Regensburg: In der Apotheke

Kopfschmerzen in Regensburg. Sie sind ja immer alle so aufdringlich hilfreich in den Apotheken, seit man alles billiger im Internet bestellen kann. Beraten zu allem und klären über alles auf, was man immer schon wusste und deshalb nie erfragt hat: Aspirin für den Suffschädel? Nicht ohne Moralpredigt, dass man es nicht zusammen mit den Magenmitteln für das Suffsodbrennen nehmen darf. Und nicht mehr als drei täglich. Und nicht in die Ohren stecken. Und auch nicht in den Arsch. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Danke nein. Danke oh. Ich kuck in die Tüte: Traubenzucker! Acht, neun Stück. Endlich mal wieder! Muss ich erst nach Bayern fahren damit man mir wieder Traubenzucker als Giveaway mit in die Tüte packt? Das ist bei meiner Apotheke in Berlin schon lange abgeschafft. Nicht mal mein Kind bekommt noch etwas umsonst. Früher war mehr Lametta in den Apotheken Berlins, zumindest in meiner.

Heute? Wegrationalisiert.

Gestrichen.

An guten Tagen krieg‘ ich noch ein paar Taschentücher dort. Aber nur im Winter. Den Rest des Jahres krieg‘ ich gar nix. Nur im Winter popelige Taschentücher. Und selbst die nicht immer. Und die sind sowieso gar nicht mal so weich wie Tempo. Oder Zewa. Oder Floralys. Und überhaupt: Was soll ich mit Taschentüchern, wenn ich Traubenzucker lutschen könnte? Aloha Chemiehimbeere, Ahoi Laborzitrone. Die Welt ist schlecht.

Deshalb: Hey Regensburg, schön hier. Leugnen hilft nix: Für Berliner sind die Menschen dieser Stadt fast unerträglich nett und das auch noch ohne etwas von einem zu wollen. Wir sind das nicht gewohnt und denken immer, dass Menschen etwas im Schilde führen, wenn sie freundlich sind. Meistens wollen sie Geld. Oder ein Ohr für ihre Tiraden. Oder einfach nur die Hirne ihrer Umwelt weichgrillen. Verschwörungstheoretiker in der S-Bahn. Missionarsmütter mit Flugblättern auf dem Spielplatz. BüSo-Spinner vor den Schönhauser Allee Arcaden. Zeugen Jehovas. Scientology. Und überall diese Werbestudenten. Mit Zeitungen. Tierschutzabos. Johanniter. Spendendrücker. Wussten Sie, dass in Zawumbo Babys zur Taufe auf den Barbecuegrill geworfen werden? Unterschreiben Sie hier bitte.

Manche Gestalten, die einen in der Berliner S-Bahn ungefragt anlabern, möchte man nicht mal kurz aus den Augen lassen oder ihnen gar den Rücken zukehren. Wer weiß was die dann da machen. Huhu. Hauptstadtgrusel.

Hier nicht. Hier ist Regensburg. Hier sind die Menschen freundlich mit offenen Gesichtern und man merkt wie immer erst, wie paranoid Berlin macht, wenn man woanders ist.

 


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