Holy Damn 2014: Die Schleicher

Die Bewohner der Ostseeküste können übrigens kein Auto fahren. Sie fahren zu langsam und damit meine ich nicht ein wenig zu langsam, sondern entnervend zu langsam. Unerträglich zu langsam. Stirn-auf-Lenkrad-blutig-hämmer-zu langsam, was heißt: Immer locker 20 km/h weniger als auf dem Schild steht. Steht dort 80, fahren sie 60. Und in der Ortschaft 30 ohne dass eine Zone in Sicht ist. Und in der 30-Zone halten sie fast an, so dass die Kolonne, die sie zwangsläufig hinter sich her ziehen und an deren Ende ich festhänge, von Radfahrern überholt wird.

Sie können jede Wette in beliebiger Höhe eingehen: Haben Sie eine strichgerade Strecke, auf der keine Tempobegrenzung besteht und auf der Sie die Karre geschmeidig auf 120 km/h (= schöne Reisegeschwindigkeit für Landstraßen, aber noch kein Führerschein weg falls die Bullen Sie ficken) bringen könnten, werden Sie vor sich garantiert einen finden, der 70 fährt. 70 ist die magische Zahl, mehr bringen sie nicht, ihre Autos sind wahrscheinlich alle genau an dieser Stelle gedrosselt. Wenn hier einer über 70 fährt, kommt er nicht von hier. Berlin. Polen. Übersee. Keine Ahnung warum, aber der Ostseebewohner schleicht. Sogar die Kahlköpfigen mit ihren tiefergelegten VW Golfs und den uniformen Frei.Wild-Aufklebern am Heck. SLK-Fahrer. Sportwagen. Junge. Alte. Irgendetwas mischen sie ins Wasser. Wahrscheinlich THC. Oder Valium. Freiwillig fährt doch keiner weniger als er muss. Was ist da los?

Was? Überholen? Können Sie vergessen, weil ein paar hundert Meter weiter der nächste Schleicher darauf wartet, Sie abzubremsen. Sie haben keine Chance, es sind zu viele. Einer folgt auf den anderen, der wieder auf einen anderen folgt und wenn ein Traktor die Fahrspur dicht macht, zieht er eine absurde Schlange Ostseebewohner über Kilometer hinter sich her. Weil sie nicht mal den überholen.

Einmal fuhr ich zwanzig Minuten in Kolonne hinter einem Bagger her, bis der endlich seine Baustelle erreicht hat. Sie haben ihn nicht überholt. Zu stressig wahrscheinlich. Das macht das Herz nicht mehr mit. Oder sie gurken einfach gerne in Schrittgeschwindigkeit durch ihre malerischen Rapsfelder, auf dass sie die Halme einzeln zählen können.

Während ich hinter einem Ostseebewohner her fahre, kann ich problemlos mit dem Smartphone fotografieren, …

… meine Nägel feilen, die zerfetzten Insekten auf meiner Windschutzscheibe mit dem Blut meiner Stirn zu einem Malen-nach-Zahlen-Bild verbinden und wahrscheinlich sogar meine Steuererklärung machen. Oder den Zwerg auf dem Rücksitz neu wickeln während ich den Wagen mit den Füßen steuere. Kein Problem. Es gibt kein Risiko zu verunfallen. Nicht bei der Geschwindigkeit.

Ostsee. Ich bin gerne hier, aber ich muss jetzt dringend zurück nach Berlin, die Leute hier sind auf Dauer zu entspannt. Ich brauche wieder Stress, ich brauche wieder Irre, ich brauche diese Psychopathen, die mich die Welt hassen lehren, Brandenburger am besten, jene von der Sorte, die mir bei 120 auf der Landstraße mit verkniffener Miene hinten an der Stoßstange kleben, aber sich nicht trauen, mich zu überholen, bis ich schließlich kurz auf die Bremse tippe, wonach sie vollbremsen und fast in den Graben rauschen. Die will ich, die brauch‘ ich. Nach tagelangem Hinterhergurken am Ende der zum Ausrasten lahmen Autoschlangen schleichender Osteebewohner möchte ich wieder hysterische Verrückte haben: Minischwänze, die ihre Reifen im Takt zum Kirmestechno aus ihrer Bassrolle quietschen lassen. Vollgekotzte Sprittis in der S-Bahn, die eine Melodie furzen können. Im Kanon rülpsende Herthaproleten. Hellersdorfer Dödelnazis in zu kleinen Hosen. Weddinger Kindergangster mit quäkendem Sido aus dem Smartphone. Flugblätterverteilende Initiativmütter mit schneidender Kreissägenstimme. Fußgängerfräsende Kampfradler und ihre Stinkefinger. Autofahrer, die beim kleinsten Tropfen Regen das Autofahren komplett verlernen. Egal. Ich will meine Bekloppten wieder. Also her mit denen. Hallo Berlin, da bin ich wieder. Schön, dass du noch da bist. Ich weiß, du wirst mich innerhalb von zwei Stunden dazu bringen, wieder an die Ostsee zu wollen, aber das macht nix. Ich brauch‘ dich.