Rock im Park 2014 – Beton, Armut, Jabba und James Hetfield

Rock im Park 2014. Es werde Nürnberg.

Was zunächst auffällt: Sie mögen Beton hier. Möglichst unverkleidet. Mit Löchern. Nackt. Grau. 60er-Beton. Die U-Bahnhöfe sind funktionabel bis zur Gesichtslosigkeit. Sie haben im Untergrund das vorweggenommen, was Berlin jetzt architektonisch an der Oberfläche nachholt. Glückwünsche.

Fucking funktionabel. Sie sollten hier keine Seile rumliegen lassen. Hätte ich eines gehabt, hätte ich mich vor lauter Depression aufgeknüpft. Aber Haken haben sie auch nicht, ich hätte also erst bohren und dübeln müssen. Zu umständlich.

Und weil der nackte Beton alleine nicht reicht, braucht es noch Neonfunzeln. Alter, ob vielleicht doch nicht irgendwo ein Seil … mit Haken? Nein?

Nee, das ist kein Knast. Nur U-Bahnhof Frankenstraße. Ich muss in die Sonne, sonst vertrockne ich hier und stehe als eine Art bizarre Dörrpflanzeninstallation als Kunst im öffentlichen Raum für alle Ewigkeit in Nürnbergs Betoninferno herum.

Derweil sucht einer seinen Hund Bonczek und ich finde, mit dem gestochen scharfen Bild hat er gute Chancen, seinen Flohzirkus wieder zu finden. Nicht. Wo ist das aufgenommen? Sandsturm? Sendeschluss im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nach Mitternacht? Nach der Nationalhymne? Ach hör doch auf, hier hat einer sein Ultraschallbild hingehängt. Weil er stolz wie Bolle ist.

Aber die Abrisse mit der Telefonnummer sind alle weg. Wahrscheinlich melden jetzt alle Passanten irgendwelche herrenlosen Tiere, die sie den ganzen Tag über so sichten, an diesen Typen, der wahrscheinlich wegen akuter Entnervung schon längst seine Telefonnummer gewechselt hat, weil man ihm jeden Tag zugeflogene Kanarienvögel, streunende Katzen und fette Ratten im Keller gemeldet hat.

Wenn Sie als Berliner hier U-Bahn fahren, bekommen Sie einen gepfefferten Kulturschock. Die U-Bahnen sind sauber. Kein Müll, keine Kotze, niemand onaniert, keiner frisst stinkenden Billigranz, der den Wagen zuräuchert, kein Bushido blechert aus geklauten Smartphones. Kein einziger Edding-Tag, kein einziger Scratch, von ordentlichem Graffiti wollen wir erst gar nicht anfangen. Oh Gott, sauberer, pünktlicher öffentlicher Nahverkehr, wie halten die Einheimischen das aus? Ich fange an, nervös zu werden. Ich kann so nicht leben. Kann nicht wenigstens mal jemand auf den Boden spucken?

Und freundlich sind sie hier. Sie machen den Omas die nicht gerade einfach zu öffnenden U-Bahn-Türen auf, sie machen Platz, sie weichen aus. Niemand rempelt mich an, niemand boxt mich weg, niemand tritt mir auf den Fuß. Das macht mich noch nervöser und so stelle ich mich absichtlich mit meinem Gepäck an eine enge Stelle – haha, jetzt krieg‘ ich euch, Franken – und schaffe so aus purer Bosheit eine Streßsituation, doch keine Chance, sie laufen einen Umweg um eine Säule und schauen immer noch freundlich. Ich komme überhaupt nicht klar und entwickle Mitleid mit mir selbst. Wer in Berlin wohnt, wird offenbar ein Psychopath und verliert außerhalb der Stadt jede Interaktionsfähigkeit mit normalen Menschen.

Kurz darauf auf dem Festivalgelände weht der Geist der Aufklärung.

Haha.

Nein, natürlich nicht, hier weht an allen Stellen irgendein Ismus. Was ist das hier? Weightismus?

Es gibt hier T-Shirts gegen Männer und natürlich auch gegen Frauen zu kaufen. Ich finde, hier müsste Jabba, unsere Frauenbeauftragte aus dem Borgwürfel, mal aufräumen. Rock im Park hat sie so nötig wie nichts sonst. Bei uns ist sie sowieso durch, es gibt jetzt genauso viele karrieregeile Frauen, die über Leichen gehen, wie es derlei Männer gibt. Mission accomplished.

Sowieso ist die Niveaugrenze der Shirts, die hier spazieren getragen werden, gewohnt prekär: Ficken Bumsen Blasen, alles auf dem Rasen, Bier formte diesen wunderschönen Körper, Andere Länder – andere Titten, Lieber 5 vor 12 als keine vor 1.

Yo.

Buchstabenejakulat aus den 80ern. Aber einen Lichtblick gibt es:

Der sympathischste Fußballverein der Welt ist auch da.

Und ein Veganer:

Haha. Während alle anderen Fressstände, an denen es Kadaver am Spieß, im Brötchen, auf Toast oder in der Schüssel gibt, völlig überfüllt sind, herrscht beim Veganer gähnende Leere. Nur ein Besoffener steht davor und hält eine flammende Rede für den Fleischkonsum. Ich muss schon wieder lachen, ich will nicht, aber ich muss. Gnarf Gnarf. Nicht lachen. Haha. Ich kann nicht anders. Hier werden sie sich nie durchsetzen. Nie. Überall sonst. Nur hier nicht. Hier herrscht das Nackensteak, das Cevapcici, die fiese Bratwurst. Kein Fußbreit der Sprosse.

Kurz zurück zum Eingang.

Sehen Sie sie? Nein? Schauen Sie doch mal genau hin.

Die Armut steht hier und bittet um Pfand. Es sind vorwiegend alte Menschen. Locker fünfzehn an der Zahl. Zwanzig vielleicht. Sobald jemand eine Büchse oder Flasche austrinkt, kämpfen sie um dessen Pfandgut. Dabei identifizieren sie mit geschultem Auge jemanden, dessen Getränk zur Neige geht und nähern sich, möglichst auffälliger als der Konkurrent, aber nie so aufdringlich, dass es den Geber verprellt, um im richtigen Augenblick Sichtkontakt herzustellen und das Pfand einzusacken.

Das gab es früher nicht. Hallo Deutschland, du Insel, sie sind jetzt da und sie werden immer mehr. Ich sehe auch wieder Altpapiersammler in Berlin. Die kenne ich nur aus dem Geschichtsbuch, wenn die 30er-Jahre am Start sind. Ich sehe auch immer mehr mit Mülltüten und Decken auf Einkaufswagen bewehrte Schlafstätten unter Brücken. Und eben alte Pfandsammler am Rande von Festivals und Konzerten. Merkt noch jemand, dass es mehr werden? Oder fällt das sonst keinem auf?

Egal. Somme. Sonner. Somnerschwein. Es geht mir gut. Nachdem ich die Armut wie alle hier erfolgreich verdrängt habe, setzt mein nur leicht angetrunkenes Hirn Endorphine frei und findet es gut, dass das Rock im Park-Festival auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der NSDAP stattfindet. Es ist die einzig sinnvolle Verwendung für diese Altlast. Plattrocken. Runterrocken. Umwidmen. Die alten Nazi-Wuchtsteine bekotzen, bepissen und beschallen. Geistervertreibung wenn man so will.

Party on.

Noch sind die Dixi-Klos sauber.

Und es gibt noch Papier. Keine anderthalb Stunden später wird auch dieses Scheißhaus einer Bürgerkriegslandschaft gleichen. Wait for it.

Der Opener ist In Extremo. Minnesangartiges Mittelaltergedudel mit Zimbel und Dudelsack. Dudel. Sack. Auf den. Zumindest scheint die Sonne.

Metallica hat den Vorbands verboten, auf den Steg zu gehen, der ins Publikum hineinführt. Sagt der In Extremo-Sänger. Nur um kurz danach auf den Steg zu gehen mit dem Hinweis, wem das nicht passe, der darf sich gerne bei Obama beschweren. Yeah. Punkrock, alter Mann. Mach sie fertig, die Scheiß Amis. Sollen sie mal sehen, was hier ’ne Harke ist. Hier ist einer, der sich wehrt.

In Extremo haben ihr Büro in Prenzlauer Berg. Ein wenig Widerstandsgeist hat offenbar auch dieser Bezirk behalten. Fast bin ich ein wenig stolz.

Socker. Mocker. Hodenschein. Ich chille Alter Bridge weg. Anachronistisches Alternative-Speedmetal-Geschrammel aus der Gruft für altwerdende Iron Maiden-Kutten-Träger.

Dann spielt Avenged Sevenfold. Ein Nu Metal-Relikt. Oder Revival. Egal. Geht gut. Geht sogar richtig gut.

Mit mir wartet Spiderschweinman auf den Headliner.

Der mich mit Kommerz nervt. Ich soll anrufen und fünfzig Cent zahlen. Immer wieder nerven sie mit Videobotschaften. Alle zehn Minuten spricht ein Musikant zum Volk und will Geld. Metallica by request nennen sie es. Ich nenne es Halt’s Maul und spiel, aber nerv mich nicht.

Da! Weißer Rauch!

Metallica!

Voll Panne. Er hält sein Smartphone in die Luft und macht Fotos.

Wie peinlich. Er macht noch eines.

Ach komm, eines geht noch. Panne Panne. Stulle Stulle. Blep Blep.

Nochmal Rauch. Aus! Aus! Das Spiel ist aus!

Sie waren gut. Natürlich waren sie gut. Metallica ist immer gut. Ob James Hetfield ein arroganter Mistkerl ist, ist völlig egal. Er ist gut. Sie sind gut. Metallica ist gut. Ausverkauf olé. Loudness mein Arsch. Mein Ohr fiept. Ich bin platt. Meine Güte, sind die gut. Alt, aber gut. Nur wenige Bands schaffen es, mich zu flashen. Metallica ist eine davon. Immer schon.

Jetzt Hunger. Alle Fressbuden sind entweder überfüllt oder zu. Oder vegan. Also ab in die Stadt, zurück zur Frankenstraße.

Doch es ist Nürnberg. Hier gibt es offenbar um Mitternacht nichts mehr zu essen, zumindest nicht hier. Kein Späti. Kein Döner. Keine prekäre Bratwurst. Nix. Nur Beton und ein Automat auf dem U-Bahnhof, der mir 60 Cent für eine obszön winzige Nic Nac-Packung aus der Tasche zieht, in der sich 16 Erdnüsse befinden.

In Berlin können Sie nicht verhungern nachts, sogar in Zehlendorf hat nach Mitternacht noch ein Döner offen, der einem die totgegarten Fleischreste vom zugefetteten Rost in das hart gewordene Fladenbrot quetscht, hier in Nürnberg müssen Sie umdenken. So einfach ist das hier mit der Nahrung um diese Zeit nicht mehr.

Egal. Morgen gibt es Frühstück. Der feine Herr Stevenson wohnt nämlich im Hotel und das erste Mal seit 15 Jahren Festivals nicht in der eigenen Scheiße auf dem Zeltplatz. Eine Schande, aber nicht zu ändern. Muss ich morgen eben frische Croissants zum warmen Rührei essen anstatt das kalte Nackensteak von gestern abend im rohen Aufbackbrötchen. Verdammt. Irgendwas ist immer.

 


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