Regensburg: Im Dom

Ein Dom ist ein Dom ist ein Dom. Er ist groß. Er ist massiv. Er ist verziert. Er ist düster. Er schüchtert ein. Er biegt und beugt den Untertan. Er macht Angst. Frühe Machtarchitektur. Heute baut man Glasbetonkästen stattdessen, in denen Banken und Versicherungen sitzen und ihre Macht demonstrieren. Das soll auch Angst machen. Klappt nicht so ganz. Das vorherrschende Gefühl, wenn man sich umhört, ist nach wie vor Zorn.

Der Dom zu Regensburg hat alles was ein Dom so haben muss: Eine Gruft, in der die Leichen der Bischöfe liegen, quietschende Babys, die zum erstenmal entdecken, dass ihre Stimmen auch hallen können (heute mit meinem Kind und seinem patentierten auf- und abschwellenden Wutanfall-Sirenenton im Kanon mit allen anderen touristischen Brüllzwergen), es gibt natürlich kommerzielle Kerzen zum Anzünden für die Oma selig (ein Euro das Stück, den ollen Tebartz und seinen Prunk muss man ja irgendwie wieder reinholen) und draußen vor den Türen auf den Stufen auch hier wieder die sinnlos in der Sonne siechenden Schulklassen, frisch von Walhalla mit dem Reisebus hierher in die Altstadt von Regensburg gekarrt, um sich nach den öden Marmorköppen zu allem Überfluss auch noch einen Dom anzuschauen, für den sich natürlich niemand interessiert.

Dafür leuchten viele kleine Smartphones in vielen kleinen Händen auf vielen großen Stufen, an denen es keine Rampe gibt. Warum nicht? Beten Behinderte nicht mehr? Will man keine neuen kleinen Lämmchen in Kinderwagen im Schoß der Kirche haben? Soll die Oma mit ihrem Rollator zuhause bleiben anstatt den Altersdurchschnitt im Gottesdienst noch ein wenig mehr in die Höhe zu treiben? Ach, fuck doch Barrierefreiheit, sagt man sich hier wohl, neumodischer Tinnef, sollen sie doch ihre Rollis und Buggys hochtragen und im Schweiße ihres Angesichts Brot dazu essen. So wie ich.

Die Jugend ist nett wie immer und hilft mir zuerst mit dem Buggy und später beim Rausgehen mit dem wertvollen Hinweis, dass es um die Ecke einen barrierefreien Nebeneingang gibt. Sauber.

Schick, so ein erzkatholischer Dom. Wäre Machtarchitektur auch heute noch so beeindruckend, wäre nicht viel, aber wenigstens optisch ein wenig gewonnen. In Berlin sind sie kleiner, die Domse. Und runder. Und weniger angstmachend. Eher gemütlich von der Aura her. Aber Berlin ist ja auch gottlos. Und für die vier versprengten Katholiken in der Hauptstadt würde sich so ein großer Dom eh nicht lohnen.

Das war Regensburg. Ich muss wieder weg. Ambivalent ist mir zumute. So ernst. So katholisch. So fremd. Und doch so nett wie die Jugend, die man im Parforceritt durch die Kulturgüter dieser Gegend peitscht.


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