Holy Damn 2014: Das Gruselkabinett der Schnepfen und Schnösel

Holy Damn. Ich bin in Heiligendamm. Dem Schnöselreservat, dem Refugium der Reichen, hier modert der wilhelminische Muff, der ganze Ort atmet Pickelhaube. Gräfinnen und Fürsten. Maybach und Lambo. Trusts und Mogule. Gier und Pomp. Some things never change, Mortimer.

Und wie in allen Käffern Mecklenburgs üblich, plakatiert hier ausschließlich die NPD. Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der es witzig findet, dass sie auch für Heiligendamm keine Ausnahme machen.

Ich glaube nicht, dass sie hier viele Wähler finden werden, denn das, was hier in ledergepolsterten Strandkörben mit Liegefunktion rumlümmelt, lässt wählen. Von Bediensteten. Irgendetwas konzernfreundliches. FDP. AfD. Irgendsowas.

Hier lümmelt Geld. Und Alter. Altes Geld. Neues Geld. Hier mufft es nach Adel. Und nach Neureichen. Es ist die Welt der Golfspieler. Der Westenträger mit Taschenuhr. Der Pelzmäntel. Cartier. Lederhandschuhe vom neuseeländischen Wiesenlamm. Klunker. Louboutin an den veraderten Füßen. Strumpfhosen verdecken die Altersflecken. Fleischfarben, aber edel. Nicht wie Omma selig mit Flecken und Löchern.

Der Ort wirkt ausgestorben, nur wenige Menschen hier. Und das trotz besten Wetters. Lebendig ist anders. Das Ding hier läuft nicht, habe ich gelesen. Verbonzt bis zum Umfallen, in Steifheit erstarrt, vom Feinsten, vom Feinsten, aber kaum Publikum. Na klar, der Geldadel fährt im Allgemeinen lieber nach Sylt. Oder gleich nach Kitzbühel. Aber sicher nicht nach Mecklenburg. Ich bin wirklich überrascht, kaum jemand hier. Nicht einmal ukrainische Oligarchen. Oder russische. Wohl zu beschäftigt momentan. Oder dürfen nicht einreisen.

Fantastisches Wetter trifft auf Kurwald trifft auf unglaubliche Ruhe. Nur ist keiner da, der das nachfragt. Bis auf drei steinalte Schnepfen an einem Tisch, die mit abgespreizten Fingern an einem Gruß aus der Küche – es scheint eine Teigtasche zu sein – knabbern, einen Greis im Anzug und weißen Handschuhen in einem Strandkorb, von dem ich nicht weiß, ob er der tote Gründer des ganzen Ensembles ist, den sie hier mumifiziert ausgestellt haben wie Lenin auf dem Roten Platz, und einen dicken alten Schnösel mit Guttenberg-Gel und simultangegeeltem Sohn, die irgendeine rosa Suppe und dazu Dom Pérignon schlürfen. Fehlt nur noch der Klischee-Hummer. Ich seh‘ keinen. Was ist da los? Ich hoffe mal, der kommt noch als zweiter oder dritter Gang.

Auf dem Parkplatz steht natürlich ein Ferrari herum. Schwarz, nicht rot. Und ein Lambo. Auch schwarz, nicht gelb. Und natürlich Mercedes neben Mercedes neben Mercedes. Eine Klischee-Trutzburg zieht eben Klischees an. Man kann es nicht ändern. Wenigstens trotten ein paar Touristen durch die Szenerie, werfen sich in die billigeren Strandkörbe, in die sich auch der Pöbel setzen darf (wahrscheinlich damit es hier nach mehr Gästen aussieht), und fühlen sich ein paar Minuten lang auch reich. Zaungäste.

Die Mumien, die hier gebucht haben, werden angegafft wie die Elefanten im Zoo. Ob die das merken? Mir wäre das ja unangenehm. Natürlich schaue ich sie auch an, klar, aber nur weil sie so einen missmutigen Eindruck machen. So viel Geld muss doch eigentlich Spaß machen, mag man denken, aber das tut es nicht, wenn so viel anderes fehlt.

Geld macht sowieso, glaube ich, nur bis zu dem Zeitpunkt glücklich, an dem man seine Rechnungen und die wesentlichen individuellen Bedürfnisse entspannt zahlen kann und trotzdem ein wenig übrig bleibt. Alles darüber hinaus schafft Angst, es zu verlieren, Angst vor jemandem, der einem etwas wegnehmen könnte. Angst dominiert ab dann das Leben. Verlustangst. Etwas nicht mehr zu haben, das vorher da war. Und je mehr vorher da war, desto mehr können sie verlieren. Von der unglaublichen Langeweile, sich alles mögliche schon gekauft zu haben, so dass der Grenznutzen des Lustgewinns durch den reinen Akt des Erwerbens unaufhaltsam abnimmt, einmal ganz abgesehen. Glück? Diese Menschen wirken nicht glücklich, sie wirken verhärmt. Abgestanden. Voller Furcht. Voller Langeweile. Ein Leben ohne Höhepunkte, weil sie schon seit jeher ganz oben sind.

Ich finde es fast vermessen, dass ich denke, dass ich so nicht leben mag. So ein Leben, das sie führen, gilt allgemein als erstrebenswert, doch ich glaube nicht, dass es das ist. Hier sitzt nicht das Glück, hier sitzt der Stumpfsinn. Die ewige Langeweile. Vor der Entenbalontine an Berberitzen-Jus mit Soja-Baiser. Darf ich Ihnen noch etwas bringen? Das Orangen-Fenchel-Sorbet ist heute vorzüglich.

Die Mecklenburger Poppernaziverschnitte mit ihren Heinrich-Himmler-Frisuren hingegen …

(Abbildung ähnlich)

… wirken im Vergleich zu dieser anachronistischen Steifheit fast gelöst. Man hat sie hier in alberne Pagenuniformen gesteckt und sie müssen immer, wenn sie jemanden sehen, der mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Gast sein könnte, ganz freundlich lächeln, Guten Tag sagen und auf Wünsche warten, die sie erfüllen können. Das tun sie auch mir gegenüber und das finde ich lustig, weil ich heute bei weitem nicht wie ein Gast an diesem Ort aussehe. Ja klar, Obacht, sie müssen immer auch mit Käuzen rechnen. Wer reich ist, kann so kauzig sein und wie ein Penner aussehen. Es ist nicht immer gleich alles Gucci, sondern manchmal Fila Turnschuh mit Loch. Also besser einmal zu viel als einmal zu wenig grüßen.

Ansonsten halten die Pagenhimmler Maulaffen feil, weil sie nicht wissen was sie sonst tun sollen. Sie haben kaum Gäste. Der Job ist langweilig. Aber immerhin gibt es überhaupt einen abseits von Kik und Spargelstechen. Und Tankstelle. McDonalds an der Autobahnabfahrt. Und dem ewigen Sanddornabbau, den sie hier an der ganzen Küste in allen möglichen absurden Variationen an unbedarfte Touristen verscheuern.

Das billigste Zimmer kostet hier 290,- die Nacht. Nebenan in einem der Ostseebäder für das arbeitende Volk bekommt man dafür ’ne Woche. Das ist ein ziemlicher Batzen Geld für die Nacht in einem weiß getünchten Grab. Mit Stuck. Die Sonne scheint und ich finde es trotzdem eisig.

Schau schau, was für eine Klischee-Trutzburg es ist. Eine Trutzburg haben sie damals auch gebaut, als die G8 hier waren. 2007. Putin war noch unser Freund und ein clownesker Sarkozy lallte champagnerbesoffen irgendetwas in die Mikrofone.

Und Bush, der damals das machen durfte, was Putin heute nicht darf, war auch da. Was sie dort beschlossen haben, weiß schon heute keine Sau mehr, aber gekostet hat der ganze Firlefanz 92 Millionen Euro. Um die Kasper in dieser Trutzburg vor den Protesten zu schützen. Und die Bundeswehr war auch dabei und flog tief. Rechts um.

Ich habe mich damals über jeden kleinen Sieg, jeden kleinen Nadelstich gegen den Popanz gefreut. Die Kleinen gegen die Großen. Klassisch. Und die Kleinen haben natürlich verloren. Weil die Kleinen immer verlieren.

Alles Historie. Jetzt ist wieder alles tot hier. Viel Leerstand und Verfall abseits des Grand Hotels und der Kurklinik.

Wolle Villa kaufe?

Neben dem Luxusressort gammeln alte Prunkbauten vor sich hin und verfallen zusehens. Keiner will das kaufen, keiner will hier hin, in diese Grabesatmosphäre. Es riecht schon von weitem nach Verwesung. Hier ist kein Spaß, hier ist kein Leben, hier ist kein Lachen, hier ist nur Krabbensüppchen. Und ein Gruß aus der Küche. Den die, die tatsächlich hier Urlaub machen, schon gar nicht mehr schmecken, weil ihnen sowieso schon alles egal ist. Man könnte ihnen auch Möwenscheiße in die mediterranen Teigtaschen füllen. Ich bezweifle, dass sie es merken würden.

Weg hier. Ich muss wieder weiter. Weiter die Ostsee entlang. Wenn ich es vermeiden kann, werde ich nie wieder hierher kommen nach Heiligendamm. Weil eine Geisterbahn auf die Kirmes gehört und nicht an den Strand.


 

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