Spucker, Schweißer und ein Trauma

Ein Wochenende im März. Ich bin mal wieder in Falkensee. Zum Lauf der Sympathie. Start im Dorfkern von Falkensee, Ziel in der Altstadt von Spandau. Bundesländerübergreifend quasi.

Ich vermute, der Lauf soll dazu beitragen, dass sich Berliner und Brandenburger irgendwann wenigstens ein bisschen sympathisch finden – ein Vorhaben von erschreckender Realitätsferne.

Doch der Lauf ist sehr schön, sowohl landschaftlich als auch hinsichtlich der unvergleichlichen Befriedigung im Ziel, Brandenburg hinter sich gelassen zu haben.

Ich selbst habe ungute Erinnerungen an diesen Lauf. Ein Trauma, wenn man so will. Denn ich habe hier einmal komplett versagt. Den Anfängerfehler gemacht. Ich bin in der ersten Euphorie losgerannt wie ein Berserker, um Strecke zu machen. Schnell Strecke zu machen. Das ging einen Kilometer gut, dann kam das Seitenstechen. Und es hielt die restlichen neun Kilometer an. Beidseitig. Pulsierend. Mit Ausstrahlung in Brust und Hüfte. Glückwunsch. Ich hätte mich erschossen, wäre im Ziel eine Waffe zur Hand gewesen.

2014. Wieder hier also. Und, aha, das fürchterliche Furunkel, das sie hier Stadthalle nennen, ist auch noch da. Es hat mir noch nie Glück gebracht. Dieser Lauf klebt an meiner Läufervita wie der Politfilz an meiner Stadt. Die Zeiten hier waren immer miserabel, es gab nie etwas zu holen für mich. Kein Ruhm, keine Ehre und erst recht keine vernünftige Platzierung.

Heute wirbt diese hässlichste aller Stadthallen bezeichnenderweise für eine Agenda 21. Agenda. Brrrr. Das Wort Agenda macht mir Angst. Und die ist angebracht. Denn passenderweise wird Falkensee von der SPD regiert. Die kennen sich aus mit Agenden. Danach hat immer irgendwer weniger Geld. Und Stolz.

Sonst geht hier offenbar nichts voran. Die Halle gammelt und gammelt und gammelt vor sich hin. Nicht mal die zerfickte Schultheiss-Leuchtreklame über dem Eingang haben sie in all den Jahren repariert.

Innen sieht das faulige Ding auch nicht besser aus. Wie viele Jahre dauert es, so eine Hallendecke dermaßen zu verbeulen? Wie viele Fußbälle haben perspektivlose Jugendliche in den letzten Jahrzehnten an diese Decke geknallt, um sich wenigstens einmal irgendwo außerhalb der Kriminalstatistik zu verewigen? Sie wissen offenbar: Die Hallendecke und ihre Dellen werden immer da sein, auch wenn wir alle es schon lange nicht mehr sein werden.

Ich glaube das auch und mutmaße, dass auch wenn dieser Kumpel von der Piratenpartei (wie hieß der nochmal, Bomber Irgendwas oder so) ganz Falkensee mit seinem Feuersturm in eine Mondlandschaft verwandeln würde, bliebe diese Pestbeule von abgefuckter Halle auf jeden Fall stehen. Als einziges. Mitsamt ihrer zerdellten Decke. Haltbarer als jede Kriminalstatistik.

Draußen trommelt sich derweil eine Horde Frauen die Menopause aus dem Leib. Angeleitet von einem Mann. Mich irritiert das. Das ist so unmodern. Steinzeit in Brandenburg. Fehlen nur noch Fellumhänge. Und ein erlegtes Mammut.

Um mich zu beruhigen, klatsche ich mit dem armen Studenten in seinem lustigen Papageienkostüm ab und bewege mich zum Start.

Ich spüre: Heute wird alles gut. Es nieselt leicht bei 11 Grad und Rückenwind. Ideales Laufwetter. Also langsam angehen lassen. Heute plane ich vorbildlich. Langsam angehen lassen und dann steigern. Musik weglassen. Auf den Körper hören. In den Körper reinhören. Einatmen. Ausatmen. In den Bauch rein. Dann langsam steigern. Zusammen mit dem Körper. Im Einklang mit ihm… boar wie ich klinge. Ich sollte meine eigene Esoterikbutze gründen und Prenzlmüttern mit zu viel Tagesfreizeit bei Harfenklängen und Matetee das überschüssige Geld aus der Jutetasche ziehen.

Aber es funktioniert. Ich betöre mich selbst und der Körper läuft wie eine gut geölte Harley. Tucker Tucker. Ab Kilometer fünf sammel ich alle die wieder ein, die ich vorher habe ziehen lassen und freue mich über ihre Seitenstechengesichter. Ich habe nämlich keines.

Doch weil die Dinge in meinem Leben prinzipiell nie ganz rund laufen dürfen, wird heute das beliebte Läuferspiel „Weich aus or die“ gegeben. Dies in verschärfter Form, denn sie sind alle da, alle die, die mir ständige Spontandrehungen nach rechts oder links abverlangen: Jede Menge Spucker, Pflotsch hier, Pflotsch da, einem weht ein dicker zähflüssiger Schleimbatzen vom Bart fast wie ein obszönes Gummiband nach hinten und er merkt es nicht. Ich kann noch ausweichen, doch der Brillenschlumpf hinter mir kriegt das Ding voll ab.

Auch geil sind die Schweißer. Erst die zugesuppte Stirn mit dem Handrücken abwischen und dann zur Seite aus dem Handgelenk auf einen Mitläufer schütteln. Ich habe das früher für einen spontanen Regenschauer gehalten, nur warm eben. Heute bin ich klüger und weiche aus. Das Zeug ist einfach zu salzig, wenn man es in den Mund bekommt.

Als Zugabe gibt es das Endmonster: Einen Bläher mit Raketenantrieb. Keine Ahnung, was der zu sich genommen hat, aber der knattert nach hinten raus als ginge es um sein Leben. Eine Akustik wie ein Motor mit Fehlzündung. Doch ich bin schnell, denn ich drehe eine Zehntelsekunde nach der ersten Salve nach links ab und irgendeine bemitleidenswerte Brünette hinter mir bekommt das Ding direkt ab, wobei wir lernen: Gesichter können nicht nur im Comic, sondern wirklich grün werden. Krasser Typ. Der furzt seine Kontrahenten einfach aus dem Feld. Die kriegen nach so einer Wolke kein Lungenvolumen mehr, um das hier angemessen durchzustehen.

Vorbildlich absolviere ich derweil auch den Parcours der ewig kreuzenden Fußgänger, die es als ihr Menschenrecht ansehen, nicht fünf Minuten zu warten, bis das überschaubare Läuferfeld sich etwas gelichtet hat, sondern die sich im Slalom quer durch die Leiber auf die andere Straßenseite fräsen. Hoppla, schreit es dabei aus ihren Gesichtern, hier komme ich und mein eigener kleiner Kosmos, der mich in einer Blase umgibt. Man will mich hier wohl in meiner grundgesetzlich verbrieften Handlungsfreiheit einschränken. Ho Ho Honk in my way. Ich widerstehe wieder einmal dem Impuls, einen von ihnen exemplarisch umzumähen, um ein Zeichen gegen Soziopathie zu setzen.

Oh. Das sind wir auch schon. Altstadt Spandau. Das Ziel. Scharte ausgewetzt. Akzeptable Zeit. Auch wenn Achim Achilles mal wieder schneller war, ich habe heute ein weiteres Trauma besiegt. Schöner Lauf. Nächstes Jahr wieder. Unbedingt. Nur um zu sehen, ob die furchtbare Stadthalle noch steht.



 

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