Rock im Park 2014 – Slayer, Slayer und Scheiße, es ist Slayer!

Guten Morgen Nürnberg. Es ist Sonntag und immer noch Festival.

Bei mir im Hotel gibt es wieder Croissants zum Frühstück. Und Kaffee. Etwa die Hälfte der etwas zerknautscht aus der Wäsche schauenden Frühstücker sind Rock im Park-Besucher. Man erkennt sie an ihren gelben Bändchen, die sie nicht abnehmen dürfen, weil man sie ohne diese nicht mehr einlässt ins Paradies.

Sie haben mich beim Einchecken im Hotel gefragt, ob ich zu Rock im Park gehe, was ich in einem Moment der Schwäche bejaht habe. Mein Zimmer ist folgerichtig ganz hinten im allerletzten Eck des Hotels. Kurz vor der Abstellkammer mit den Putzwagen. Wahrscheinlich quartieren sie dort hinten die ganzen Festivalassis en bloc ein, aus Angst, dass sie die normalen Hotelgäste verschrecken. Sicherlich rechnen sie auch damit, dass die Hotelzimmer im Zuge des Aufenthalts komplett zerlegt werden und haben separate Versicherungspolicen für diese Fälle abgeschlossen. Mich wundert, dass sie keinen abgetrennten Frühstücksraum für uns vorhalten. In der Garage. Mit kaltem Nackensteak von gestern, Ravioli aus der Dose und Knabberspaß von Wolf Bergstraße zum warmen Bier.

Ich frühstücke hier im Hotel als gäbe es kein Morgen. Ich haue mir das Essen rein bis kurz vor die Kotzgrenze. Erst wenn ich merke, dass die Mortadellascheibe ohne mehrmalige Schluckversuche unter Zurhilfenahme von Unmengen Kaffee nicht mehr die Speiseröhre hinunter will, höre ich auf. Das hat den Vorteil, dass ich erst wieder gegen späten Abend die Mondpreise für die Verpflegung auf dem Festivalgelände bezahlen muss. Cleverchen goes Rock im Park.

Auf dem Weg zum Gelände komme ich an einer Kontaktanzeige vorbei.

Ich finde es super, dass es im Borgwürfel jetzt Genderseminare gibt, in denen Männer lernen, dass sie Frauen auf keinen Fall nach äußerlichen Merkmalen beurteilen und niemals als Objekt sehen dürfen. Das ist auch dringend notwendig. Frauen sind da nämlich viel weiter. Vor allem hier.

Sowieso entsteht auf dem Weg zum Eingang langsam so etwas wie eine ordentliche Festivalatmosphäre.

Die Stadt, der Müll und der … nee, der Tod nicht. Zumindest noch nicht.

Aber das geht noch, es sieht immer noch bei weitem nicht so sehr nach Favela aus wie ich das von anderen Festivals kenne. Das kommt bestimmt noch. Montag. Sie bewahren sich das Müllinferno für den letzten Tag auf. Bestimmt. Da geht noch was.

Ich für meinen Teil chille heute. Bushmaster is still trippin‘.

Die Alkoholmischung, die ich mitgenommen habe, ist wie gestern. Ein Liter. Rum. Cola. 50/50. Affenhitze. 33 Grad. Doch der Liter ist weg und ich werde nicht besoffen. Nichts passiert. Außer, dass das Zittern endlich weg geht. Ich werde voll faul. Träge. Schlapp. Sonst passiert lange nichts. Ich chille irgendwelche Bands weg, die auf der Centerstage auftreten. Chill Chill. Ein Chemtrail fliegt vorbei. Vielleicht ist da was dran an der Theorie? Das mit der NSA-Überwachung hat doch auch gestimmt.

Irgendwann gebe ich mir selbst einen Ruck und gehe zu meinem ersten Act.

Es ist Georg. Georg auf Liedern. Kennen Sie nicht? Macht nichts. 387.270 der 387.290 Festivalbesucher kennen ihn auch nicht und so stehe ich mit 20 anderen Hanswürsten in der Clubstage und wir machen Lärm für 22.

Georg ist ein Straßenmusiker aus Berlin. Er macht vertonte Lyrik, die er als Hauptschultexte bezeichnet, was sie nicht sind. Georg klingt wie Echt oder Rosenstolz. Aber in gut. Mit der Portion Selbstironie, die ich bei Musik wie dieser haben möchte, weil ich sie sonst nicht ertrage.

Georg hat eine tolle Stimme, macht tolle Musik dazu und ich weiß, dass ich mich als Fan verabschieden werde, sobald sie ihn irgendwann bei Energy und 104.6 RTL spielen, was hinreichend wahrscheinlich ist. Im Moment ist er der Underdog auf dem Festival, der am Schluss ein Foto von den jubelnden 21 Zuschauern macht, weil er so gerührt ist. Georg auf Liedern. Können Sie sich merken. Werden Sie noch was von hören. Er ist eingängig, sympathisch und hat eine Vita, die nach Vermarktung im Herz und Seele-Segment schreit. Also entdecken Sie ihn bitte, wenn Sie Dinge mit Gefühl mögen. Er ist gut.

HELGAAAAAA!

Was?

HEEEEEEEELGAAAAAA!

Dreht er jetzt komplett durch? Wirkt der Liter Rum-Cola endlich?

Nee, Helga ist Meme, ein Meme der realen Welt quasi, nicht der virtuellen, ein Running Gag. Auch hier. Some things never change. Mortimer.

Prost Thorge whatsappe telegrame ich kurz darauf aus der Gluthitze, …

… nachdem ich vor dem absolut unmusikalischen und fies abgemischten Lärm von Kvelertak geflüchtet bin, mit dem ich bei dem Wetter nichts anfangen kann, weil ich mich zu solcherlei Musik bewegen muss und Bewegung über die reine Fortbewegung hinaus heute einfach nur böse ist. 33 Grad. Andere schaffen es zu moshen, während ich nur damit beschäftigt bin, keinen Kreislaufkollaps zu bekommen. Und so schütte ich eine irrwitzige Menge Becks Green Lemon in mich hinein, was aber nicht zur Folge hat, dass ich auf eines der inzwischen bestialisch stinkenden Dixi-Klos muss, sondern der Körper scheint heute jeden Tropfen Flüssigkeit zur Kühlung zu verwenden. Die Niere hat heute Brückentag, vulgo: Frei.

Zu den Dingen, die ich nicht verstehe, gehört übrigens Festivalsushi.

Ehrlich, ich traue schon manchen zwielichtigen Vietnamsushibutzen im Dunstkreis von Berliner U-Bahnhöfen nicht einen Jota über den Weg, aber das hier ist der Abschuss. 33 Grad. Roher Fisch. Kühlkette. Never. Da reichen drei Minuten und der Fisch ist durch. Und wenn dann der unvermeidliche Durchfall kommt, sind garantiert wieder alle Dixis voll und warteschlangenbewehrt. Kennt man ja.

Bizarres allerorten. Diese Dinger hier, diese Absperrungen …

… nennt man übrigens Vereinzelungsanlage. Ein tolles deutsches Wort aus der Hölle für deutsche Wörter. Wer solche Wörter erfindet, der zieht auch im Hobbykeller lebendigen Mäusen die Haut ab und mörsert den Rest danach in der abgehangenen Schädeldecke des vor Jahren gestorbenen Haustiers.

Hey. Ho. Hier sind die Fantastischen Vier.

Man sieht so viel, nicht? Das liegt daran, dass die verdammte Sonne endlich beschlossen hat, langsam den Zenit zu verlassen und damit aufzuhören, mir das Hirn weich zu braten. Die Fantas sind gut, klar, Routiniers, Entertainer, Party on, aber ich muss weg, ich muss zu …

Slayer. Slayer! Ich meine SLAYER!!!!!

Meine Güte, sind die geil, ich meine, die sind richtig geil. Sie sind alt, dick und unfassbar geil. Ich raste aus, sind die geil. Eine echte Liveband wie eine Liveband sein muss. Nur Headbangen geht bei ihnen wohl nicht mehr. Jaja, die Nackenwirbel. HWS-Syndrom olé. Irgendwann is‘ halt Schluss.

Bei Slayer stehe ich wieder relativ weit vorne. Leider nur im zweiten Ring, weil die Pappkameraden von Security den ersten Ring vor lauter Angst bei einem Füllstand von Dreiviertel dichtgemacht haben. Daraufhin bricht ein Shitstorm los, als ein paar – natürlich ältere, die Jugend nickt immer nur und tut, was man ihr sagt – Kuttenträger den Aufstand proben. Sie wollen nach vorne in den Moshpit, der sich bei Slayer stets schon während der ersten Takte bildet. Ich will da auch hin und diskutiere zusammen mit den Kuttenträgern aus Gründen des Prinzips so lange herum, bis die Germanistikstudenten der Security feuchte Hände bekommen und eine große breite Bulldogge von Stiernacken holen, die unverzüglich für Ruhe sorgt. Na endlich. Mehr will ich doch gar nicht. Gibt es sie also doch. Is gut. Ich geh ja schon.

Und so stehe ich im zweiten Ring ganz vorne mit super Sicht. Innerhalb von einer Minute bis zur Absperrung geboxt. War kein Problem. Die Kids lassen sich von mir und den Kuttenträgern ohne Widerstand nach hinten durchreichen. Memo für Unbedarfte: Freundlich sein bringt auch hier vor der Bühne eines Hauptacts überhaupt nichts. Spielen Sie den Höflichen wie in einer durchschnittlich vollgestopften Berliner S-Bahn, werden Sie alles verlieren: Ihren guten Platz, jegliche Sicht und auf jeden Fall Ihren Stolz. Hier wird geboxt, hier wird geschoben, jeder will so weit nach vorne wie möglich und Ihre Aufgabe ist es, das zu verhindern, also Brust raus, Ellenbogen ausfahren, Beine im sicheren Stand auseinander, aufschließen zum Vordermann bis es kuschelig wird. Keinen Zentimeter Boden aufgeben, die Festung Breslau war ein Scheiß gegen Sie. Egal wer hinter Ihnen steht, Hooligans, Dirk Nowitzki, ein Hells Angel, der Balrog – they shall not pass.

Nach Slayer und einem knackenden Halswirbel klingt der Tag so langsam aus. Ich werde müde. Die Hitze schlaucht und der erfolglose Versuch, besoffen zu werden, noch mehr. Einen Act noch, dann werde ich gehen und sehen, ob ich noch Kraft für die Hotelsauna habe. Linking Park. Ich setze mich und sehe Beine.

Dies ist ein Beispiel aus der Rubrik „Scheißtattoos, die Sie irgendwann bereuen werden und Ihren Kindern erklären müssen.“ Derlei gibt es viele hier, auch viele komplett verhunzte – ein Trauerspiel und Folge des Umstands, dass sich jeder Honk, jeder Enrico und jede Schakelyne heute ein schlecht gemachtes Tattoo beim Billigheimer in Marzahn-Hellersdorf machen lassen kann. Das entwertet Tattoos als solche, vor allem jene derer, die schon in den 90ern eines hatten, als Rokko und Schakyra noch in nachgemachten Fila-Turnschuhen vom Polenmarkt in Słubice rumgelaufen sind und sich eher erschossen hätten als sich tätowieren zu lassen. Vorbei, vorbei, jede Hausfrau, jeder Klassenstreber trägt heute ein Tattoo, Sie sind heute der Freak, wenn Sie keines haben.

Ding Ding Ding Ding Dong Dong Dong Dididing Ding Ding Ding Ding Dong. It starts with one … Linkin Park sind da.

Ziemlich gut, die Jungs, ziemlich gut, zumindest wenn sie ihr Set so spielen wie man es kennt. Was sie nicht tun. Sie pimpen ihren Auftritt nämlich mit Dubsteb, Elektrospielchen, Freestyle-Hiphop, was verstören soll und auch verstört. So sehr, dass immer mal wieder die Stimmung kippt.

Aber dann spielen einen ihrer unzähligen Hits und reißen das Ruder wieder herum. So machen sie es. Verstörung. Hit. Verstörung. Hit. Finde ich fast gut.

Mein Tag ist um. Ich bin müde. Ausgelaugt. Morgen noch einmal, dann brauche ich Urlaub. Oder besser eine Kur.

Wait. Was ist das?

Bengalos! Randale! Doch noch! Hier auf dem Studentenfestival. Das muss einer der Slayer-Kuttenträger von vorhin gewesen sein. Eine Minute, dann ist auch das Bengalofeuer aus. Wahrscheinlich hat einer der Studentensecurities kundgetan, dass er das jetzt nicht so gut findet und darum gebeten, das Licht zu löschen.

Oder so.

Feierabend. Stay tuned.

 


 

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