Mittags. Pause in Schnösel City

Die freundliche Friederike möchte wissen, wie die anderen ihre Mittagspause verbringen und hat eine Blogparade ins Leben gerufen. Die läuft noch bis 27. Juni und wer mag, kann joinen (dieses Verb habe ich extra für diejenigen eingebaut, die mich seit kurzem wieder so unfreundlich wie penetrant dazu auffordern, im Blog keine englischen Begriffe zu verwenden, weil das kein Deutsch sei und hier wär doch immerhin Deutschland und so. Sorry, bitches, life is hard and then you die, deal with it.).

Es ist Mittag. Wir sehen hier eine Schüssel, eine Bowl, um genau zu sein, eine Viet Bowl. Darin eine Matsche aus Reis, Ente, Zitronengras, Sprossen und stuff like that, von der ich irrigerweise annehme, dass sie gesund ist. Wer hier authentisch sein will, isst das Ganze natürlich mit Stäbchen. Hier in Schnösel City ist Authentizität common sense, hier sind wir international, multicultural, wir essen organic, fair trade und freshly squeezed. China ist der neue Fixpunkt. Fixpoint, sorry. Und mit den Stäbchen fangen wir an.

Ich bin gerne hier, denn hier essen alle die zu Mittag, über die ich später wortreiche Jauche auskippen kann: Die feisten Anzugaffen und ihre devoten Praktikanten, die behighheelten Schnepfen, die sich für Gottes Geschenk an Schnösel City halten, Mandarin sprechende Freelancer, die aussehen wie auf Acid, sich selbst ausbeutende Designer, alle mit der gleichen Hornbrille, dem gleichen Bart und der unausrottbaren Hoffnung auf den einen Auftrag, der die prekäre Situation mal für ein paar Monate verbessern wird, und zuletzt die Crème: Die Entscheider, die an der Quelle sitzen, große Fresse, dicke Eier, doppeltes Kinn, Essen am Mundwinkel, inzwischen immer häufiger auch in Gestalt der Entscheiderin – Quengelstimme, Modell Kreissäge, Betonfrisur, eiskaltes von der Leyen-Grinsen. Und aus allen Himmelsrichtungen wabern Begriffe aus dem Terrorhandbuch für Technokraten durch den Raum: Benchmark. Milestone. Cluster. Matrix. Proaktiv. Dickshit. Fuck my brain.

Hier ist der Ort, an dem ich begonnen habe, zu akzeptieren, dass die Welt nicht besser werden wird, dass es immer in jeder Generation einen festen Prozentsatz x an grauen Zeitfressern und Agent Smiths gibt, dass sie immer wieder nachwachsen und immer wieder die Schlüsselstellen besetzen. Hier habe ich meine Theorie über den Haufen geworfen, dass mit jeder nachwachsenden Generation die Welt ein wenig besser werden wird. Ballyho. Setzen Sie sich zu mir auf eine leckere Bowl voller Reismatsche, dazu eine Coke Zero und verlieren Sie alle Illusionen in kürzester Zeit.

Schauen Sie, da hinten sitzt die Reiskornschnepfe. Ich nenne sie so, weil sie jede Reismatsche bis zum letzten Reiskorn mit den Stäbchen aufisst. Sie hält das für authentisch, dabei weiß sie nicht, dass auch Asiaten Löffel benutzen, wenn es mit Stäbchen nicht mehr weiter geht, oder dass Asiaten auch gerne mal einen Rest übrig lassen. Nichts auf dem Teller lassen kann nämlich ganz schön unhöflich sein, weil es dem Gastgeber das Gefühl geben könnte, nicht genug aufgetischt zu haben und er dann sein Gesicht verliert. Und weil sie das nicht weiß, pult sie ewig an den letzten Reiskörnern herum und kriegt sie ums Verrecken nicht auf die Stäbchen gehievt, weigert sich aber, einen Löffel zu nehmen, weil sie Löffel für europäisch hält und das dann in ihren Augen nicht authentisch wäre. Da hilft sie lieber mit den Fingern nach, wenn sie glaubt, dass keiner hinschaut.

Die Reiskornschnepfe ist eine Entscheiderin. Ich sah sie letztens mit dem feisten Rotgesicht zusammen sitzen, das sich mal bei einem Bericht über eine Geschäftsreise nach Kambodscha zu der Aussage verstieg, dass die Killing Fields ziemlich boring gewesen seien und sich als Event nicht lohnen würden. Sie haben gemeinsam Strategien entworfen. Zum Märkte erobern und so. Was Entscheider so machen, wenn sie zusammen sitzen.

Flankiert werden sie meist von Praktikanten, die sich eine Anschlussverwendung von einem der beiden Unsympathen erhoffen und ihnen deswegen in den Arsch kriechen müssen. Wahrscheinlich haben die beiden Borg gar keine Anschlussverwendung zu vergeben, sondern sind nur Besitzer einer Karotte, die sie den armen Eseln vor die Nase halten, denn es sind immer neue Praktikanten am Start, die wahlweise bei der Reiskornschnepfe oder dem Rotgesicht sitzen, und sie haben alle diesen beseelten Blick, diese devote Körperhaltung, einige würden für dieses Praktikum wahrscheinlich noch was drauflegen.

Generation Praktikum werden sie zynisch genannt. Da kann ich ja froh sein. Mich nannte man Generation Golf und ich bin sogar einen gefahren damals. Den haben sie mir geklaut. Nach und nach. Erst die Stereoanlage, dann das Sportlenkrad, dann den Tank (!) und zuletzt Motor und Reifen. Den Rest habe ich verschrotten lassen. Generation Golf. Bau mich auseinander und klau mich. Haha. Immerhin besser als „Saug mich aus und schmeiß mich danach raus“.

Die Jugend. Da sitzt sie. Harmlos wie Chihuahuas. Dressiert wie Pudel. Der Druck wirkt. So tickt der Mensch. Zuckerbrotkrumen. Und die Knute. So sitzen sie hier und lecken fleißig Stiefel. Wartet hier jemand noch auf ein Aufbegehren? Nein? Ich schon. Das Aufbegehren werden deren Kinder übernehmen, die den Mehltau, den ihre stockkonservativen Eltern so verinnerlicht haben, nicht mehr ertragen werden. Diese Kinder werden sie Generation Aggro nennen, sie werden pure Wut sein und wenn ich Glück habe, werde ich das noch in einem der prekären Altersheime (in Tegel, Sie wissen schon) mitverfolgen können, vorausgesetzt, dass sie dann nicht wieder das Internet abgestellt haben und auf allen Kanälen Katzenbabyfilme oder Ursula von der Leyen zeigen, die dann immer noch das Land regieren wird.

So, ich muss wieder an die Arbeit. Sitzt die Krawatte? Ja? Also auf geht’s. Bitte sehr, Friederike. Das war meine Mittagspause. Ein unverstellter Blick auf die Realität, über die ich manchmal den Schleier meiner Fantasie lege und mir vorstelle, ich spaziere auf den lauschigen Feldwegen des Odenwalds, auf denen mir nur selten ein Mensch begegnet und wenn, dann lächelt er mich an. Schöne Grüße.

 


 

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