Die Blut- Schweiß- und Tränen-Rede von der re:publica

Sascha Lobo hat auf der re:publica seine jährliche Brandrede gehalten, heuer: Zur Lage der Nation.

Man kann die rhetorisch gewohnt brillante Rede wie folgt zusammenfassen: Die Netzpolitik braucht Hauptamtliche für eine schlagkräftige Lobby und diese Hauptamtlichen müssen wir gut bezahlen. Sonst geht alles den Bach runter. NSA. Vorratsdatenspeicherung. Zeter. Mordio. Der ganze Scheiß.

Danach passierte das, was immer passiert, wenn Sascha Lobo redet: Die Reaktionen lassen sich grob in zwei Lager einteilen, zum einen in die Fraktion „Sascha, führ mich an, ich will ein Kind von dir“ und zum anderen „Lobo, die Kommerzbitch, is mir egal wat der zu sagen hat„. Als Gimmick findet sich dieses Mal auch ein SPD-Vertreter ein, der sich selbst in die Startlöcher lobt, immer bereit, einen Platz an einer Stelle einzunehmen, an der ein warmer Wind weht. So weit, so erwartbar.

Eine der wenigen differenzierten Positionen habe ich hier gefunden, ansonsten gilt wieder „Love it or hate it.“

Natürlich ist Sascha Lobo ein Verkäufer und vermarktet sich in erster Linie selbst. Das ist doch klar und auch völlig in Ordnung, denn er muss davon leben. Und wenn wir tatsächlich eine schlagkräftige Lobby für Netzpolitik aufbauen, wird er ganz sicher in vorderster Linie stehen, wenn die Pöstchen verteilt werden, das ist ebenfalls absolut klar.

Aber das braucht es auch, es braucht Leute, die eine Sache verkaufen können. Die Grünen brauchten einen Fischer, um groß zu werden, so wie wir einen Lobo brauchen. Es braucht einen, der eine Sache voran bringt, einen, der sich vorne hinstellt, einen, der Blut- Schweiß- und Tränen-Reden hält, einen, der die träge Masse gelangweilter Konsumenten mitzieht, einen, der vom Gegner ernst genommen wird, einen, der auf einer einflussreichen Onlineplattform Kolumnen schreibt, die von Hunderttausenden Normalbürgern und nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus der dreistelligen Filterbubble gelesen werden. Und wenn wir schon solche haben, die das können, müssen wir sie doch unterstützen, denn sie haben die Mittel für eine schlagkräftige Lobby. Ja, das meine ich ernst. Haut doch nicht immer den fähigsten Leuten die Beine weg. Das haben die Piraten schon gemacht. Das funktioniert nicht und endet als Lachnummer im Politghetto, wie man sieht.Früher dachte ich immer, dass gute Arbeit und guter Wille alleine reicht, um vorwärts zu kommen, etwas zu bewegen, eine gute Sache voran zu treiben. Inzwischen habe ich die Erkenntnis erlitten: Das ist nicht der Fall. Guter Wille alleine reicht nicht. Man muss sich und das, was man will, auch verkaufen können. Man muss es aufbereiten, zielgruppenorientiert vermarkten. An die, die einem helfen können, eine Sache durchzusetzen. Sich durchzusetzen meinetwegen. Man muss Netzwerke bilden, Allianzen, Überzeugungsarbeit leisten, auch mal ein Bier mit den richtigen Leuten trinken gehen. Das ist harte Arbeit. Ich musste das für meinen eigenen Lebensweg lernen. Ich kann das jetzt. Und es funktioniert.

So ist es auch mit der Netzgemeinde. Es reicht nicht, dass wir wissen, dass wir die Guten sind, es reicht nicht, dass wir uns gegenseitig in unserer eigenen Suppe versichern, wie wichtig unser Anliegen ist und wie scheiße die anderen sind, es braucht auch einen, der das mit der nötigen Rhetorik an die richtigen Adressaten verkauft und der vor allem die Kanäle hat, um dieses Wissen an den wichtigen und richtigen Stellen zu platzieren. 

Und – um das ganz klar zu stellen – der darf für den Job gerne gut bezahlt werden. Er muss es sogar. Wenn er seinen Job gut macht.Doch halt, ganz so naiv sollte man nicht sein, denn das Risiko bei der Sache besteht natürlich darin, dass so ein Vorhaben mit Pöstchen und Gehaltslisten im Namen der Netzgemeinde auf längere Sicht zu degenerieren droht wie jede feste Struktur mit installierten Alphamännchen (oder -weibchen) auf Dauer degeneriert. Es entsteht dann das, was überall entsteht: Ämterhäufung, Filz, wie in einem Borgwürfel wird der ursprünglich gutwillige Exponent von der Beletage, in die er entsandt wurde, assimiliert und korrumpiert und das mit allen Konsequenzen. Patronage, faule Kompromisse, Verwässerung. Manchmal sogar Korruption. Und dann haben wir irgendwann plötzlich die fünf Aufsichtsratsposten bei fragwürdigen Unternehmen, dann haben wir das Mietmaul für 10.000 € pro Vortrag vor dem Bankenverband, dann haben wir die Einladungen der Lobbyisten, die Häppchen, die Schnittchen, die Dienstwagen von Audi, den Führungsjob für den Schulkameraden oder die Partnerin bei Yahoo, Dell, Facebook oder in einer Bundesbehörde, Beckedahl sitzt plötzlich bei Apple und Haeusler bei VW, wo auch schon Lobo sitzt, wenn er neben dem Job als Kommunikationsbeauftragter von Amazon, Samsung und Microsoft noch Zeit findet.

Und über kurz oder lang wird plötzlich eine Vorratsdatenspeicherung light mit der schweigenden Zustimmung der Exponenten der Netzgemeinde eingeführt, die dann schon lange nicht mehr die sind, als die sie entsandt wurden.

Warum? Weil der Mensch so ist. Irgendwann sitzt ein Fischer bei BMW und ein Rezzo Schlauch bei EnBW. Telekom. Thyssen. North Stream. Oder ein Lobo bei Vodafone (scnr). So ist das halt. Menschen drohen korrumpiert zu werden, weil Menschen auch nur Menschen sind.

Dennoch und trotzdem: Es braucht jetzt Lautsprecher. Es braucht Verkäufer. Es braucht gute Verkäufer. Und Lobo ist einer. Beckedahl auch. Also bezahlen wir sie auch dafür, so lange sie einen guten Job machen. Und das tun sie.

Nur eines bedenkt bitte: Wir müssen sie irgendwann konsequent einfangen, wenn sie drohen abzuheben. Und das wird passieren. Weil es immer passiert.


Der Text basiert auf meinen Beiträgen zu einer Diskussion bei der Schrottpresse.

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