Die Drohkulisse vom Antonplatz

Hurra, hier ist Ihr neuer Bioladen. Schalten Sie bald wieder ein, wenn es heißt: Wir verdoppeln die Kaltmiete für Ihre Quadratmeter. Hinfort mit der Armut. Aus den Augen und dem Sinn sowieso. Schafft ein, zwei, drei, viele Eigenheime.

Jetzt sind sie also in Weißensee angekommen. Am Antonplatz. Nehmen wir doch mal die Scheuklappen ab, schmeißen das ewige Verständnis über Bord und sprechen es offen aus: So ein Biomarkt hat inzwischen ein knallhartes Bedrohungspotenzial. Wo ein Biomarkt aufmacht, da erwartet man eine Zielgruppe, die das bezahlen kann. Und wer das nicht bezahlen kann, der kann vielleicht auch bald was ganz anderes nicht mehr bezahlen. Die Wohnung im Komponistenviertel neben dem Antonplatz zum Beispiel.

Wenn bei Ihnen um die Ecke ein Bioladen aufmacht und Sie haben Eigentum, dann dürfen Sie sich freuen. Denn diese Entwicklung bedeutet eine nachhaltige Wertsteigerung Ihres Objekts, zu der Sie nicht mal etwas beitragen müssen. Lage Lage Lage – da sind Sie jetzt mittendrin.

Wohnen Sie jedoch zur Miete, so haben Sie ein Problem, denn Ihre Umgebung ist ein neuer Hotspot und die Bauherren und Immobilienfonds haben Ihre Gegend im Visier wie die Jagddrohnen der Matrix das Hovercraft von Morpheus. Also Schal an, Mütze auf, ab jetzt wird es unangenehm.

Das Entleiben eines gewachsenen Mikrokosmos geht recht schnell. Zwei, drei Jahre, dann kippt es. Pioniere knacken den Kiez auf, planieren alte Strukturen und ziehen Nachahmer hinterher während Sie noch überlegen, ob die Kneipe oben in der Rennbahnstraße immer noch diesen Thekenjob fürs Wochenende zu vergeben hat, der die jährliche Mietsteigerung abfedern könnte.

Wenn Sie noch einen Hausmeister haben, dann schenken Sie ihm schnell noch einen Kräuterlikör. Wer weiß, wie lange er noch da ist. Vielleicht steht bald niemand mehr früh morgens in der Kälte draußen und schippt Schnee, sondern es rollt irgendwann gegen Abend ein Billiglöhner irgendeiner seelenlosen Firma mit der Bürste über die trübe Szenerie und poliert einen Eispanzer. Damit Sie auch buchstäblich auf die Fresse fliegen.

Haben Sie ein altes Bad, so haben Sie bald ein neues. Raus mit dem Kachelofen, her mit dem Teppich im Treppenhaus. Natursteine im Hof, teure Pflanzen, gehegt von teuren Gärtnern, Buddelkästen aus Bioholz, doppelverchromte Fahrradständer, energetische Fenster, wärmedämmende Fassade. Schlag auf Schlag auf Schlag. Bam Bam. Bis Sie quieken, wenn Sie die Nebenkostenabrechnung sehen. Denn dafür zahlen Sie jetzt, denn Sie sind nun ein Hotspot. Freuen Sie sich doch mal.

Wenn es richtig scheiße läuft, latschen Käufer durch Ihre Butze, reden über die baulichen Veränderungen, die sie vornehmen werden und tun überhaupt so, als würden Sie schon jetzt gar nicht mehr hier drin wohnen. Man bietet Ihnen ein wenig Geld. Fünfstellig, wenn Sie gut verhandeln. Das reicht für den Umzug nach Hohenschönhausen, die neue Kaution und ein wenig Farbe an der Plattenbauwand. Ein neues Sideboard. Nicht von Manufactum, aber immerhin von Möbel Höffner. Eine Winterjacke ist drin. Und eine kleine Reise zur Ostsee. Drei Wochen Erholung. Nebensaison. Vielleicht können Sie auch das Auto ablösen, mit dem Sie Ihren Hausrat aus dem Komponistenviertel in die Platte schaffen.

Bioladen. Das Schreckgespenst. Nicht für alle. Nur für die, die gehen müssen. Wenn einer aufmacht, tickt die Uhr.

 


 

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