Rock im Park 2014 – This is the end

Ein besonders angenehmes Festival neigt sich dem Ende zu. Es ist Montag. Guten Morgen Nürnberg, Stadt der pünktlichen S-Bahnen, Stadt der freundlichen Menschen, Stadt der rollenden Rs.

Friedlich. Mit diesem Wort lassen sich diese Tage hier treffend zusammenfassen. Es gab nur wenig Ärger, streng genommen nur zwei Stresser. Der Erste wollte mitten im Queens of the stone age-Konzert seine psychischen Probleme mit mir diskutieren, zumindest machte es den Eindruck. Ich habe nämlich kein Wort verstanden.

„Hanganuganda brrrrratzlprmpft!“

Ich setze bei solchen Gelegenheiten gerne mein ausdrucksloses Gesicht auf und schaue einfach nur neutral desinteressiert. Ärger aussitzen. Immer aussitzen.

„Rrrrradibrumbadi brrrrrzatzgliprrrrmpft!“

Brüllt die Gewalt und kommt immer näher. Auge in Auge. Aggro. 50 Zentimeter. 30. Dann 10. Er mag mich nicht, das wird jetzt klar.

„Hoschwosgsogt hitzlprschtapftnpflapft???!“

Ich schaue ihn nur an. Ausdruckslos. Reagiere gar nicht. Er hat nun exakt zwei Möglichkeiten: Er drückt mir eine oder er geht. Eine drücken ist für ihn ein Risiko, denn er weiß nicht, was ich drauf habe. Je stiller jemand ist, desto geheimnisvoller wirkt er und Menschen neigen dazu, jene, die nicht viel sagen, eher über- als unterzuschätzen, zumindest gilt das für Erwachsene. Klar, Unsicherheit greift Raum, vielleicht kann ich ja was. Und wenn er von mir zerlegt wird, nachdem er zuerst körperlich geworden ist, ist es für ihn doppelt schlecht. Er hat dann verloren und ist auch noch schuld, denn Zeugen dafür, dass er Stress sucht, gibt es genug. Auch den kleinen Glatzkopf, der vor mir steht und den er zuerst in der Mangel hatte bis ihn dessen Freundin weggebrüllt hat und er mit mir weiter machte.

Dass ich auf gar nichts reagiere, irritiert ihn. Also geht er. Besser ist das.

Ich empfehle Ihnen diese Handlungs- oder besser Nichthandlungsoption für Stresssituationen, in denen eine Flucht nicht oder nur mit erheblichem Risiko möglich ist. Im Gedränge vor Konzertbühnen zum Beispiel.

Arschkriechen, Gut-Wetter-machen oder gar Betteln bringt gar nichts, weil Sie sowieso aufs Maul bekommen werden, wenn Sie aufs Maul bekommen sollen. Der Unterschied ist nur, dass Sie mit gebrochenem Stolz aus der Nummer rausgehen werden, wenn Sie etwas in dieser Art versuchen und es mit ziemlicher Sicherheit nicht klappt. Besser nichts tun. Sich auf einen Kampf einstellen, sofern ein Kampf kommen soll, aber sonst nichts tun. Ruhe ausstrahlen. Es klappt überraschend oft. Meistens gehen sie und Sie wahren auf jeden Fall Gesicht und Stolz, auch wenn Sie den Kampf – sollte er denn kommen – verlieren.

Der andere Stresser von Rock im Park 2014 ist ein Engländer und labert mich auf englisch zu, hält mich fest, als ich weitergehen will und als ich ihn anschaue, leckt er an meiner Schulter. Er ist ziemlich hässlich, also ist die Situation ziemlich eklig, aber kein Beinbruch. Das kann ich abwaschen. Er hat wohl mit einem Schubser gerechnet, der eine Situation erzeugen soll, die sich hochschaukelt und bei der ich der Aggressor bin, weil ich zuerst angefangen habe, körperlich Gewalt anzuwenden. Dazu kommt es jedoch nicht. Ich schaue nur. Er nennt mich eine Pussy und geht. Das geht okay soweit.

Sonst Friede. Und Freude. Und junge Leute, die Musik machen.

Das hier sind The Charles und kommen aus München. Sie sehen aus wie 13 und machen soliden Rock and Roll. Und sagen nach jeder Nummer, dass sie es für eine Ehre halten, hier spielen zu dürfen, auf dieser Bühne, auf der später noch die Babyshambles spielen werden.

Es ist halb eins und ich habe einen Rekord aufgestellt. Ich habe die 50/50-Mischung Rum-Cola aus dem Tetrapak, den man mit reinnehmen kann, bereits ausgesoffen. Von dem morgendlichen Liter Bioapfelsaft, den ich austrinken muss, um in dessen Behältnis die Mische zu füllen, bekomme ich inzwischen Dünnschiss. Also habe ich mit Immodium den Darm lahmgelegt, um das zu schaffen, was ich bisher immer geschafft habe: Nicht auf den glutheißen Kacketempeln von Dixi-Klos scheißen zu müssen und mir folgerichtig beim Scheißen einen Hirnschlag zu holen. Wenn ich es verhindern kann, möchte ich ungern auf diese Art abtreten.

Es ist höllenheiß, der Tetrapak ging fast auf Ex weg und ich erwarte ein gnädiges Besoffensein, das mich diesen angesagten heißesten Tag des Festivals einigermaßen bedröhnt überstehen lässt.

Allein, nichts passiert. Ich hätte auch Cola trinken können. Oder Milch. War ja klar. Das hat hier heute alles keinen Sinn mehr. Beim nächsten Festival werde ich mit Havana pur auflaufen.

Die Bands wabern an mir vorbei. Luftbilder schlirren. Kein Lüftchen. Das hier sind Trigger Finger.

Alte belgische Männer machen Bumsrock. Aber nicht übel. Sie haben „I follow“ von der großartigen Lykke Li gecovert und damit wohl einen YouTube-Hit gelandet. Den spielen sie jedoch nicht und die wenigen Fans sind enttäuscht. Ich nicht, denn mir ist zunehmend egaler, welche Geräusche meinen Versuch untermalen, nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Es sind 34 Grad und mir läuft der Schweiß in Wasserfällen in die Kimme. Was für eine Materialschlacht. Sonne gegen Mensch. Die Sonne wird die Erde irgendwann übrigens verschlingen, nachdem sie ihr so nah kommen wird, dass ein Leben auf diesem Planeten nicht mehr möglich ist. Ich werde das nicht mehr erleben, aber die Menschheit.

Heute ist ein Vorgeschmack darauf. Tanzen geht nicht. Wir haben vorhin bei The Charles eine kleine Kinder-Wall of death gemacht, ich habe ein paar Teenager weggepogt und bin jetzt völlig ausgelaugt. Es gilt, was gestern galt: Ich kann massenhaft mit Limonade versetztes Bier trinken, ohne auf die inzwischen nach purem Ammoniak stinkenden Dixi-Klos zu müssen. Mein Körper fault in der prallen Sonne herum, lässt Flüssigkeit auf der Haut verdampfen und versucht, nicht zu sterben.

Bei Maximo Park füllt sich die Alternastage schon ein wenig mehr als bei den bayerischen Kids und den belgischen Bumsrockern.

Maximo Park. Musik zum Aushalten. Brit-Pop, der so nebenher in der Hitze dudelt und niemandem weh tut. Und zu dem ich mich nicht bewegen muss.

Jetzt duschen wär‘ gut.

Check.

Der Veranstalter gibt sich jede Mühe, seinen Gästen den Aufenthalt in der Schweinehitze so angenehm wie möglich zu machen. Er baut Wasserstellen auf, an denen gezapft werden kann, dazu Massenduschen wie diese hier und die Securitystudenten laufen herum und bieten kalte Wasserflaschen und Sprühnebel aus Wasserkartuschen an. Toll. Ich brate seit locker drei Stunden in der Sonne und bin dankbar für alles.

Bumsrock wär‘ jetzt gut. Hatte ich lange nicht.

Zum Glück läuft Black Stone Cherry auf der Centerstage. Gähn. Schlafen? Ja. Alles ist besser als bewegen.

Haim. So heißt eine andere Band auf einer anderen Stage.

Eine Band mit Frauen, die komische Grimassen schneiden. Haim. Live kann man es hören, aber ich würde mir nichts von ihnen runterladen.

Das dürfte inzwischen der schlimmste Satz sein, den Sie über eine Band sagen können: Live okay, aber bitte nicht runterladen.

Deutlich besser sind Milky Chance.

Passt auch besser zum Wetter. So wie die Typen da oben auf der Bühne aussehen und sprechen, haben die was geraucht. Shit. Ich vermisse zum ersten Mal auf diesem Festival etwas zu kiffen. Denkts und da weht auch schon Schwade nach Schwade von hinten zu mir rüber. Ich atme alles weg, aber es wirkt nicht. Sehr schade.

Drüben bei Pennywise wird es wieder punkrockiger.

Alle warten auf den Fußballhit „Bro hymn“, der natürlich als letztes gespielt wird. Na klar. One Hit-Honks machen das immer so, damit die Massen sich den ganzen anderen Scheiß reinziehen müssen und nicht nach dem Hit scharenweise stiften gehen.

Pete Doherty und seine Babyshambles sind da schon eine ganz andere Hausnummer.

Was sich da oben auf der Bühne mühsam auf den Beinen hält, ist ein Wrack. Zugepickelt, vollgedröhnt, Augenringe wie Autoreifen, blass wie ein Veganer. Es ist Pete Doherty. Ein guter Musiker. Aber eine lebende Leiche. Wenn er zur Legende werden will, muss er bald sterben.

Für die Babyshambles habe ich auf einen Großteil des Sets von Offspring verzichtet, was nicht schlimm ist, weil die so gut sind, dass es auch Playback sein könnte. Also kann ich das Zeug auch auf der Heimfahrt im Player hören, es macht akustisch keinen Unterschied.

Dafür stehen vor mir ein paar heimattreue Bauerntrottel in südtiroler Onkelzfake-Shirts vor historischer Kulisse, die ihnen gefallen dürfte, wenn sie wissen würden, was das hier ist.

Sympathischer finde ich da schon die hier:

Süß.

Ab zu Against Me! in die Clubstage.

Sie geben astreinen Babypunk. Aber auf jeden Fall pogotauglich.

Doch meine Hoffnung zerschlägt sich, als ich die Kids vor der Bühne Discofox dazu tanzen sehe. Meine Rufe nach einer Wall of death und nach einem Circle Pit bleiben ungehört.

Und jetzt kommt’s. Was mich danach auf der Centerstage erwartet, hätte ich nicht für möglich gehalten (ich muss aufhören, heftige Clickbait-Sätze zu schreiben, das macht das Hirn matschig):

Schätzungsweise eine Million Menschen wollen Iron Maiden auf der Centerstage sehen. Die ganz fürchterlich sind.

Betretenes Schweigen im Publikum.

Es ist ein bisschen wie mit dem ewig peinlichen Opa, der wieder mitten bei Kaffee und Kuchen in die Runde gefurzt hat und sich den Grind aus den Ohren pult, den er in die Eierschecke schmiert. Man will sich das nicht weiter anschauen, muss aber sitzenbleiben bis alle aufgegessen haben.

Iron Maiden sehen älter aus als Eddie, ihr drolliges Maskottchen. Und spielen auch so.

Ehrlich, es gibt einfach Bands, deren Zeit ist um und kommt auch nicht wieder. Nie. Aus. Vorbei. Zeit zu gehen anstatt peinlich zu werden. Doch das Publikum steht staunend da und mag sich nicht abwenden, sich wundernd über den Umstand, dass die da oben auf der Bühne zum einen immer noch leben und zum anderen immer noch genau so weiter machen wie schon vor 30 Jahren. Nur nicht mehr so gut, denn hier stimmt heute nichts. Der Gesang setzt immer wieder aus, weil Bruce Dickinson (meine Güte, ist er es wirklich?) es nicht schafft, das Mikrofon so zu halten, dass man ihn durchgehend hört, die Gitarre klingt mau und die Drums sind ein Witz, passend zum ganzen Auftritt. Can I play with madness? No, I’ve gotta go. Zu Woodkid. Das Festival entspannt ausklingen lassen.

Woodkid ist mein Abschluss für heute. Mein Abschluss für die ganzen Tage. Mein idealer Abschluss. Ein ganz großer Auftritt. Bombastisch. Großartig. Vom feinsten.

Ich bin froh, dass er und nicht Iron Maiden meinen Schlusspunkt bildet. So setzt dieser sympathische Taliban-Lookalike mit seinen Trommlern und Bläsern diesen schönen Festivaltagen in Nürnberg die Krone auf.

Das war’s. Tschüss Festivalgelände. Tschüss Rock im Park. Ein braves Festival ohne viel Stress. Hier können Sie mit Ihrem Teenager hingehen. Oder mit Ihrer Oma. Alles gut. Alles entspannt. Sie kommen immer, aber auch wirklich immer an einen Getränkestand heran, sie bekommen immer schnell etwas zu essen, es gibt genug Dixi-Klos, die irgendein Wahnsinniger auch immer mit Papier nachfüllt. Fast zu perfekt organisiert hier. Es hat an nichts gefehlt.

Und es war mein erstes Festival mit Übernachtung im Hotel. War mal was anderes. Normalerweise dusche ich auf Festivals nicht, weil die Duschen eh nach einem Tag kaputt gehen, und stinke so nach zwei Tagen bereits wie brünftiger Eber im nassen Unterholz. Frisch geduscht zum Festival zu gehen hat jedoch unbestreitbar Charme: Ich ekel mich nicht vor mir selber, niemand flüchtet vor mir und die Unterhosen, Socken und Schuhe muss ich danach auch nicht wegschmeißen, sondern nur waschen. Beziehungsweise durchlüften.

Vielleicht finde ich aber auch in Berlin in irgendeiner Kneipe einen Fetischisten, der mir die alten gammeligen Chucks abkauft, die das Salz der Welt in sich aufgenommen haben. 200 Euro sind vielleicht drin. Wer weiß?

Mögen Sie Festivalberichte? Ich bin durch, aber der hier hat noch einen und er ist lesenswert wie so oft.

 


 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293