Das Wetterleuchten des Krieges

Ein listig lächelnder Imperator lugt von der Titelseite des Boulevards. Und seit Tagen ballert es von allen Kanälen: Der Russe kommt. Was für eine Sau. Wie der schon kuckt.

Die Schuldfrage scheint klar. Glaubt man den großen Buchstaben. Und den kleinen.

Mein Problem dabei: Ich glaube ihnen nicht mehr, wenn sie etwas schreiben, und vor allem dann nicht, wenn auf dem Catwalk des Mainstreams alle in das selbe Horn tröten. Da stimmt doch was nicht. Ich bin vorsichtig geworden, wenn sich plötzlich alle einig sind, denn ich bin wundgeschossen von zu viel Schwarz-Weiß-Malerei. Sie haben schon so viel erzählt. Und immer findet sich ein Backpfeifengesicht, das die Schuld tragen soll. Nur die Machthaber Europas sind es nie. Aktuell sitzt der Feind in Moskau, wie eigentlich immer schon, und er macht das, was er immer schon macht. Er will uns alle fressen.

Wenn man andere Sichtweisen zur Ukraine lesen will, muss man die Hauptstraße verlassen und in die Nischen schauen.

Die Triumphgesänge waren schon angestimmt. Endlich war der russische Präsident in die Schranken gewiesen worden, nachdem er zuvor vor Kraft kaum noch laufen zu können schien.

Eine interessante Sichtweise: Die Entwicklung in der Ukraine als Gelegenheit für einen westlichen Sieg. Endlich mal. Nach den vielen Niederlagen. Snowden. Syrien. Iran. Ein reibungsloses Olympia. Die ganzen Siege, die Putin in den letzten Jahren geostrategisch und diplomatisch vor den Augen eines weltweit erfolglosen Westens eingefahren hat. Jetzt kommt die Quittung, jetzt zahlen wir es ihm heim. Dem Russen. Und nehmen ihm die Ukraine. Dachte man sich wohl.

Die Bundesregierung hat ja lange genug reingebohrt in diese teigige Protestmasse aus Rechtsradikalen, Antisemiten und Nationalisten in der Ukraine. Sie hat Klitschko hofiert und Ansprachen in Richtung Maidan-Platz gehalten, in denen es von europäischem Pathos nur so wimmelte. Der in Aufruhr versetzte Maidan lauschte den versprochenen Hilfen und der moralischen Unterstützung und ließ nicht ab, radikalisierte sich sogar noch und gebrauchte letztlich Gewalt. Diese Eskalation steigert sich im Augenblick in einen zweiten Krim-Krieg und wer weiß in was für einen noch.

Für solche Standpunkte wie die hier verlinkten muss man Blogs lesen. Für die regierungstreuen Grobfedern von Bild, Spiegel bis Süddeutsche ist klar, wer die Schuld an der derzeitigen Situation trägt: Putin. Und der Westen gilt wie stets als reine Unschuld, die Liebe und Frieden in der Welt verteilen will.

Einzige Ausnahme: Augstein. Wie so oft.

Wenn die propagierte öffentliche Meinung so massiert und einseitig daherkommt, dann stimmt was nicht. Ich mag das nicht. Ich fühle mich manipuliert. Stümperhaft manipuliert sogar, weil offenbar niemand damit rechnet, dass es inzwischen Möglichkeiten gibt, sich anderweitig zu informieren. Wussten Sie, dass es zwei Interpretationen des Gesprächs zwischen Putin und Merkel vom Sonntag gibt? Nein? Ich auch nicht, bis ich hier gelesen habe.

Inzwischen kann man sich anderweitig und umfassend informieren, wenn man mag. Es gibt kein Meinungsmonopol mehr wie früher. Außer man holt sich immer noch freiwillig morgens am Kiosk die Bild nebst der dazugehörigen Meinung ab. Und nen Pfeffi dazu. Bevor RTL den Rest des Tages übernimmt.

Ich glaube ihnen nicht. Sie sind zu laut. Und was sie da posaunen, ist nicht schlüssig. Dinge sind nicht so einfach. Sind sie nie.

Wechseln wir doch einmal die Perspektive und spielen ein fiktives Spiel mit anderen Protagonisten und vertauschten Rollen durch. Nehmen wir doch einfach Polen als hypothetischen Konfliktherd und schauen wir, wie der Westen reagieren würde, würde seine unmittelbare Nachbarschaft und traditionelle Einflusssphäre von einem Dritten vorsätzlich destabilisiert.

Polen hat eine prowestliche Regierung und ist seit dem Ende des Kalten Krieges bis auf eine kurze instabile Phase, die geprägt war von Streit und Korruption, fest in die westeuropäische Machtarchitektur eingebettet. Die aktuelle polnische Regierung kam durch für das Land verhältnismäßig faire und freie Wahlen in ihr Amt. Beliebt ist sie jedoch nicht bei allen Bürgern, das Land ist gespalten. Besonders der Ostteil fühlt sich traditionell der Ukraine und Russland zugewandt. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die NATO und einen Beitritt zur Austeritätswährung Euro, der – wie man im Süden des Kontinents sehen kann – zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führt.

Russland schürt diesen Protest nach Kräften. Immer wieder treffen sich die Außen-und Verteidigungsminister der Ukraine und Russlands mit den Anführern der prorussischen polnischen Opposition, es werden Finanzierungswege von Moskau zum Widerstand in der Hauptstadt Warschau und in den östlichen Unruheprovinzen etabliert und einmal sah man Sergej Lawrow, den russischen Außenminister, sogar auf einer Demonstration vor dem Warschauer Präsidentenpalast. Die deutliche Parteinahme Russlands in diesem innerstaatlichen Konflikt Polens ist offensichtlich, wird nicht einmal mehr kaschiert.

Als sich die Regierung Polens weigert, ein für sie nachteiliges Abkommen über eine Zollunion mit der Ukraine und Russland zu schließen, eskaliert die Lage. Eine zwielichtige Allianz aus einem ehemaligen Profiboxer, den Oligarchen der abgewählten alten prorussischen Regierung und den berüchtigten Hooligans von Legia Warzawa verlangt den Rücktritt der Regierung und einen prorussischen Kurs.

Es gibt Straßenschlachten. Die prowestliche polnische Regierung setzt Polizeitruppen ein, die von westeuropäischen Polizeieinheiten – gestählt in der Niederschlagung von Unruhen wie Stuttgart 21, Blockupy Frankfurt und den Hamburger Rote Flora-Demonstrationen – ausgebildet wurden.

Über Monate legen die Demonstranten mit der Unterstützung Russlands das öffentliche Leben Warschaus lahm, bis sich die Auseinandersetzungen schließlich final hochschaukeln und Schüsse fallen – und zwar von beiden Seiten, wobei die Medien der beteiligten Blöcke immer nur über die Schüsse des jeweils feindlichen politischen Lagers berichten.

Trotz der bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Hauptstadt lässt die prowestliche polnische Regierung keine Panzer auffahren wie es russische Beobachter schon befürchtet haben. Dies hindert die russischen Leitmedien jedoch nicht daran, den Machthaber als blutrünstigen Diktator, der einem „Regime“ vorsteht, zu bezeichnen, während die russlandfreundliche Elfe mit dem blonden Ährenkranz auf dem Kopf, die Polen früher einmal regiert hat und sich nicht minder korrupt als der jetzige Amtsinhaber geriert hat, in Russland als Hoffnungsträgerin aufgebaut wird.

Obgleich die westlichen Regierungen darum bitten, endlich jegliche Einmischungen in die inneren Angelegenheiten Polens zu unterlassen, gelingt der russischen Regierung hinter den Kulissen ein Coup. Sie handelt mit allen beteiligten Konfliktparteien ein Abkommen aus, das Neuwahlen vorsieht.

Als der Konflikt durch diese Intervention Russlands befriedet scheint, enthebt der Sejm plötzlich und entgegen des gerade geschlossenen Abkommens den prowestlichen Präsidenten des Amtes, ohne dazu jedoch laut Verfassung befugt zu sein, und installiert eine russlandfreundliche Regierung, die sofort alle notwendigen Abkommen mit der russischen Seite in die Wege leitet und jene mit Westeuropa suspendiert. Das trifft den westlichen Teil Polens ins Mark, in dem die „europäischen“ Polen die deutliche Bevölkerungsmehrheit darstellen und die sich jetzt unversehens unter russischem Einfluss wiederfinden. Als erste Amtshandlung erklärt die neue Regierung deren Dialekt als nicht mehr den Amtssprachen Polens zugehörig.

Der gestürzte Präsident findet derweil nach wilder Flucht über die Oder sein Exil bei seinen Freunden in Berlin, sieht sich aber nach wie vor als legitimes Staatsoberhaupt Polens.

Es gibt natürlich unterschiedliche Sichtweisen: Der Westen spricht von einem von Russland gesteuerten Staatsstreich gegen eine gewählte Regierung, Russland steht auf dem Standpunkt, dass nun eine rechtmäßige Regierung das Zepter übernommen habe, auch wenn der eingesetzte „Interimspräsident“ im Gegensatz zu seinem Vorgänger gar nicht von der Bevölkerung gewählt wurde.

Als zuerst der Grenzübergang auf der Stadtbrücke von Frankfurt/Oder und danach alle anderen Grenzübergänge zwischen Polen und Deutschland auf unbestimmte Zeit geschlossen werden und die Vertreter der „europäischen“ Polen in einem flehenden Appell um Hilfe bitten, bringt die NATO ihre Kampfflugzeuge in der Brandenburger Heide in Stellung.

Na? Wer hat Recht? Der Westen? Russland? Und worum geht es hier eigentlich? Und wieso sehen die Dinge plötzlich anders aus, wenn man die Rollen mal vertauscht?

Kommen wir aus dem fiktiven und zugegebenermaßen sehr konstruierten Beispiel zurück in die Gegenwart. Klar ist nur eines und es ist eine verdammte Binse: Es geht um Macht und Einfluss. Wie immer. Konkret: Der Westen versucht, seine Einflusssphäre bis kurz vor Moskau auszudehnen und scheint zu erwarten, dass Russland das hinnimmt. Tut Russland aber nicht. Soweit, so erwartbar. Ich verstehe nicht, wie das überraschen kann.

Mir stellen sich viele Fragen in diesen Tagen, an denen ein Konflikt dieser Tragweite, der sich zu einem ausgewachsenen Krieg ausweiten kann, heraufzieht: Wer hat denn den Status Quo aufgekündigt, der die zerrissene Ukraine halbwegs stabil gehalten hat? Wer hat denn diesen klassischen Putsch gegen einen gewählten Machthaber aktiv und gegen alle diplomatischen Gepflogenheiten offen gefördert? Wer hat denn erst ein Abkommen ausgehandelt und dann völlig tatenlos dabei zugesehen wie es gar nicht umgesetzt sondern durch geschaffene Fakten ad absurdum geführt wurde?

Nein, ich bin weit davon entfernt, einen schmierigen Autokraten und Oligarchen samt seinen lupenreinen Schutzpatron verteidigen zu wollen, aber diese Einseitigkeit, mit der auf allen Kanälen – Print wie Rundfunk – Partei bezogen wird ohne dass das Handeln der westlichen Verantwortlichen kritisch beleuchtet wird, stinkt und macht mich misstrauisch. So einfach ist die Situation nicht. Ist sie nie.

Ich habe noch mehr Fragen: Am 30. März soll die Krim über den künftigen Status abstimmen. Warum geht das nach Lesart des Westens nicht? Gibt es plötzlich kein Selbstbestimmungsrecht der Völker mehr? Warum soll das nicht gehen was im Kosovo möglich und selbstverständlich war? Weil dieses Mal Russland von der Lage profitieren könnte? Und was befähigt eigentlich ein Land, das ohne UN-Mandat in den Irak einmarschiert ist, Zivilisten von Drohnen abknallen lässt und gegen die ganze Welt einen beispiellosen nachrichtendienstlichen Feldzug führt, dazu, plötzlich den Friedensengel zu mimen?

Es ist wieder soweit. Jetzt heulen die Sirenen durch den Blätterwald und mir geht die Dauerpropaganda auf die Nerven, diese kreischende Agitation mit dem Geifer am Mundwinkel, die immer dann einsetzt, wenn Meinung gemacht werden soll. Und die Meinung ist die, die auch schon zu Olympia zu hören war: Der Westen ist gut, der Russe ist böse. Jetzt holen sie sie wieder hervor, die Rhetorik aus der Mottenkiste des Kalten Krieges: Ein empörter Claus Kleber, ein empörter Frank Plasberg und ohne Maybrit Illner wird es wohl auch nicht gehen. Der ein mahnt, der andere droht. Und von Spiegel über Zeit bis Welt wettern die Leitartikler im Geiste der felsenfesten Transatlantikbrücke gegen die ewig rote Gefahr aus dem Osten.

Ja sicher, im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, weiß ich, die Propagandamaschine knattert bei beiden Seiten auf Hochtouren und die russische Bevölkerung wird ihr genauso ausgesetzt sein wie die Menschen diesseits der Front, aber dann sollte man wenigstens ehrlich sein: Das kritiklose Dauerfeuer ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, die mit ein wenig Nachdenken fragwürdig erscheinende Rolle der eigenen Machthaber zu beleuchten, hat mit einer aufgeklärten Öffentlichkeit nichts mehr zu tun. Wo sind die Nuancen? Inzwischen muss man wohl das Neue Deutschland lesen, um eine zweite Meinung einzuholen. Das ist traurig genug.

Bleibt die Frage: Wer hat Recht? Keine Ahnung. Keiner wahrscheinlich. Aber ich weiß, wer damit angefangen hat, die Ukraine gezielt zu destabilisieren.

Es war der Westen.

 


 

 

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