Ich verstehe die Dinge nicht mehr

Revaler Straße. R19. Ein Hipsterstall. Elektronische Musik. Teure Drinks. Gästelisten. Einlasskontrolle. Sehen und gesehen werden. Schaulaufen auf dem Boulevard der Reste des wilden Berlins. Verticker in den Seitenstraßen. Koksnasen. MDMA. Speed ist wieder im Kommen. Und draußen hängt eine schwarze Fahne zusammen mit der der Antifaschistischen Aktion. Der richtigen. Mit schwarz über rot. Die hing auch mal in meiner kleinen Kackbutze, die niemand Wohnung genannt hätte. Neben dem Irokesenskelett von The Exploited als Poster.

Die Momente häufen sich, in denen ich die Welt nicht mehr verstehe. Mit dieser Fahne haben wir früher Häuser besetzt, haben sie hinter dem Transpi geschwungen, meine wurde mir irgendwann geklaut, im Suff, von irgendeinem der Drogensiffer, die manchmal irgendwer mit in meine Kackbutze zum Übernachten geschleppt hat. Ich habe die halbe Welt bei mir übernachten lassen. Fand das spannend. Dabei haben sie mir das wenige, das ich hatte und nicht bei mir trug, geklaut. Das mit der Anarchie habe ich mir so nicht gedacht. Desillusion. Notwendige.

So eine Fahne ist heute Folklore für einen Hipsterstall auf dem Technostrich. Sieht subversiv aus, war es auch mal. Heute bin ich knapp 20 Jahre älter, laufe daran vorbei und verstehe es nicht.

Wenn ich den Fernseher anschalte, verstehe ich auch vieles nicht mehr. Ich verstehe nicht, wieso meine Regierung und ihre angeschlossenen Funkhäuser einen mutmaßlich braunen Mob bei seinem Putschversuch gegen einen gewählten Präsidenten unterstützen bis hin zu der Groteske, dass sich der vormals amtierende Außenminister dieses Landes in die Demonstrationen einreiht. Ich möchte die Regierung dieses Landes einmal erleben, wie sie reagiert, wenn Regimegegner mit Putins Unterstützung den Pariser Platz besetzen, um die gewählte Regierung zu stürzen und Medwedew sich unter den Protest mischt. Wen unterstützen sie da? Den Rummelboxer ohne Einfluss? Oder den Mob? Und warum ist es diesem Land nicht gegeben, sich einmal, wenigstens einmal, aus einer Sache rauszuhalten? Wie die Schweiz.

Überhaupt die Schweiz. Wieso regt sich ein sich demokratisch nennender Staatenbund auf, wenn in einer Abstimmung eine Entscheidung getroffen wird, die zwar scheiße, aber wenigstens demokratisch ist? Wieso fällt genau dieser Staatenbund immer nur dadurch auf, demokratische Rechte bei anderen zu fordern, aber sie selbst nicht zu achten? Schottland will über die Unabhängigkeit abstimmen und der Staatenbund droht mit Folgen. Griechenland droht man mit schwerwiegenden Folgen, wenn die falschen Parteien gewählt werden oder eine Volksabstimmung angekündigt wird. Niemand darf über Bankenrettungen abstimmen, aber alle dürfen sie bezahlen. Sie verhandeln in Geheimsitzungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA, über dessen Inhalt niemand Bescheid wissen darf. Dafür wählt man ein sinnloses Parlament, in dem tausende Sesselfurzer und Nichtstuer dicke Sitzungsgelder einfahren, aber selbst nichts zu sagen haben und nicht einmal die regierende Kommission wählen dürfen.

Ich mache den Fernseher aus und das Internet an. Aber auch hier verstehe ich vieles nicht mehr. Facebook übernimmt WhatsApp und meinen Freunden fällt nichts anderes dazu ein als „Ist doch egal, von wem man überwacht wird.“ Das ist schon kein Fatalismus mehr, das ist Hingabe. Aufgabe. Sie filmen mich beim Kacken während ich mit meinem verseuchten Smartphone spiele? Ist doch egal, sollen sie doch, ist doch alles egal.

Und dann schaue ich doch mal wieder bei der einzigen politischen Kraft vorbei, der ich einmal zugetraut habe, das alles zu ändern oder sonstwie endlich mal einen positiven Einfluss auf den Gang der Dinge zu nehmen. Aber da passiert nicht viel, außer dass sie damit begonnen haben, nun auch die letzten drei Prozent Wähler zu vergraulen, die noch nicht vor Ufologen, Aluhutträgern, Genderideologen und Trotzkisten geflüchtet sind. Blankgezogene Titten mit wirren Botschaften zählen heute als akzeptabler Politikstil, was vom Vorstand des zur Minipartei geschrumpften ehemaligen Hoffnungsträgers im Sinne einer falsch verstandenen Solidarität gedeckt wird.

Titten. Verstehe ich sowieso nicht. Infantile Krawallschachteln, die in Kirchen marodieren und die sie hier in Deutschland genauso wegsperren würden wie in Russland, würden sie in eine Kirche pissen, werden von einem begeisterten konservativen Feuilleton zu Widerstandskämpfern hochgeschrieben und jede Verhaftung zum Staatsterror hochgejazzt. Dabei hat man die blankgezogenen Titten auch aus dem Kölner Dom heraus verhaftet. Doch das interessiert keinen, so lange es gegen Russland geht.

Dafür dürfen die Protagonisten jetzt auf Filmfestspielen in die Kameras posen. Einen Film über diese traurigen Helden des Westens wird es mit Sicherheit auch geben. It-Girls. Postergirls. It’s all about attitude. Titten als Statement. Kaum noch ein medienwirksames Event, von dem sich nicht eine um sich tretende Barbusige schreiend wegtragen lässt. Sie zählen auf den Effekt. Und das Publikum wendet sich inzwischen gähnend ab.

Wäre Russland tatsächlich das Land, als das man es hinstellt, wären die Protagonisten in der Tat schon längst in einem nichtöffentlichen Verfahren abgeurteilt und verschwunden. Und könnten nicht auf dem roten Teppich der Berlinale in die Kameras posen.

Das alles verstehe ich nicht mehr. Mein Kompass rotiert. Was ist böse? Was ist gut? Wer will was und warum? Früher war das einfacher. Meine Antifa-Fahne in der Kackbutze. Das war richtig. Der Gegner war klar. Heute: Ukraine. Schweiz. Pussy Riot. Putin. Piratenpartei. R19. Ich kann mich nicht mehr positionieren, weil ich niemandem mehr glaube und nicht mehr weiß, wo die richtige Richtung ist und wer jetzt was warum macht.

Ich wähle auch nicht mehr, weil jede Partei, die ich je gewählt habe, soziale Errungenschaften abgebaut und sich selbst bereichert hat. Schröder 1998. Ich war einer von denen, die sich nach den bleiernen Jahren unter dem ewigen Kohl einen Aufbruch in bessere Zeiten herbeifantasiert haben. Gekommen ist Hartz IV. Der Genosse der Bosse. Ostseepipeline. Auslandseinsätze der Armee. Und Joschka Fischer als BMW-Propagandist.

Gewählt habe ich auch irgendwann mal links. In Berlin 2002. Gekommen ist ein rot-roter Senat und der bisher größte soziale Kahlschlag in der Stadt von einem Ausmaß, den sich ein Diepgen nie getraut hätte, weil ihm dann die Stadt um die Ohren geflogen wäre. Sie haben den sozialen Wohnungsbau ausgetrocknet, keine einzige Privatisierung rückgängig gemacht, dafür aber den Heuschrecken die städtischen Filetgrundstücke verkauft, sie haben die Versnobung ganzer Stadtteile gefördert, ihre eigenen Azubis auf die Straße gesetzt, die Schulen ruiniert und die eigenen Beschäftigten sukzessive zu den bundesweiten Schlusslichtern im Lohngefüge gemacht. Das Gebaren war nicht weniger als asozial. Und das von zwei Parteien, die mit dem Label „sozial“ warben.

Ich verstehe die Dinge nicht mehr. Was ich für gut hielt, wurde schlecht. Was ich für schlecht halte, interessiert keinen mehr. Und was mal in meiner Kackbutze hing, ist nur noch Folklore, um Hipstern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Das Gute ist: Ich bin nicht der erste und schon gar nicht der einzige. Irgendwann wird es wohl zwangsläufig für die meisten Menschen, die Dinge nicht mehr zu verstehen. Ich glaube, ich bin soweit.

 


 

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