Eine Fratze in Beton

Ostkreuz. Sie scheißen einen Ghul nach dem anderen in den märkischen Sand. Es ist wieder soweit: In Berlin bauen sie wieder Bunker.

Wer will in so etwas wohnen? Ich dachte erst, das Ding wird noch an der Fassade ergänzt, irgendwie aufgehübscht oder so – vielleicht sogar mit Farbe, aber inzwischen wird klar: Nix, nur Rohputz. Man sieht sogar noch die Rillen der Maurerkellen. Wer plant das? Der Architekt muss einer dieser fanatischen Zweckbau-Kaufland-Baumarkt-Lagerhaus-Puristen sein, für die immer nur die reine Funktion und nie die Lust und schon gar nicht das Leben Maßstab des Handelns ist.

Beschönigen kann man das nicht. Es ist ein nichtssagender, grauer, ignoranter, uninspirierter, langweiliger, widernatürlicher, fieser, depressiver, lebensfeindlicher und abstoßender Betonklotz in grau grau grau.

Eine Sünde, wenn man so will. Eine Bausünde. Eine Seelenruine. Ein Offenbarungseid. Eine Fratze in Beton. Schon wieder eine. Von vielen.

Was sind das eigentlich für rostige Blechausbuchtungen? Balkone? Oder Schießscharten? Panzerausgucke? Knastkantinenfenster? Ich weiß es nicht, aber sie verleihen dem Klotz die Aura eines Atom-U-Boots und das Karma eines mausgrauen Verwaltungsdirektors der Senatsbauverwaltung. Wer tut so etwas und peinigt die Stadt mit so einem Anblick?

Jetzt ist das Ding also da. Und geht nicht mehr weg. Was tun damit? Ich würde es Turkmenistan als Konsulat anbieten, das passt, oder der JVA Moabit als Außenstelle für die ganz hoffnungslosen Fälle. Der BSR. Als überdimensionale Biotonne. Kaufland wohnt auch immer in solchen Beton-Wellblech-Gulags, vielleicht wollen die das Ding haben. Parkhaus geht zur Not auch, wobei es für ein Parkhaus fast schon wieder zu hässlich ist, da parkt doch keiner sein Auto drin, der nicht will, dass sich der Neuwagen vor lauter Trübsal in die Tiefe stürzt.

Die Farbbeutel, von Irregeleiteten in angenommener Putativnotwehr kriminellerweise an die Fassade geknallt, können es auch nicht mehr schlimmer machen. Hier kann eigentlich gar nichts mehr irgendwas schlimmer machen. Spätere Generationen werden auf uns zurückschauen und nicht verstehen, wieso wir Sarkophage wie diesen im Stadtbild zugelassen haben.

Wer kauft das eigentlich? War das Exposé gephotoshoppt und beginnt jetzt das böse Erwachen, als der Ghul endlich sein fürchterliches Haupt erhebt? Und wer kommt für die zwangsläufigen Therapiekosten für den Nachwuchs auf, der hier groß werden muss? Unterstellt die Krankenkasse da nicht Vorsatz?

Ich für meinen Teil habe mir jetzt eine Baseballmütze gekauft, die ich jedes Mal, wenn ich an so einem der immer zahlreicher werdenden Bunker vorbeilaufen muss, zur Seite drehe. Ich muss schon genug Elend jeden Tag sehen, das muss ich nicht noch mit architektonischem Elend der Extraklasse krönen, das mir das Karma versaut. Aber ich hege doch die Hoffnung, dass diese Betongruften, die eine Schneise der Verwüstung durch die gebeutelte Stadt schlagen, irgendwann doch mal von einem beherzten Verantwortlichen angemalt werden, der den Anblick einfach nicht mehr aushält. Gelb. Oder so. Gelb ist eine schöne Farbe. So froh. So freundlich. Ja, wenigstens anmalen, mit irgendwas. Irgendwie. Berlin ist die hässlichste Hauptstadt der Welt. Und man sorgt immer wieder aufs Neue dafür, dass das so bleibt.

 


Ein alter Text, 2012 auf der gestorbenen Bewertungsplattform Qype geschrieben und bebildert. Dort hat er nicht lange überlebt. Ich musste ihn immer wieder kürzen, bis ich ihn gelöscht habe, weil kaum noch was übrig war. Unter anderen sollte ich nicht behaupten, dass sich Neuwagen vor lauter Trübsal in die Tiefe stürzen können, weil dies faktisch nicht möglich – also eine Lüge – sei. Krasser Shit. 
Anyway. Hier ist er wieder. Ungekürzt und immer noch aktuell, denn der Ghul ist zwei Jahre später noch genauso hässlich.

 


 

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