Kackefähnchen

Partystimmung kommt auf. Der Kiez hat endlich eine Beschäftigung für die nicht ausgelasteten Rentner und Mütter gefunden, die sonst illegal rauchen lassende Gastwirte dem Ordnungsamt melden oder die heilige Mülltrennung überwachen müssten: Kotfähnchen.

Ich sehe die Hundebesitzer schon zittern: „Oh nein, bitte keine Fähnchen, zu Hülfe, sie haben schon eines in Haskos Häufchen gesteckt. Was soll ich tun? Dieser Druck, dieser enorme Druck, ojemine. Fähnchen! Wie unmenschlich!“

Der kreativen Bekämpfung des Unvermeidlichen sind hier im Kiez keine Grenzen gesetzt: Meistens versuchen sie es mit Zetteln, Aushängen, sogar Plakaten. Manche nehmen Sprühfarbe und machen die Haufen neonrosa. Oder gelb, grün, blau. Einer drückte mir mal eines der unzähligen Prenzlauer Berger Idiotenwutbürger-Flugblätter in die Hand, die es hier für und gegen alles gibt: Für Gehwegplatten, gegen Gehwegplatten, für Parktaschen auf der Pappelallee, gegen Parktaschen auf der Pappelallee, gegen Ebbe, für Flut, oder andersrum, gegen das Wetter, für mehr Soja in der Kresse, was weiß ich denn…

„Kampf dem Hundekot“ stand drauf. Dabei habe ich gar keinen Hund, aber sehe vielleicht wie einer aus, der einen hat oder einen kennt, der einen kennt, dessen Sohn sein Kumpel einen Nachbarn hat, dessen Frau einen haben könnte. Kampf dem Hundekot. Den Häufchen den Kampf ansagen. Der Duktus aus FDJ-Handbüchern. Allzeit bereit. Huhu, da sind wir wieder.

Jetzt laufen also Menschen ohne Leben durch den Kiez und stecken Fähnchen in Hundekacke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, das sind wahrscheinlich genau die, die sich nie trauen würden, einen der kleinpimmeligen Kampfhundhalter von Auge zu Auge darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Flohzirkus gerade einen fetten dampfenden Haufen Dünnes in die Storchschnabelgewächse des nächstgelegenen Urban-Gardening-Projekts geschissen hat.

Nein, so etwas machen sie nicht, sie machen das lieber so schön doof, so um die Ecke, so indirekt, so folgenlos, sicher schleichen sie sich nach Anbruch der Dunkelheit aus dem Haus, Kragen hoch, Schlapphut auf, im Jutebeutel die in mühevoller Handarbeit oder einfach bei Pfennigland gekauften Kackefähnchen und machen einen auf Stadtguerilla. Politik der kleinen Nadelstiche. Der Ninja und seine Nacht. In der Hoffnung, dass einer der bräsigen Bezirkspolitiker mal durch den Kiez läuft und die Mühe goutiert, die der Bürger sich gemacht hat, aber dann doch wieder nichts zur Abhilfe unternimmt, weil man gegen das Unvermeidliche nichts machen kann, außer … ja, was würde helfen…?

Ja, gut …

… ich weiß, was hilft, aber das darf man wieder nicht: Am Genick packen und mit der Nase in den Haufen titschen, wenn er noch so richtig schön warm und weich ist. Rein mit der Nase. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. So wie sie es mit Hasko machen, wenn er auf den schönen Flokati vom Dänischen Bettenhaus gekackt hat. Würde helfen. Darf man aber nicht. Lehne ich auch ab, weil Bürgerwehrnazigehabe. Wir sind doch hier nicht in Brandenburg, wo die NPD im Dorfanger Streife läuft und auf die Leinenpflicht aufmerksam macht.

So bleibt nur die Beschäftigungstherapie für einen armseligen Haufen Kreuzritter mit Opferabo wider das Unausweichliche. Eine abgekotete Sache quasi (oh Gott, mein Hirn, diese Wortspiele…). Aber schön, dass sie hier zusammenfinden, die alten Abschnittsbevollmächtigten und die jungen Spielplatzfurien. Perfekte Staffelstabübergabe. Eine Symbiose, vereinigt im Kampf gegen Windmühlen aus Kot. Mich freut das, denn so kann ich wieder eine Batterie Rotweinflaschen im Restmüll versenken, weil die Aufpasser gerade durch eine andere Mission abgelenkt sind.

Probleme? Hier? Nein, sonst keine. Hier ist Prenzlauer Berg. Bitte gehen Sie weiter.

 


 

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