Erschüttert (reprise)

Eigentlich wollte ich heute etwas über meine Lieblingsbrücke schreiben. Ein paar Fotos bei schönem Wetter, ein wenig seichter Text dazu. Eine kleine Hommage an einen Ort, an dem ich gerne bin. Feel Good Inc.

Ich bin auch schon so gut wie fertig damit, doch das muss warten, denn einer Bloggerin, die mir sehr nahe steht, ist etwas passiert, das auch mich erschüttert, obgleich ich mich in solchen Dingen für so wahnsinnig abgeklärt halte.

Die Bloggerin Serotonic hat vor über einem Jahr von einer ähnlichen Situation berichtet. Das Ganze ist nicht neu. Es gibt bei Facebook kranke Seelen, die sich falsche Identitäten geben, sich an andere heranwanzen, Vertrauen schaffen und dann mit einem überraschenden Schlag versuchen, den Menschen hinter dem Profil kaputt zu machen. Es sind Leute mit sadistischer Veranlagung auf dem Kriegspfad, die Spaß daran haben, anderen zu schaden. Da sie nicht mehr in der Schule sind, in der sie den Mülleimer über den Kopf des Klassenaussätzigen ausleeren können, leben sie ihre Veranlagung eben im Internet aus. Es geht darum, Menschen zu brechen. Fertig zu machen. Sie als Projektionsfläche für die eigenen charakterlichen Unzulänglichkeiten zu missbrauchen.

Was diese Menschen machen, geht über die klassische Trollerei hinaus. Was sind schon Trolle? Ich glaube, jeder Blogger mit einer Reichweite, die über den eigenen Freundeskreis hinausgeht, hat welche. Sie sind die Witzfiguren des Internets, sie schreiben unter verschiedenen Pseudonymen, diskutieren verschiedene Positionen mit sich selbst aus oder nehmen jeweils die kontroverse Position zur Hauptaussage eines Textes ein, einfach um Reaktionen zu provozieren. Sich zu spüren.

Gerade Politblogger, die eine klare Position beziehen, lernen Trolle früh kennen. Sie kommen unweigerlich. Die einen sperren sie, die anderen ignorieren sie, ich kenne kaum jemanden, der mit ihnen diskutiert. Nichtsdestotrotz finde ich, dass solche Trolle eine Art skurrile Auszeichnung für jeden Blogger sind. Wer welche hat, der bringt Menschen dazu, einen nicht unerheblichen Aufwand zu betreiben, sich mit dem Blogbetreiber und seinen Thesen zu beschäftigen, und wenn es nur darum geht, prinzipiell die Gegenposition einzunehmen. Ein solcher Aufwand kostet ja Zeit. Und Zeit = Aufmerksamkeit = Relevanz. So weit, so bekannt. Nein, Trolle sind nicht das Problem.

Schlimm sind die Stalker. Und sie kommen immer zuerst in Frieden. Als Freunde. Gönner. Bewunderer. Sie schmeicheln anfangs, sind begeistert, wollen mehr über die Person hinter dem Blog erfahren. Und, hey, Scheunentor Alter, Menschen sind empfänglich für Schmeichelei, natürlich, es ist ein Ego-Booster und davon können wir alle nie genug kriegen. Wir wollen doch zuletzt auch nur geliebt werden.

Der vorsichtige Beziehungsaufbau kann über Monate laufen. Immer mehr Informationen gehen raus. Irgendwann fällt der Realname, Familienverhältnisse werden offenbart, man trifft sich auf ein Bier, Geduld, Geduld, irgendwann ist es soweit, och, der Typ ist echt nett, und so verständnisvoll, da könnte man ja mal, der macht doch sicher nix böses…

Und dann kippt die Sache, plötzlich kommen sie, die Forderungen. Schreib mal über das, schreib mal über jenes, schreib das nicht mehr, denn das finde ich falsch, sperre diesen Kommentator, den mag ich nicht, hier, veröffentliche bitte diesen Text. Lass mich dein Gastblogger sein. Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Wie war das mit deiner Schwester? Ist sie noch krank? Sie liegt im Urban, nicht? Sag mal, möchtest du eigentlich deinen Namen auf meinem anonym gehosteten Blog lesen? Soll ich mal deinem Chef Bescheid geben was du hier machst? Ich weiß übrigens wo du wohnst. War ganz einfach. Zwinkersmiley.

So muss das nicht, so kann das aber ablaufen. Der charakterliche Bodensatz der Gesellschaft ist natürlich auch im Internet vertreten und nach dem Schema geht er vor. Es sind kranke Seelen ohne Leben. Abnorme Persönlichkeiten, die professionell behandelt werden müssen. Es sind Stalker. Verbrecher.

Der einzige Schutz ist, niemanden an die wahre Identität heran zu lassen, respektive niemanden hinter die virtuelle schauen zu lassen. Das tut mir leid für jene, die aus aufrichtiger Motivation mit mir ein Bier (oder einen Whisky) trinken wollen, jene, die tatsächlich aus Interesse (aka Neugier) wissen wollen, wer hinter diesem Avatar steckt. Sorry. No way. Danke für das Interesse, danke für die freundlichen Worte, aber nein. Keine Informationen. Kein Bier. Und leider auch kein Whisky.

Gut jetzt. Keine Lieblingsbrücke heute. Die kommt die Tage. Jetzt braucht es noch einen Schlussabsatz, eine Quintessenz, ein tl;dr.

Ich bin weit davon entfernt, kluge Ratschläge geben zu wollen. Jeder Blogger wird selbst situativ entscheiden müssen, wie er mit dem Bodensatz, der hin und wieder einen von uns heimsucht, umgeht. Nur so viel: Hier ist das Internet. Vertraue niemandem.

 


Hörtipp: Alternativlos Folge 31: Über Trolle, Empöreria und schlechte-Laune-Lawinen

*** Update 19.04.14: Ihr Blog ist jetzt dicht. Habt ihr sie also kleingekriegt. Seid stolz.

 


 

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