind halbwegs frei laufen lassen kann ohne mich kurze Zeit später in der überfüllten Kindernotaufnahme in Wedding wiederzufinden.

Hier geht das nicht.

Hier gehen sowieso einige Dinge nicht.

Strandmuscheln etwa.

Es herrscht Strandmuschelverbot.

Das machen sie aber mitnichten, um die Gäste vor un-tüv-zertifizierten Strandmuscheln oder illegal nach Deutschland geschmuggelten „Polen-Strandmuscheln“ (vgl. „Polen-Böller“) zu bewahren, die immer wieder arglose Strandgäste hinterrücks anfallen, nein, es geht darum, der Strandkorbmafia die althergebrachten Gewinne zu garantieren, deren Strandkörbe am Tag so viel kosten wie meine ganze neue Strandmuschel von Amazon alleine. Und das, obwohl ich schon 35 Euro Kurtaxe abgedrückt habe.

Bald darf man hier auch keine Handtücher am Strand mehr auslegen, denn die Strandkörbe müssen voll bleiben. Für 40 Euro die Woche.

Ich fühle mich jetzt schon ausgesaugt, ausgelutscht, abgenagt. Eines der vielen privaten Monopole mit Abzockgarantie. Hier muss zu allem Überfluss immer noch die FDP etwas zu sagen haben im Ort, es muss so sein, kein anderer kommt auf so eine Idee, den Familien ihre Strandmuscheln zu verbieten, um den örtlichen Unternehmern den Gewinn zu sichern.

Egal.

Es gibt auch Kunst.

Ein Scheißeknödel auf Podest.

Eine Osterinsel-Hackfresse.

Kunst muss sein. Hat bestimmt viel gekostet. Fünfstellig geht schon. Deswegen gibt es hier auch so viele Galerien braungebrannter Galerienbesitzer, die sich selbst verwirklichen und von denen man sich fragt, von was sie leben. Ich weiß es: Von Skulpturen am Strand – huhu Kurtaxe, da gehst du hin.

Lalala.

Ihr Irren, ihr Strandkorb-Mafiosis, ihr grünen Fahrradnazis und subventionierten Kurtaxekünstler dieser Welt, ihr kriegt mich trotzdem nicht dazu, mich nicht zu erholen oder mich zu ärgern, ihr macht mir das nicht mies. Ich lache, ich lache, freue mich, lasse mir die Sonne auf den Pöter scheinen und atme eure ganze tolle frische Luft weg, für die ich euch ganz tief im Innern so sehr beneide.