Rock im Park 2014 – Schwaben, die Jugend, Müll und eine Wall of death

Samstag. Immer noch Rock im Park. Immer noch Nürnberg.

Am Frühstücksbuffet des Hotels, in dem ich wohne, gibt es dampfende Croissants, frisch gebrühten Kaffee, Obstsalat, Rührei, Antipasti.

Neben mir steht ein Schwabe und kriegt sich kaum noch ein: Hei guggemol! Andipaschdi! Mein Morgen ist gerettet und beginnt mit einem herzlichen Lachen. Geht nicht anders. Dieser Dialekt. Dieser komische Dialekt. Wieso gibt es keine schwäbischen Comedians? Und wenn doch, wieso haben sie keinen Erfolg? Wenn es nach mir geht, müssten sie nur in den Saal kommen und Heidenei sagen und ich würde auf dem Boden liegen und rollen vor Lachen. Die Ökovetteln aus Prenzlauer Berg versuchen sich ja den Dialekt oft krampfhaft abzugewöhnen und zu klingen wie jemand aus der Lüneburger Heide. Oder Hannover. Mecklenburg wegen mir. Klappt aber nicht. Man hört es immer. Spätestens wenn sie zetern, dass ein Joghurtbecher im Restmüll liegt. Noi! Des goht it! Goht it! Haha.

Apropos Dialekt. Ich habe ein neues Lieblingswort: Bratwurst. Fränggische. Mit zwei G und kurzem ä. Ausgesprochen zum Verlieben von einer dicken Bratwurstbraterin. Ganz toll. Fränkisch ist ein sehr angenehmer Dialekt, besonders wenn er von Frauen gesprochen wird. Bei Männern wirkt er wie das Bayerische ein wenig bauernmäßig. Sorry, landwirtmäßig. Aber angenehm, wirklich angenehm, was wohl viel damit zu tun hat, dass der Obergentrifizierer aus meiner Nachbarschaft diesen Dialekt nicht spricht. Der spricht irgendwas aus Westfalen. Ein Singsang. Näselnd. Und ich mag keine näselnden Singsang-Westfalen.

Die Arbeit ruft und ich mische meine Mischung.

Nein, es ist kein Bio-Apfelsaft, beziehungsweise nicht mehr. Ersetzt habe ich ihn mit Havana Club-Cola. 50/50-Mische. Bei den Puffpreisen für eine Pfütze Jim Beam (warum immer der?) mit Cola ist das nicht nur Notwehr, sondern vernünftig, denn zugelassen für den Eintritt ins Paradies sind Tetrapaks von maximal einem Liter. Wird ja wohl keiner schnüffeln was da drin ist. Und nein, heute kein Jack mit Cola, der angesagten Rekordhitze wegen, heute Havana Club. Das schmeckt auch warm so, dass ich nicht sofort kotzen muss. Ja, so geht’s. So komme ich durch den Tag.

Vor den Eintritt ins Paradies hat der liebe Marek die Schlange platziert.

Das ist die Schlange für die Bändchen.

Und das hier die Schlange für den Einlass.

Die Security besteht hier wie immer aus 80% Studenten, 19% vom Jobcenter geschickte Zwangsarbeiter und 1% Führungskräfte. Sie eint eines: Sie haben keine Ahnung und keine Orientierung. Fragen wie „Wie komme ich denn zum Eingang B?“ oder „Ist das hier der richtige Weg zur S-Bahn?“ erzeugen im günstigsten Fall einen ratlosen Kuhblick, manchmal ignorieren sie den Fragesteller jedoch komplett in der Hoffnung, er geht bald weg. Die Führungskräfte haben dazu noch das Talent, nicht zu führen und nicht zu entscheiden, denn eine Schlange wie hier an Eingang B zu produzieren und hunderten Besuchern zwei geöffnete Kassen und vier Durchsucher gegenüber zu stellen, ist fast schon Vorsatz.

Dafür spricht mich ein Schwabe an. Ich habe nämlich einen Sonnenbrand im Gesicht und den kommentiert er ungefragt so: „Du bisch ganz schee rot im Gsicht. Hättsch dich halt eigrämt on ä Mitz uffgsätzt.“ Haha, hättsch du dir halt omol än gscheida Dialekt ogwöhnt odda glernt dein Fress zhalda. Honk.

Abkühlung tut Not.

Ein Lungenkrebshersteller lässt Studenten herumlaufen und Leute bewässern. Toll. Die Jugend freut sich und tut das, was sie immer tut: Lieb sein.

Es ist auch hier so wie es überall geworden ist und es ist so augenscheinlich: Die Jugend ist total brav. Lutscht am Calippo Eis. Zahlt brav zu viel Geld für zu wenig Bier. Wie haben die das geschafft? Früher war das anders. Ich weiß das, ich war dabei. Irgendwas brannte immer, irgendwas ging immer kaputt. Als Security mussten sie damals stiernackige Kampfsportler teuer engagieren, um die rasende Wut unter Kontrolle zu bringen, die sich unter normalen Umständen in einer Menschenmasse bildet, die im Pulk in der Hitze Musik hört. Nix zu sehen. Hier nicht. Hier sind sie brav. Für die hier reichen Studenten (Germanistik auf Lehramt) vollkommen aus. Die Gespräche drehen sich um die nächste Examensprüfung, GNTM, wer mit wem und wer keinen abkriegt. Schnarch. Mein Hirn döst. Nicht einmal übers Ficken reden sie. Sparen sich das wahrscheinlich für die Ehe auf.

Der ganze Frieden passt ein paar Älteren mit Motörhead-Kutte nicht und sie machen Stunk. Auf der Alternastage organisieren sie spontan einen Moshpit. Motörheadwampe trifft auf rumstehendes Glitzertop von H&M. Alt gegen Jung. Jack Daniels-Mundgulli gegen Calippo Erdbeer. Der neue Generationenkonflikt. Jetzt benehmen sich die Älteren daneben und die Jugend ist empört. Wie kann man sich nur so verhalten? Das ist nicht nett. Viele Köpfe werden geschüttelt. Zungen geschnalzt. Ehrlich mal.

Was sie gut können, ist, wertvolle Tipps für die Rechtschreibung zu verteilen.

Aber es geht auf der anderen Seite noch älter. Der Kaiser nimmt ein Bad in der Menge und inspiziert sein Volk.

Ick bin dick
Und pfeife auf die Republik
Die können alle bollern
So viel sie nur wollern
Wir sind die Hohenzollern

Oder so. Warum gräbt mein Hirn das aus? Und wer war das? Tucholsky? Und wieso sieht der Kaiser aus wie Peter Gauweiler?

Ich sehe schon, der warme Rum wandert mir in der Gluthitze direkt und ohne Umwege in die Murmel und sorgt für krude Gedanken. Bang. Die Lampen sind an. Schnell und effektiv. Ein Liter 50/50-Mische und die Welt wird bunt. Ein Festival ohne konstanten Alkoholpegel ist kein Festival. So geht das. So muss das. Ich will kein Calippo Cola.

Also liege ich in der Sonne, keime vor mich hin und im Hintergrund läuft Reamonn. Und er sagt das, was sie alle sagen, wenn sie da oben stehen:

„Seid ihr gut drauf?“

(Jaaaaaaaaaaaaaaaa)

„Say Yeah!“

(Yeaaaaaaaaaah!“)

„Say Yeah!“

(Yeaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!)

„It’s so amazing to be here, Rock im Park!“

Mein Blick wandert derweil immer wieder an die gleiche Stelle.

Ich glaube, auf dem Steinklotz stand mal ein riesiges Hakenkreuz, vor dem Adolf die Massen eingeschworen hat. Das haben die Amis kurz nach der Einnahme von Nürnberg gesprengt. Davon gibt es einen bekannten Videoclip, der immer mal wieder in einen Film geschnitten wird, wenn gezeigt werden soll, dass die Nazizeit durch Niederwerfung vorbei ist. N24. Guido Knopp. ZDF History. In dem Dunstkreis. Bam! Weg ist das Kreuz. Ich glaube, das war hier.

Und Bam. Weg ist der Alkohol.

Verdammt. Noch kein einziges Konzert aus der Nähe mitbekommen und schon voll wie Hulle.

Anderen geht es auch so. Sie verwesen komatös vor sich hin.

Hat er auch Musik gehört? Hat er. Aber geflüchtet ist er. Vor Mando Diao. Und deren unerträglich pathetisch-schnöseligen Ansagen für kleine Pubertierende. Zu den Editors, zu einem spindeldürren Klischeehipstergesicht und seiner depressiven Musik.

Aber die sind gut, die Editors. Ein erfrischender Kontrast zu den aufgeblasenen Mando Diaos. Mir liegt die Depression sowieso näher als das Pathos. Tanzbar ist das nur schwer, aber gut.

Die ersten faustdicke Überraschung gibt es dann bei Of mice & men in der Clubstage.

Einen Circle Pit. Und zwei Walls of death. Die ersten in meinem Leben. Normalerweise komme ich immer zu spät, wenn Moses das Meer teilt und die Massen gegeneinander rennen lässt. Aber heute bin ich da. Bereit auszuteilen. Bereit einzustecken. Shhhhhhhhhhhhh. Silence. Not yet. Not yet. Wait. Wait. Shhhhhhhh. GOOOOOOOOOOOOOOOOO!!! Whommm! Leiber klatschen aneinander, nach drei Sekunden habe ich einen Kreis um mich herum gebildet. Keiner kommt an mich heran. Sorry, Kids, Opa kennt das noch derber von früher, alte Pogoanarchistenschule, blaue Flecken sind ein Statussymbol, will keiner? Nein? Menno.

Say Yeah! Ha, da haben wir es doch, endlich mal Atmosphäre abseits von Fuß wippen und Kopf nicken zum Takt von Reamonn und Kings of Leon. Terror lovin chicos. Circle Pit. Zwei Walls of death. Und Austin Carlile sah, dass es gut war.

Zum Runterkommen gebe ich mir eine Dosis Queens of the stone age auf der Alternastage.

Wopp Wopp. Schwerer Bass wabert durch den Park. Queens of the stone age ist eigentlich Minderheitenmusik, trotzdem ist es recht voll. Wopp Wopp. Welcher Patient mischt hier ab? Ich höre nur Bass. Der Gesang geht völlig unter. Die Gitarre ist nicht wahrnehmbar.

Es wird Zeit. Ich bin durch. Ich laufe zum Bus, der mich ins Hotel bringt und fotografiere nebenher Müll.

Denn Jochen vom famosen Nürnberger Blog Netz 10 bat darum, Müllfotos zu machen. Das war gar nicht so einfach, Jochen, denn für die Masse an Siffern und dem unglaublichen Berg an Müll, den dieses Event produzieren dürfte, liegt hier erstaunlich wenig davon rum. Vielleicht liegt es am Prämiensystem, bei dem man 5 € pro abgegebenen vollen Müllsack erhält, aber so ein Festival kenne ich deutlich dreckiger. With Full Force zum Beispiel. Dagegen ist Rock im Park ein Nonnenkloster.

Der Abend neigt zu sich dem Ende. Oder so.

Und als ich eine junge Frau direkt am Weg an einen Baum kacken sehe, drehe ich mich um und lasse ihn im grellen Licht von Bus und U-Bahn ausklingen.

Alles gesehen. Wirklich alles gesehen. All said. Bye bye.

 


 

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