Rock im Park 2014 – Diese Bilder werden dich zu Tränen rühren

Auf dem Weg nach Nürnberg. Zu Rock im Park. Heute abend spielt Metallica. 20:45 Uhr. Also frühen ICE buchen, den Nachmittag mitnehmen, die Wetter-App hat Zauberwetter angesagt. Zum Helden zeugen. Kurze Hose, Shirt, Sonnencreme, kaltes Bier. Ein paar Tage schön absiffen. Im Dreck. Schwitzen, Rocken, Saufen, Kiffen lieber nicht, es ist ja Bayern dort.

Ich fahre in der ersten Klasse des ICE und lese während der Fahrt ein Buch von Jutta Ditfurth. Ein Widerspruch? Aber sicher, die Welt ist voll davon. Ich buche immer erste Klasse, um vor schlimmen Menschen und ihren schlimmen Verhaltensweisen verschont zu sein. Denn die sparen sich erfahrungsgemäß den Aufschlag dafür und verunstalten nur den Rest des Zuges, in dem ich nicht sitze, mit ihrer Anwesenheit. Meist sind es die Knicker, die Knauser, die könnten, aber nicht wollen. Die sozial Inadäquaten. Nasenpopler. Telefonbrüller. Tratschtanten. Brüllzwerge. Brachialkonversationsnazis. In der ersten Klasse bei den Schlipsborg zu sitzen, hat Vorteile. Denn die aus der Beletage halten meistens ihr Maul, weil sie mit sich selbst beschäftigt sind. Da ist Stille. Kein Genöle. Kein Generve. Kein Geseier. Das gehört zu den Dingen, für die ich gerne zahle. Klassismus? Nein, Menschenverstand. Gesunder. Selbstschutz, wenn man so will.

Allein, die erste Klasse bringt mir heute nicht viel, nämlich exakt die Strecke von Berlin Gesundbrunnen bis Berlin Hauptbahnhof, dann steigt eine Familie mit vier (!) Kleinkindern zu und setzt sich … neben mich. Aber klar. Meine Güte. Eine Familie. In der ersten Klasse. Die müssen es ja haben. Wie auf Knopfdruck fangen drei der vier Zwerge an zu krakeelen. Der vierte nicht, der nölt nur. Ich stimme mich daraufhin mit Master of Puppets aus dem iPod ein. Volle Lautstärke. Das muss von außen betrachtet ziemlich rauschen und jetzt schauen sie mich böse an. Des Lärms wegen. Ich muss grinsen, ich kann manchmal nicht anders, ich muss manchmal ein böser Mensch sein, mein Gesicht ist dann ein einziger Stinkefinger mit Kopfhörern in den Ohren. Es geht nicht ohne. Es bewahrt mich vor dem Durchdrehen.

Derweil mufft durch den Zug der Geist der 80er. Eine schlecht gelaunte Servicekraft mäandert durch das Abteil und bietet Zeitungen feil. In Papier. Kein Witz. Ernsthaft in Papier. Einer nimmt eine Bild. Der Rest bleibt unangetastet. Vielleicht braucht er sie zum Scheißen bei Rock im Park, wenn auf den Festival-Dixis wie immer nach anderthalb Stunden das Papier leer geht. Keine Ahnung, was er damit sonst machen könnte.

Sie haben mir ein Online Ticket verkauft. Das ich jedoch ausdrucken muss. Damit sie mit ihrer 30er-Jahre-Zange einen Abdruck machen können. Einen Zangenabdruck. Steht so auf dem Papierfetzen, den sie Online-Ticket nennen. Ein Widerspruch? Sand in die Augen? Aber sicher. Es mufft, es mufft, es mufft. Hat der iPod vielleicht „Voyage Voyage“ drauf? In der Originalversion von Desireless gar? Denn ich mag es sehr, wenn Akustik mit Optik und Haptik harmoniert.

Natürlich gibt es auch kein WLan.

Kein WLan. Kein Hotspot. Kein Netz. Gar nix. Erste Klasse Deutsche Bahn 2014. Keine Verbindung e.V.

Das hat natürlich zur Folge, dass mir kurz hinter Südkreuz die Verbindung zur Außenwelt komplett zusammen bricht. Auf der ICE-Strecke durch die menschenleeren Wälder Brandenburgs und Sachsen-Anhalts haben sie maximal E. Oft gar nichts. Doch bei voller ICE-Geschwindigkeit mit E surfen, funktioniert überhaupt nicht. Funkzellenhopping. Ich bin zu schnell unterwegs dafür. Hier geht nichts. Sie bekommen nicht einmal eine E-Mail versandt.

Ich wollte Blogs lesen.

No way. Geht nicht. Einen Post bekam ich hinter Südkreuz noch auf, dann erst wieder in Wittenberg und dann noch einen in Bitterfeld sowie Halle an der Saale. Als der Zug stand. Um meinen Blogpost hier abschicken zu können, muss ich auf einen Haltepunkt warten. Oder auf einen Motorschaden am Zug. Gleich kommt Naumburg. Ich bin guter Dinge.

Mangels Internet lese ich Jutta Ditfurth. Eine kluge Frau, nur leben wöllte ich mit ihr nicht. Ein Leben als permanenter Kampf. Zeit des Zorns. Eine herrlich wutgeladene Elegie auf die Verhältnisse. So wie sie es seit 30 Jahren macht. Und nur mich und ein paar andere Nischenbewohner erreicht. Sie hat ja Recht. Nur hilft es eben nichts.

Ihr Buch ist als epub auf meiner Platte gespeichert. Das kann ich auch offline lesen. Alles andere, inklusive der Festival-App von Rock im Park ist an ein funktionierendes Netz gebunden.

Das die Bahn nicht hat. Glückwunsch.

08:30 Uhr. Der Zug steht nun in Naumburg an der Saale. Die letzte Möglichkeit bis Nürnberg, dieses Ding hier abzuschicken, wenn man von dem Bahnhof mit dem euphemistischsten Namen der Welt absieht: Jena Paradies. Noch 12 Stunden bis Metallica. Stay tuned und vergebt ihm die hässliche Clickbait-Überschrift für Hirnamputierte. Ich finde Persiflage immer noch das beste aller Mittel, mit hässlichen Dingen umzugehen.

Schöne Feiertage.

 


 

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