Besuch bei David Bowie

David Bowie ist zu Gast im Martin-Gropius-Bau. Und ich muss da hin. Dabei mag ich Ausstellungen gar nicht. Immer zu viele Menschen und vor allem immer wieder diese übl(ich)e Mischpoke aus den ganz doll wichtigen Kulturschnöseln dieser Stadt, die auf allen Events anzutreffen ist, bei denen die Chance besteht, dass sie auf einem Schnappschuss einer Lokalzeitung oder eines Stadtmagazins landen und in denen sie ihr Umfeld mit dieser typischen kulturschickeriaeigenen Udo Walz-Parodiestimme nebst einer Breitseite absolut nutzlosen Wissens penetrieren können. So sind sie, piek und fein, schnöselig, alt-westberlinerisch, kannten noch Juhnke und Pfitzmann persönlich, in der Optik entweder anorektisch (dann in der Regel weiblich) oder mit obszöner Hirschbratenplautze (dann definitiv männlich) vorneweg, die eines eint: Sie sind furchtbar wichtig. Und sie wissen Bescheid, was bitte auch jeder wissen darf. „Ach, der David, ja, das waren wilde Zeiten damals in der Hauptstraße in Schöneberg. Der ging ja auch bei uns ein und aus.“ Schnösel Schnösel. Wichtig Wichtig. Ugga Ugga. Dauert auch nicht mehr lange und sie sind so tot wie die Bee Gees. Und dann bleibt nur die Frage, ob etwas Gleichartiges nachwächst oder ob evolutionär ausnahmsweise mal was besser wird.

Natürlich halten sie es bei ihrem Besuch auch für eine Zumutung, dass es keinen separaten Termin für die Wichtigen abseits der ordinären Öffnungszeiten für den Pöbel gibt. Pöbel? Na klar, der ist auch da. Und wie. In der Berliner Morgenpost, der Bild-Zeitung für Wilmersdorfer Kaffeetanten, stand eine (vermutlich gekaufte, man kennt das ja) Lobeshymne auf die Ausstellung, also muss der ganze Damenkegelclub Schmargendorf da hin und gesellt sich zu den Skatclubs, den Doppelkopfclubs, den MauMau-Clubs, den Tegeler Rentnerrommérunden (RRR) und natürlich zu den unvermeidlichen Touristen, deren Hotel offenbar ein paar Freikarten unter die brusttaschenbehängten Flip Flop-Gesichter geschmissen hat, so gelangweilt latschen sie hier durch die Räume. Helau. Kölner Karnevalarschgeigen fehlen noch, aber die sind wahrscheinlich gerade beim Holocaust-Mahnmal und rufen mit ihren Klatschhüten auf einer Stele die neunte Jahreszeit aus.

Armer David Bowie, arme tolle Ausstellung. Voll überrannt. Die Veranstalter haben versucht, clever zu sein und vergeben Tickets nach Einlasszeit, Zeitfenster: eine Viertelstunde. Nur hilft das nichts, wenn man trotzdem munter massenhaft Schlangensteher rein lässt als gäbe es kein Morgen. Die armen Irren, die sich ein zehn Euro teureres Exklusivticket gekauft haben und damit ohne Zeitfenster rein dürfen wann sie wollen. Das hätten sie mit dem normalen Ticket für 15,20 an der Schlange auch haben können. Haha. Verarsch sie doch.

Die Folge der extrem eigenwilligen Einlasspolitik (heute gab es übrigens Alliterationen im Angebot, zusammen mit einem Eisbergsalat und einer Packung Maggi Fix für Züricher Geschnetzeltes) ist natürlich Gedrängel. Na klar. Vor jedem Exponat bildet sich jeweils eine deutscheposteske Warteschlange, an der die Deutschen (die erkennt man immer an den hässlichsten Klamotten) brav aufgereiht wie eine Perlenkette stehen und mit der Leidensmiene der ewig Geknechteten vor sich hin miesepetern. Südländer jeglicher Couleur bevorzugen hingegen das Rudelprinzip, ziehen nonchalant an der Schlange vorbei und dann nimmt der Deutsche übel und pöbelt. Jiptsjajanich. Kannoniwahsein. Herrlich. Och bitte, so grämt euch doch nicht, es wird immer so sein, weil es nie anders war. Der Deutsche gegen den Rest der Welt. Und immer will man ihm Böses.

Ich sehe auch einen armen Vater. Einen mit Brüllzwerg. Mitten in der Ausstellung. Der kleine Antichrist ist nicht zu beruhigen, schlägt um sich, reißt den kleinen Kopf hin und her und fast erwartet man jeden Moment kleine rosa Lungenbröckchen durch die Szenerie fliegen, weil so eine kleine Lunge doch irgendwann diesen Druck nicht mehr aushalten wird und final platzt. Yo. Zwergeninferno. Brüllwürfel. Der Exorzist. Ist manchmal so. Ich kenn‘ das. Manchmal knallen sie durch und dann geht nichts mehr. Sie können dann nur noch irgendwo hingehen, wo irgendwas rauscht, eine U-Bahn, die Leipziger Straße oder sie packen gleich einen kleinen Hotelfön mit zu den Windeln und den zwei Ersatzstramplern in den Kinderwagen und stellen sich damit in irgendeine Ecke, die eine Steckdose hat. Mehr geht nicht. Manchmal knallen sie durch, ist eben so, da kann man summen, singen, tänzeln, wippen wie man will. Hilft nix. Weiß eigentlich jeder. Deshalb die Frage: Warum geht der mit seiner tickenden Zeitbombe in eine überfüllte Ausstellung mit viel Blink Blink, Leucht Leucht und lauter Musik? Das ist doch Vorsatz. Oder vorzeitige Demenz. Grassierende Idiotie. Sowas. Tut man nicht. Zwerge, die noch nicht sprechen können, sind sozial inadäquat, gerne vor Publikum. Ziemlich sicher vor Publikum sogar.

Und Publikum hat er genug, der arme Vater. Genervte Männer, mitleidige Mütter, von denen tatsächlich zwei von der Seite in die Szenerie grätschen und ungefragt versuchen, den kleinen Terroristen zu beruhigen. Hey, klar, grätschende Mütter, kenn‘ ich, sie müssen das tun, denn das ist ja auch ein Mann und insofern leider unvollkommen, der kann nix, sieht man doch, da müssen die Profis ran. Ich nenne sie Muttereingriffskommando (MEK), gerne auch in der Variante Omaeingriffskommando (OEK). Sie sind überall zur Stelle und greifen ein, wenn es gilt, Vätern zu zeigen, dass es so nicht geht, sondern so.

Doch auch die Sondereingriffsmütter scheitern und schaffen es nicht, die menschliche Kreissäge abzustellen, was mich dann doch wieder freut. Die, die immer alles besser können, können manchmal eben doch nicht alles besser. Haha. Aber dann gibt es doch noch ein Happy End, es dauert zwar noch zehn Minuten, dann fällt der Gnom tatsächlich in ein erschöpfungsbedingtes Koma und ich kann David Bowie wieder singen hören.

Es ist eine tolle Ausstellung. Aber ja. David Bowie ist einer der großartigsten Künstler, die die Popwelt hervorgebracht hat. Mit einem Charisma, das mich fesselt wie kaum etwas anderes. Ein faszinierender Mensch. Ein Wanderer zwischen den Geschlechtern. Als Frau und als Mann ein Knockout.

Gibt es keine Bilder von der Ausstellung?

Nein, gibt es nicht. Man darf nichts knipsen und eine ganze Armee Security-Minijobber, die wahrscheinlich das Jobcenter hier zwangsabgestellt hat, überwacht das Verbot. Ich habe am Einlass zunächst wenig Verständnis dafür aufgebracht, aber kurz darauf eingesehen: Wenn diese ganze Stampede wuselnder Orientierungskrüppel in dieser Ausstellung auch noch jeden Fetzen Notenblatt und Schmierzettel fotografieren würde und jeder von denen am Schluss mit den üblichen 680 Schnappschüssen rausgeht, von denen sie sich nie wieder einen anschauen werden, würde es noch länger dauern, vorwärts zu kommen und der Nervfaktor würde ins Unerträgliche steigen, wenn sich auch noch Smartphone-Knipsgeräusche zu den unvermeidlichen Lady Gaga-Klingeltönen und dem halbminütlichen Gepfeife irgendwelcher Messenger gesellen. Inferno. Dante. Nervenklinik. Sie wissen schon.

Sonst noch was zur Ausstellung?

Nein, es ist alles geschrieben worden. Überall. Fragen Sie Google. Jede Dorfzeitung hat was gebracht. Ich muss das nicht alles wiederholen und ich habe auch keine Lust, aus Wikipedia abgeschriebene Informationen zum Lebensweg von David Bowie (ja, er hat mal in Berlin gewohnt, man fasst es nicht, mit Iggy Pop zusammen, ja doch) in eigenen Sätzen zum Besten zu geben.

Soll man nun hingehen?

Wenn Sie David Bowie nicht mögen, lassen Sie es sein, denn es wäre für Sie enorm anstregend, viel Hintergrundwissen, viele Songs, die Ihnen vermutlich schon in den 80ern egal waren, viele Statements vom Künstler selbst zu rein künstlerischen Aspekten, mit denen Sie nichts anfangen können werden, nein, lassen Sie es, tun Sie es auch nicht für Ihren Partner, den Sie lieben und der blöderweise David Bowie mag. Sie werden leiden und ihn danach nicht mehr lieben. Lassen Sie es sein. Es bringt nichts.

Wenn Sie jedoch David Bowie mögen, dann gehen Sie hin. Es ist toll. Der Künstler wird angemessen in der ihm eigenen Exzentrik inszeniert. Kurzweilig. Wissen schaffend. Unterhaltend. Mit viel Musik. Und was mich betrifft: So beeindruckend wie mich David Bowie immer wieder beeindruckt. Es lohnt sich, hierfür mal wieder im schönen Martin Gropius-Bau vorbei zu schauen.


Karten hier: http://www.davidbowie-berlin.de/


 

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