Cocoro

Irgendwo in Kreuzberg. Curry 36 und Mustafa in Sichtweite. Ich habe Hunger und Lust auf einen Kaffee. Cocoro heißt der einzige Laden, der mich anspricht. Japanisch. Und Kaffee. Touchdown.

Von außen sehe ich schon wieder das Feindbild, das immer dann sinnlos in den Cafés rumsitzt, wenn ich gerade Lust drauf habe: Vor ihren aufgeklappten Net-, Mac- und Pestbooks sitzende Wichtige, die wahrscheinlich schon seit Stunden auf einen leeren Posteingang (Immer Thunderbird! Niemals Outlook!) blicken, in den außer dem Spamreport von GMX und dem Club Mate-Newsletter nie eine Mail eingehen will.

Ab und zu machen sie dann Skype auf – für den Fall, dass das Programm vergessen hat, rechts unten eine blinkende Benachrichtigung einzublenden, wenn einer der vielen anderen Essenfotografierer in der Kontaktliste wieder ein Foto von einem Essen, einem Cocktail oder einer Schäfchenwolke geschickt hat.

Zwischen Skype und Thunderbird wird getwittert: „Sitze im cocoro. Kaffee halb leer. Ob ich wohl noch einen bestelle? Fühle mich heute ambivalent.“ Oder der Facebook-Status wird geupdatet: „Es ist vollbracht: Zupfkuchenstück jetzt angebrochen. Rien ne va plus.“. Und die Welt von Fort Meade bis Kasachstan wartet voller Spannung darauf, was im Cocoro als nächstes passieren wird. Wird er noch etwas Zucker in den Kaffee tun? Oder sogar einen frischgepressten O-Saft nachordern? Oder vielleicht die Kuchenkrümel mit dem Zeigefinger auftitschen?

Heute sitzen zwei dieser Knalltüten neben mir. Zwei, die wichtig sind und bewegungslos debil in die aufgeklappten Macbooks stieren, deren Monitore sich in den Gläsern ihrer riesigen Hornbrillen spiegeln. Einer trägt Kopfhörer wie Medizinbälle an den Ohren. Die verlauste Fellkapuzenjacke liegt nachlässig über der Citybag mit dem albernen quietschbunten Berlin-Schriftzug. So viel Klischee kann man sich gar nicht ausdenken. Was Enrico für Brandenburg ist, sind diese Maltes für Kreuzberg.

Ich wollte sie fotografieren, habe jedoch davon Abstand genommen. Sie hätten wahrscheinlich zurück fotografiert. Ein zu großes Risiko. Man weiß ja nie, ob man nicht sofort bei Twitter auftaucht: „Fotografiere einen, der mich fotografiert. Oh irony!“

Dann lieber die Theke, bei der ich mich von links nach rechts fressen mag.

Ich esse ein entspanntes Tamago mit einer nie so gut bekommenen Misosuppe. Hier, schaut alle her, ein Essensbild:

Jaja, ich kann das auch. Jetzt fehlt nur noch ein Twitter-Account. Oder eine WhatsApp-Gruppe, die ich damit foltern kann. Im Zweifel tut es auch ein Blog.

Mir gefällt der Laden. Sie kooperieren hier offenbar mit der großartigen Magierin des Nazuna in Prenzlauer Berg, deren Bento-Boxen ich anbete (bevor und während ich sie esse). Hier gibt es ihren sensationellen Käsekuchen mit dem weichem Karamelkern von der Größe einer Espressotasse. 3,50 kostet der, aber für den würde ich auch fünf Euro zahlen oder zehn und wahrscheinlich sogar Vater, Mutter, James Hetfield und einen kleinen Welpen mit total süßen Knopfaugen töten.

Und weil es immer auch ein bisschen mehr sein darf, trinke ich einen unverschämt guten Kaffee, den ich mit Zucker nur versauen würde. Das dazu servierte stille Wasser, auf das ich spekuliert habe, hat einen Hauch Minze im Abgang.

Und weil das immer noch nicht reicht: Bezahlbar für die gebotene Qualität ist das hier auch noch. Kein Nepp. Kein Touristenausbeuten. Keine anwanzende Hipness. Kein Krakeelen. Toll. Besser ist schwer.


cocoro
Mehringdamm 64
Kreuzberg

keine Website, nur Facebook, doch an dem Tag, an dem ich zu Facebook verlinke, soll mir der Puller abfallen. Und ja, ich weiß, dass unter dem Blogpost ein Facebook-Button klebt. Blame Google, sie bieten entweder die ganze Shareleiste an oder gar keine. Ein Trauerspiel.

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