Timmendorfer Strand: Durch die Wüste Mecklenburgs

Urlaub. Timmendorfer Strand. Fast auf dem Zahnfleisch komm‘ ich hier an, nach einer langen Reise über die fahrzeug- und menschenleeren Autobahnen Mecklenburg-Vorpommerns, mit Hilfe von EU-Mitteln im Niemandsland versenkt, dort, wo kaum noch einer wohnt und deshalb auch niemand eine Raststätte baut, auf der ich was zu essen bekomme auf meinem Weg von Berlin an die Ostsee.

Es gibt hier nicht mal McDonalds an einer der obligatorischen Autobahnauffahrten, an denen sich die Jugend mit ihren tiefergelegten lila Opel Fiestas und Corsas mit Sportspoilern und Rallyestreifen zum täglichen Alkopop-Besäufnis und Motoraufheulenlassen treffen könnte, um gemeinsam die Tatsache zu beklagen, dass alle Frauen von Verstand schon lange das Weite gesucht haben. Nix. Wenn Sie Dinge wie diese nicht mehr sehen, dann haben Sie Brandenburg verlassen. Dann sind Sie in Mecklenburg. Hier gibt es nicht mal mehr das. Hier ist nix. Und da müssen Sie durch, wenn Sie nach Schleswig-Holstein wollen.

Ich hätte in Schwerin rausfahren sollen. Die haben eine schöne Altstadt da. Und vielleicht eine Suppe. Oder ein Aufbackbrötchen. Fisch in der Dose tät’s auch.

Mecklenburg.

Nix.

Zu.

Essen.

Dafür ein Stoßstangenficker auf der rechten Spur der verwaisten Autobahn, der es zwar nicht schafft, mich zu überholen, dafür aber zwei Meter hinter mir meine Nerven so lange penetriert, bis ich endlich auf die Standspur ausweiche und ihn vorbeilasse, wonach er hupt, weil das nicht erlaubt ist. Ein Irrer, zweifellos.

Vielleicht ist er aber auch nur so aufgeregt, weil hier mal einer fährt, der kein Auto Richtung Weißrussland verschiebt, und das macht ihn so wuschig, dass er mir ganz nah sein will. Um davon noch Jahre zu zehren bis der Nächste kommt, der vielleicht nach Poel will. Oder Lübeck. Dum Dum Delirium. Mein Magen hängt kurz vor der Fußmatte. Ich bin genervt. Und beginne von fliegenden Mettbrötchen zu fantasieren, die mit Zwiebelringen bewehrt um mich kreisen wie obszöne Satelliten.

Irgendwann auf der Landstraße kurz vor der Zonengrenze zu Schleswig-Holstein taucht schließlich ein ranziger Imbiss mit einem glücklichen Huhn mit Hut auf dem Kopf und Messer und Gabel in der Hand als Leuchtreklame auf. Ich merke, dass ich auf mein Lenkrad gesabbert habe, an dem ich mich festhalte wie ein Schiffbrüchiger an seiner Planke.

Essen.

Jetzt.

Ich ess‘ jetzt alles.

Halbes Schwein auf Toast.

Frittierte Schuhsohle.

Dany’s Snack Salamibaguette. Unaufgetaut. Als Tiefkühlbrikett. Dafür außen verkohlt. Kennt das noch wer?

Egal.

Ich. Ess. Jetzt. Alles.

Auch Nudelsalat, der als Mayonaisesuppe mit Spirellinudeleinlage daherkommt. Auch zähes Schnitzel, vorgebraten und dann schnell noch kurz in die Friteuse zum ollen Pommesfett geschmissen. Ich ess‘ auch Pommes, die immer noch ein wenig nach dem panierten Alaska-Seelachsfilet schmecken, das vorher im selben Fett war, und die so seltsam krokantartig hart daherkommen, dass ich mir damit die Reste eines Mettbrötchens aus den Zähnen pulen könnte, gäbe es hier eines.

Ich spüre schon kurze Zeit nach der Pause beim Leuchtreklamenhuhn die heißen Wellen eines sauren Vulkans die Speiseröhre hinauf wabern und weiß, dass mir das alles hier noch leid tun wird. Ein toller Einstand. Hier in Mecklenburg. Kurz vor’m Westen. Was essen die hier nur sonst so? Stullen schmieren hätt‘ ich sollen.

Kurz hinter dem Schild, das auf Schleswig-Holstein hinweist, atme ich kurz tief durch. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. Ich bin da.