Einmal um Stralau herum

Ach Stralau.

Ach Stralau.

Was soll das denn?

Townhäuser. Stadthouses.

Fegefeuer der Eintönigkeit. Die Parzelle quadratisch abgegrenzt. Maschendrahtparadies. Bäume mit Zettel.

Kästen. Schließfächer. Eines wie das andere.

Hier soll irgendwo ein Kleinwagen sein. Ich seh‘ nix. Nur Schachbrett.

Besser umdrehen. Zum Wasser hin. Da hinten am Horizont fangen sie auch schon damit an.

Mit dieser öden Einfallslosigkeit. Norm. Norm. Norm. Und jeder nur 6,38 qm Vorgarten bitte. Parzelliert.

Alles so neu. Und doch so fad. Langeweile als Vorsatz. Gut für die Rente. Rentner. Wo sind die eigentlich?

Ah hier. Mit Bank.

Manchmal lassen sie sich was einfallen, die Architekten.

Dann gesellt sich etwas Blech zum Beton.

Blech. Beton. Zum Glück gibt es auch Bäume. Daran kann man sich aufknüpfen, wenn man die betongewordene Ödnis nicht mehr erträgt.

Symmetrie als Fetisch. Kein Mensch hier.

Wenigstens das Wasser ist noch nicht aus Beton. Ich bin schon froh für wenig.

Heimat. Berlin. Der sieht so aus als stünde der schon lange hier. Als hier noch nichts stand.

Es gibt sie aber noch, die verwunschenen Ecken.

Und ein alter Speicher, der heute schon nicht mehr so aussieht. Inzwischen ist hier Prosecco. Vernissage. Lautes Lachen. Stilettos. Geld. Soft. Soft. Loft. Ick hör dir…

Hinsetzen. Dem Beton den Rücken zukehren. Wie es ihm zusteht.

Dann zu die Augen. Brise fühlen.

Und wieder die Augen auf.

Raumschiff Stralau. I want to believe.

Doch Stralau kann auch grün.

Noch mehr grün. Und Poller. Je oller desto … nein, tu’s nicht.

Noch mehr grün. Wieso streicht denn keiner die Bänke? In Grau wär‘ doch schön. Oder in Blech.

Ein Plattenbau! Und das hier in Townhouseland. Fast freu‘ ich mich! Na wenigstens taugt er noch als Mobilfunkmaststandort.

Die Zielgruppe manifestiert sich. Mit eigenem Anleger. Abgeschlossen. Separiert. Mit Warentrenner. Respektive Zaun.

Und Stuhl.

Schöne.

Promenade. Die mal unterbrochen war. Weil ein Querulant den Uferweg nicht freigab. So sah das aus:

Niemand hat die Absicht, …

… einen Uferweg zu blockieren. Doch die Stadt war pfiffig, umging ihn erst mit einem Steg und ein wenig später haben sie ihn gebeugt. Der Weg ist jetzt frei.

Ein paar Meter weiter erhebt schon wieder ein Bunker sein hässliches Haupt. Diese Ansammlung von Glas und Beton auf dieser Halbinsel ist ein Panoptikum des schlechten Geschmacks. Wir laufen heute durch Marzahn und das Märkische Viertel und fragen uns, wie man das zulassen konnte. Das werden die nachfolgenden Generationen auf Stralau tun.

Können Wurzeln eigentlich Beton sprengen?

Kann man Wurzeln einmauern?

Mal die Bullen im Bullenboot fragen.

Hey Kalle!

Du warst ja auch schon hier!

Jetzt umzingelt man dein Denkmal mit cremefarbenen Townstadthäusernhouses. Und du bist nur noch Beiwerk. Folklore in der Pastellhölle.

So wie der alte Ost-Platten-Neungeschosser, der inzwischen demontiert und neu verkleidet worden ist. Appartements, Eigentum. Mit Buchtblick. Kaufen Sie jetzt.

Der Blick schweift nach gegenüber. Ich weiß nicht was schlimmer ist. Das hier oder Brache. Ist es so schwer geworden, schön zu bauen?

Und das hier? Hat Nordkorea auf Stralau ein Konsulat eröffnet?

Oder ist das ein Jugendknast mit Aussicht?

Arme Dora Benjamin. Sie rotiert wie eine Zentrifuge im kalten Grab.

Und hier. Das ist schon kein Bauhaus mehr, das ist Körperverletzung. Für die Augen. Sinne. Verstand.

Schon wieder Rechtecke. Schon wieder schwarz. Schon wieder weiß. Man muss schon froh sein, wenn es kein Pastell ist.

Was? Hier ist noch nichts betoniert? Das geht aber nicht.

Ah, hier ist er auch schon, der Hai. Und er hat seine Exposees dabei.

Und hier ist auch schon der schlimme Bäcker.

Und daneben der schlimme Pizzabäcker.

Ich muss weg. Wo geht’s bitte zur Oberbaumbrücke?

Danke. Ich hätte mich sonst verlaufen. In der Betonwüste.

Schüss …

… schüss …


Alter Qype-Beitrag von 2012. Fand ich zu schade zum Wegwerfen.


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