Auf der Modersohnbrücke

Hier ist meine Lieblingsbrücke, ausnahmsweise mal bei Tag:

Meine Lieblingsbrücke war sie immer schon. Sie ist viel cooler und hat viel mehr Style als die zugepisste Oberbaumbrücke, dieses vernachlässigte Symbol einer vernachlässigten Stadt abseits der Neureichenviertel, die sie anderswo entstehen lässt.

Ich mag es wie die Brücke schwankt, wenn ein LKW auf ihr fährt.

Ich mag sowieso ihre Ästhetik. Die schöne Symmetrie. Das Runde. Den Schwung. Das Schlichte. Und doch nicht Hässliche.

Ich mag jedoch vor allem die Atmosphäre am Abend, wenn die Sonne über der immer viel zu hektischen Mitte dieser Stadt untergeht und sich hier auf der Modersohnbrücke die Welt trifft, auf ein Bier, oder zwei, oder drei, so entspannt, dass ich froh bin, hier zu sein und nicht dort. An dem Ort, den sie Mitte nennen und an dem ich inzwischen der Alien bin.

Doch hier ist auch Mitte. Meine. Bier in der Hand, Tütchen dazu, einer trommelt, da hinten spielt irgendeiner Gitarre und ein anderer neben mir sogar Maultrommel. Und da vorne pfeift ein Wurstgesicht Helene Fischer. Wolle Petry. Kastelruther Spatzen. Oder Heino. Sowas.

Mich bringt das nicht aus der Ruhe. Hier bringt mich gar nichts aus der Ruhe, denn mir fehlt jetzt nur noch ein Lagerfeuer. Und ein paar Würstchen für den Fressflash. Curryketchup dazu. Chips würden auch gehen. Gummibären wegen mir, wenn sonst nichts da ist. Alles, nur kein Tofu.

Das Besondere an diesem Ort ist, dass nie jemand nervt, weil hier niemand wohnt, der Polizeien ruft und die ewigen Stresser auf E und Koks und Egal, die sonst an vergleichbaren Orten mit dem Intervall einer außer Kontrolle geratenen Katjushabatterie Karmapunkte abgeben, zu meiner Freude ein paar hundert Meter weiter weg von hier die Warschauer verseuchen. Oder drüben den Lenbachplatz. Boxhagener. Görli. Kater Holzig. Wilde Renate. Oder irgendeinen anderen Bretterverschlag mit Großmäulern und teuren Getränken.

Chill Chill Modersohn. Hier stört einfach niemand, keiner, nicht mal die Touristen und ihre unvermeidlichen Duckface-Selfies mit Mitte-Background, auch nicht die schlecht angezogenen Provinzpomeranzen, deren von den großen Schwestern aufgetragene 90er-Klamotte hier fast schon wieder als trendy durchgeht, und ebenso wenig die Brandenburger Bauerndorfkinder mit Uwe-Böhnhardt-Gedächtnisfrisur, die so tun als wären sie von hier und nicht gerade zum ersten Mal im Leben mit dem VBB-Anschlussticket aus Fangschleuse ausgereist, um im Berghain schon zehn Meter vor der Tür abzublitzen. Weil man es ihnen ansieht. Die Fangschleuse. Und den Mettigel. Die Wilthener Goldkrone. Weil man es ihnen immer ansieht.

Ach was, ist doch alles egal, denn später, wenn die Sonne weg ist, leuchtet die Stadt uns Knetbirnen gemeinsam heim und wird so schön wie sie in Wirklichkeit gar nicht ist.

Doch soll keiner glauben, Modersohn könne nicht auch spooky, denn hier kann man sogar ab und zu eine S-Bahn fahren sehen. Seltener als früher seit sie fährt wie sie will, aber man wird ja bescheiden mit den Jahren. Kürzer sind sie auch geworden, die Wagen eines Zuges werden immer weniger. Irgendwann gondelt dann nur noch ein einsamer, mit Blechen am ehemaligen Durchgang vernieteter Viertelwagen zwischen Charlottenburg und Karlshorst hin und her, in den keiner mehr einsteigen kann, weil schon seit Savignyplatz keiner mehr reinpasst in die Blechbüchse. Oh Symbol der Zeit: Dinge werden weniger, dafür teurer.

Egal. Ich mag es hier.

Das Einzige, das hier komplett überflüssig ist, ist der Radweg, der auch hier nur im Ausnahmefall von Radfahrern befahren wird, die lieber auf dem Gehweg daneben auf die Fußgänger zurasen und erst im letzten Moment abdrehen – fast so als wäre der ohne Räder derjenige, der hier nichts verloren hat.

Manchmal dreht einer von ihnen einen Moment zu spät ab. Dann habe ich einen blauen Fleck mehr und er, der auf dem Sattel saß, schimpft vom Boden herauf.

Sinnlose Gewalt.

Modersohnbrücke. Chill-o-mat. Gleich geht die Sonne unter und ich mache mir noch ein Bier auf, drehe noch einen kleinen Spliff für mich und die, die neben mir stehen, frage mich, was das alles soll, warum wir uns das Leben so oft gegenseitig so schwer machen, warum die Dinge immer so sein müssen wie sie sind, schaue auf das neue Ostkreuz und seine halbfertigen Neubauten an der Revaler, die mir jetzt schon zeigen, wohin die Reise dieser Gegend geht, drehe mich um, schaue auf die Mitte dieser Stadt und freue mich wieder einmal, dass ich hier bin – an einem der weniger werdenden Orte der Stadt, an denen ich mich wohl fühle.


Es gibt auch einen Modersohnblog. Lesenswert, wenn auch ein wenig eingeschlafen in den letzten Jahren.
Die Bebilderung ist Best of Modersohn-Fotos aus den letzten zwei Jahren. Ich habe noch viel mehr, aber für eine schnöde Brücke soll das reichen.


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