Hunde scheißen auf eigene Gefahr

Wir sehen eine typische zugeschissene Fläche in Prenzlauer Berg und jemand, der offensichtlich noch nicht lange genug hier wohnt, um von der so beliebten wie unvermeidlichen Berliner Kackwurstparade zu wissen, mag sich nicht damit abfinden und schreibt erst einmal einen Zettel:

Verstehe ich nicht. Was heißt „auf eigene Gefahr“? Selbstschussanlagen sehe ich keine und Panzerabwehrminen, vor denen er warnen muss, wird er wohl auch nicht vergraben haben. Bleibt nur eines: So zugekackt wie das Teil ist, laufen Hunde nur in Gefahr, mit den Pfoten in die Scheiße anderer Hunde zu treten. Wahrscheinlich meint er das mit seiner Warnung. Und das ist fast schon wieder nett, zumindest wenn man voraussetzt, dass Hunde lesen können.

Aber stimmt schon, die Chance, in eine Kackwurst zu treten, ist auf dieser kleinen Fläche vergleichsweise hoch. So weit ist es also schon gekommen, dass die Hunde beim Kacken ihre eigene Medizin schmecken, die sie später mit ihren Pfoten in die Teppiche muffiger Souterrainwohnungen einsamer Trinker und alleinstehender Omas einmassieren.

Berlin oh Berlin, Stadt der ewigen Kackwürste und des ewigen Fäkalnebelaromas in der feinverstaubten Luft. Jetzt schreibt wieder einer Zettel deswegen. Dabei war es immer schon so in dieser Stadt und in Prenzlauer Berg im Besonderen. Wahrscheinlich hat sich schon Albrecht der Bär mit dem Zustand geplagt, als er an den ersten paar strohgedeckten Ziegelhütten am Ufer der sumpfigen Spree vorbeiritt und beim Absteigen in einen frischen dampfenden Haufen Scheiße vom Brandenburger Wolfshund trat. Und das zieht sich seitdem durch bis heute. Niemand wird daran je etwas ändern. Das kauft man quasi mit, wenn man hier wohnt, das ist eingepreist. Folklore. Lokalkolorit. Tradition mit Leidenschaft. Die Stadt sollte damit auf ihren lächerlichen „Be Berlin“-Plakaten werben. Aus Scheiße Gold machen quasi. Keine Stadt kann solch eine beeindruckende Kotparade vorweisen. Keine. Wir sind die Besten dieses Metiers. Das muss man doch nutzen.

Und nun schreibt einer Zettel, weil er denkt, das ändere etwas an einem unänderbaren Zustand. Genauso gut könnte er versuchen, dem Mond per Dekret zu verbieten, eine Ebbe an der Nordsee herbeizuführen. Pfft.

„Hundekacka“ war tatsächlich eines der ersten Wörter, die mein Kind flüssig sprechen konnte. Noch vom dem eigenen Namen. Weil es früh lernen musste, Slalom um die Kackwürste zu laufen und sie möglichst nicht anzufassen geschweige denn in den Mund zu stecken. Hundekacka. Danach erst Papa, Danke und Hallo. Hervorragend, ich ziehe ein echtes Stadtkind groß. Merkt sich die wesentlichen Dinge. Fahrradnazi, Herthaprolet und Bioschnösel kann es auch schon. Nur das Wort „Dachgeschosshippie“ klappt noch nicht ganz so gut, aber wir deklinieren täglich. Früh übt sich, wer ein gesundes Feindbild haben will.

Halten wir also fest: Zu den wenigen Dingen, die auch die raumgreifende Gentrifizierung nie aus dieser Stadt vertreiben wird, gehört neben den ewigen Schlaglöchern, den stinkenden Gullideckeln der ausgetrockneten Kanalisation, der maroden Berliner S-Bahn und dem immerwährenden Politfilz auf jeden Fall die Hundescheiße. Und das ist gut. Konstanten sind wichtig im Leben von Menschen. Das wird hoffentlich auch der Zettelschreiber noch begreifen, wenn er sich erst einmal hier eingelebt hat. Denn wenn um ihn herum alles den Bach runtergeht, Lieblingsläden dicht- und Bioläden neben Bioläden aufmachen, Normalverdiener, die kein Yoga- und Psychotherapeuten-Abo haben, raus ins Märkische Viertel ziehen, ein Luxusdachgeschoss nach dem anderen auf die Altbauten ejakuliert wird und überhaupt nichts sonst so bleibt wie es war, dann gibt es immer noch die Hundescheiße, an deren Anblick man sich festhalten kann. Die ist immer da. Ein Stück Geborgenheit auf dieser Mondlandschaft von Trottoir dieser stinkenden Stadt. Manchmal braucht es nicht viel.

 


 

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