Altersheim reloaded II: Auf dem Tegeler See

Raus aus Tegel. Mit dem Dampfer. Von Tegel nach Mitte.

MS Roland von Berlin heißt der Kutter.

Ein adeliges Schiff sozusagen.

Haha.

Wie war’s?

Leer war’s.

Leerer geht kaum noch.

Dem Service ist der Service dennoch völlig entglitten.

Das gehört zu den Dingen, die ich nicht verstehe: So ein Schiff kann eine Goldgrube sein, wenn man sich kümmert. Ich und mit mir eine Handvoll Verstreuter hätten viel mehr gesoffen als ein trauriges Glas, und ziemlich sicher sogar was gegessen, es war ein Tag zum sich einen anballern, ein Bier- und Bockwurst-Tag. Mit Senf. Molle. Korn. Egal was. Zweieinhalb Stunden Schiff fahren. Also füll‘ uns ab, Gastronom. Mach uns die Portemonnaies leer. Hier sitzt dankbare Kundschaft.

Nope, war nicht drin, denn hier machen sie es folgendermaßen: Einmal kurz nach dem Ablegen kommt ein völlig überdrehter Mensch an Deck für die Bestellung, dann noch einmal zum Servieren und irgendwann kurz vor Ende zum Abkassieren. Das war es dann. Mehr ist nicht vorgesehen.

Einer der mit mir Versprengten hatte eine Batterie kleine Kümmerlingfläschchen im Rucksack dabei, weil er immer eine Batterie kleine Kümmerlingfläschchen dabei hat. Für schlechte Zeiten. Oder er ahnte, was hier passiert. Nämlich nichts. Kümmerling. Wenigstens. Zum Wegsaufen der gastronomischen Katastrophe. Ja, Saufen hilft oft in aussichtslosen Situationen und so auch hier.

Bei dem kurzen Auftritt der Gastgeber auf dem Deck ist der Eindruck ein fahriger, planloser, völlig konfuser. Getränke werden wahllos irgendwo hingestellt, manche kommen gar nicht, aus Klein mach Groß und aus Groß mach Klein und „Ick wees jetz jerade nich wat dit hier is“. Dazu kommt die so übliche wie grässliche Berliner Folklore: „Sie waat’n jetz.“ und „Hamwa nich.“ Eat this and go fuck yourself, Scheißtourist. Und ich bin nicht mal einer.

Es gibt hier oben an Deck auch keine Karte für das, was man hier widerwillig anbietet, man muss raten, was es an Bord zu Kaufen gibt. Das was dann kommt, ist das Billigste, was auf dem Markt zu finden ist – der Lidl-Rumfusel dominiert die Cola, der Spritwhisky das Ginger Ale. Wenigstens schmeckt das Bier. Sie nehmen immerhin kein Sternburg. Froh zu sein bedarf es heute wenig.

Und wenn der Scheiß einmal abgeladen ist, passiert nichts mehr.

Nichts.

Tucker. Tucker.

Gurk. Gurk.

Plitsch. Platsch.

Durch Tegels Pampa.

Durch Charlottenburgs Pampa.

Durch Tiergartens Pampa.

Bis in die größte Pampa: Mitte.

Niemand zu sehen, der was verkaufen will.

Einmal nach etwas über einer Stunde habe ich dehydriert und hungrig einen Geist mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen gesehen. Dieser Geist rannte in einer bizarren Darbietung ausufernder Panik mit wedelnden Armen vorbei und wehrte dabei alle Versuche ab, irgendetwas zu bestellen. „Jetz jehtet nich!“ „Späta!“.

Kurz vor dem Regierungsviertel – dem Ziel der Irrfahrt – kam der Geist zum finalen Abkassieren, völlig außer Atem und ohne Anflug von Empathie für das Häufchen Gäste, die man oben an Deck ganz einfach sich selber überlassen hat – während das Unterdeck ebenso leer war. Hey, Gastronom, ich verstehe dich nicht. Welche Sprache sprichst du? Warum machst du nicht etwas, das du besser kannst? Geranien züchten. Schafe scheren. Kühe melken. Kiosk. Tankstelle. Sexshop. Sowas.

Ich möchte nicht wissen, wie das ist, wenn nicht nur ich mit ein paar anderen Tagedieben hier oben rumsitze, sondern das halbe Altersheim Tegel hier den 50. Jahrestag der Frühpensionierung von Opa Kowalke feiert und das Deck aus allen Nähten platzt. Wenn da nicht der Kaffee HAG unverzüglich nachgegossen wird, schmeißen die Zombies doch mit altem Brot und knüpfen Pippi Langstrumpf mit ihren fleischfarbenen Stützstrumpfhosen am Achtermast auf.

Memo: Gehst du nach Tegel auf ein Schiff, pack dir Stullen ein. Und ein paar Batterien kleine Kümmerlingfläschchen mehr. Oder gleich die Flasche Glenlivet. Sláinte.

 


 

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