Fuck die Nuss

Großartig. Die Jugend wacht endlich auf. Das ist Gesellschaftskritik wie ich sie mir vorstelle. Fuck die Nuss. Radikal. Impulsiv. Einprägsam. Alles was am System stinkt auf einen Punkt gebracht. Am Beispiel von Unicef – diesem Moloch und seiner Nuss. Es ist aber auch alles ein Witz. Ein System schafft systematisch Hunger, um den hernach mit Spenden aus der Welt zu schaffen. Sie schaffen es nicht, die Lebensmittelspekulation einzudämmen, mit der sich die Banken ihre goldenen Bidetwasserhähne verdienen, und gehen lieber den einfachen Weg einer teuren Plakatkampagne zum Geldsammeln für Nüsse, auf dass man die Folgen ihrer Unfähigkeit mit der Hilfe von Menschen und ihrem stellvertretenden schlechten Gewissen wenigstens ein wenig abmildert. Da bleibt nur Gegenwehr: Fuck die Nuss. Entlarvende Gesellschaftskritik geht nicht mehr treffender. Bravo.

Ja. Es gärt in der Jugend. Man spürt es an dem Rückgang der sinnlosen Tags und der Zunahme der subtilen Botschaften. Hier:

Der obligatorische Penis. Zu finden an jeder Ecke dieser Stadt, jeder Straßenbahnhaltestelle, jedem Cocktailbarscheißhaus, jedem Stromkasten. Der immerwährende Penis. Hey, und wir alle wissen: Ein Penis ist eine Waffe. Der Tagger arbeitet an dieser Stelle mit Metaphern. Seine Botschaft: Zu den Waffen! Aufstand! Revolte! So geht’s nicht weiter. Ein starkes Bild. Immer wieder gut.

Manches hingegen ist nicht ganz so gelungen:

Ja, dünnes Eis. Das Bärtchen. Der Tagger entlarvt an dieser Stelle den allgegenwärtigen Faschismus, der schon in jungen Jahren in junge Köpfe implementiert wird. Zumindest in Hellersdorf und in Brandenburger Dörfern mit chronischem Männerüberschuss. Er mahnt: Es ist nicht alles wie es scheint. Unter dem Pflaster liegt der blutgetränkte Boden. Und hinter dem Engelsgesicht lauert das Bärtchen. Blut. Boden. Heilsversprechen. Verführbarkeit. Der ewige Fluch der Jugend. Die Vorlage spricht auch für sich. Blond. Blauäugig. Alles da. Fehlt nur noch der Ausweg: Der Penis. Die Waffe. Dies wär‘ ein Aufruf zur Revolte. Dies wär‘ ein Aufruf zur Gewalt. Hier ist also noch Entwicklungspotenzial. Ich werde mir einen Edding kaufen und alle Bärtchen der Stadt mit Penissen ergänzen. Gemeinsam sind wir stark.

Unsere Jugend. Es gärt. Es rumort. Da platzt ihnen, sofern sie zufällig einen Edding zur Hand haben, angesichts der Verhältnisse spontan der Arsch und sie handeln. Und bemalen die Plakate in vollem Bewusstsein der Vergänglichkeit ihrer Werke. Es sind nur Werbeplakate. Vergänglich wie das Produkt, das sie bewerben. Vergänglich wie letztlich alles. Großartig. Manchmal braucht es wenig, den Sinn und vor allem den Unsinn des Daseins auf eine griffige Formel, in ein aussagekräftiges Bild oder überhaupt in den richtigen Kontext zu bringen. Fuck die Nuss. Der Penis. Das Bärtchen. Ich glaube an die Jugend. Die macht das schon. Yolo!

 

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