Hier kommt Enrico!

Auf einer Party in Brandenburg. Vor mir sitzt das lebendige Klischee aller lebendigen Klischees. Enrico. Aus Fürstenwalde/Spree. Mit Thor Steinar-Shirt. Enrico kennt hier keiner. Irgendwer hat ihn mitgeschleppt und dann sitzengelassen. Vielleicht wollte er ihn hier ausstellen. Völkerschau oder so. Später kommt als Zugabe wahrscheinlich noch Schakelyne aus Senftenberg, die bei RTL 2 zur Primetime immer ihre Kinder vernachlässigt, ihren Opa schlägt oder lebendige Hamster mörsert und an der Wohnungsdecke aufhängt. Stilecht mit Hello Kitty-Tanktop und rosa Leggins.

Vielleicht hat die einer gebucht. Statt Clowns ein Brandenburger Duo Infernale.

Es dauert eine knappe Stunde, dann bringt sich Enrico in die laufenden Diskussionen ein:

„NSA? Ick fasteh die Uffrejung nich. Ick hab nüscht zu fabergn’n. Abba die Amis sin’n schon scheiße so als Volk. Bei uns warn’n ja die Russ’n. Och scheiße. Alle raus. Alle raus.“

„Polen! Die sin’n jetz‘ dit wat die DDR früha für die Wessis war’n. Die ham ja nix da drübn’n. Nur jeile Weiba. Un’n schön billje Puffs!“

„Dit hia uff mein’n Arm is Thoa. Ick lass ma nochn’n Hamma dazu stechn’n. Hamma! Thoa! Fastehste? Thoas Hamma! Un’n ditte da obn is Odin. Un’n dit da is … öh … “ „Poseidon vielleicht?“ wirft einer ein. „Nee, wat Jermanischet! Ick weeßet abba jerade nich.“

Kurze Zeit später schaltet er den Turbo ein und bringt das Statement, mit dem die Atmosphäre im Raum für jeden spürbar schwanger ging: „Alteeer, dit Asylantenheim, dit scheiß Asylantenheim in Hellasdorf, üba all scheiß Asylantenheime, kriegta hia och bald eens, werdeta sehn’n. Scheinasylanten. Die kommen un’n fickn’n wie die Hasn’n, wie die Hasn’n, allet Rammla, Altaa!“

Eine der fassungslosen Frauen fasst sich ein Herz und spricht ihn zur Ablenkung auf sein Thor Steinar-Shirt an.

„Thor Steina is ne janz normale Maake. Janz normaaale Maake. Hörste? Hochqualität. Ick trag och Lonsdale. Un’n Fred Perry. Fred Perry isn’n Juuude. Wissta? Jawoll! N‘ Juuuude. Da kiekta, wa? Juuude! Ja-ha!“

Ich versuche derweil im Smartphone die Funktion für die Audioaufnahme zu finden. Das muss man festhalten. Daraus kann man Stand-Up-Comedy machen. Cindy aus Marzahn war gestern. Die kann einpacken, ich habe hier Enrico aus Fürstenwalde/Spree, den Vorzeigenazi, der alle Nazis auf ewig diskreditieren wird, wenn man ihm nur eine Bühne zur Primetime gibt.

A star is born. Enrico aus Fürstenwalde! Den bringe ich groß raus. Obwohl, Fürstenwalde ist zu harmlos, das knallt nicht. Fangschleuse! Das ist es: Enrico aus Fangschleuse/Brandenburg. Ja, Fangschleuse ist geil, das ist dieser sinnlose Bahnhof mitten im Brandenburger Wald, an dem jeder Zug hält, mit dem man schnellstmöglich aus Dunkeldeutschland heraus wieder in die Zivilisation (Polen oder Berlin, dazwischen heult der Wolf) fahren möchte.

Jetzt habe ich ein Bild vor Augen, nie war ich mir so sicher: Enrico wird total durchstarten. Die Welt ist wundgefickt von Niveaulosigkeit, so dass das von sich selbst besoffene bildungsbürgerliche Feuilleton den doch locker als ironisch frisst, easy, heute ist alles ironisch, jeder schwulenhassende Bushido geht jahrelang als ironisch durch und wird mit Preisen überschüttet. Da geht doch noch was: Bühne frei für Enrico. Vom Bahnhof Fangschleuse. Brandenburg muss endlich sichtbar werden. Solotour. Quatsch Comedy Club. Nightwash. Extra3. Später vielleicht Vorprogramm von Mario Barth. Ja, ich sehe es vor mir: Lanz lädt ihn zu „Wetten dass“ ein und er sitzt mit den Sportfreunden Stiller und Miley Cyrus auf dem Sofa und erzählt von der letzten Böhse-Onkelz-Party in Eberswalde, auf der der Frontmann der Band „Dick & Durstig“ besoffen mit dem Gesicht voran in die Kotze von Kneipenwirt Stulle gefallen ist. Und nach ein paar Jahren Talkshows, einer eigenen Sendung zusammen mit Olli Schulz auf Pro 7 und einem ausverkauften Admiralspalast lassen sie ihn vielleicht den deutschen Fernsehpreis moderieren. Oder die Goldene Henne. Zusammen mit Oliver Pocher und Klaas Heufer-Umlauf. Oder Katze Katzenberger. Was kostet die Welt? In der Trash-Arena des deutschen Fernsehens ist für Enrico vom Bahnhof Fangschleuse auf jeden Fall noch ein Platz frei. Seine Nische ist noch jungfräulich. Der Typ muss auf die Bühne. Das wird ein Knaller.

Während ich mich in Visionen aale, bricht auf der Bierbank die pure Verzweiflung Bahn: „Eh! Wie hälstn’n du dit da aus mit die janzn’n Türken da bei euch in Balin? Ick wa ma in Wedding. Voll fatürkt. Die janzn’n Kopftücha. Die Burkas. Die Islamisstn’n ficken uns weg, jede von den’n hat fümpf Kinda, wir Deutschn’n keene! Woran liegtn’n ditte?“ Och Enrico, der Wedding ist der schönste Bezirk der Stadt und alles wäre nur halb so spannend ohne Türken. Und Polen. Und Russen. Wen juckt das, wer wo herkommt und wer wen wegfickt, antworte ich grinsend, um ihn zu foppen, worauf er mich umarmt und spricht: „Biss trotzdem’n Kamerad, ne? Kamerad! Auf Deutschland!“

Enrico ist toll. Ich bin ganz begeistert und lache mein offenstes und ehrlichstes Lachen. Weil ich weiß, dass man für eine solche Unterhaltung strenggenommen Eintritt zahlen müsste und mich das heute keinen Cent kostet. Überhaupt bekommt man so etwas in der Hauptstadt der Affektiertheit kaum noch zu Gesicht. Stand-Up vom Feinsten. Authentisch. Ehrlich. Unverfälscht. Fast schon liebenswert. Und von einer brachialen Tragikomik, die mich mitreißt. Hier steht er, kann nicht anders und mich freut das, ich lache und kann gar nicht mehr aufhören bis mir der Bauch weh tut. Und Enrico freut sich mit mir und umarmt mich, weil er denkt, dass ich ihn mag und jetzt sein Kamerad bin.

Weil er mich so gern hat, setzt er zu jägermeisterschwangeren Verbrüderungen und ewigen Treueschwüren an – „Froindschaft isset Wichssigse wattet jibt! Scheiß uffe Weiba!“ – und hört gar nicht mehr auf mit Kuscheln. Auf Deutschland! Immer wieder auf Deutschland. Sein Rücken ist ganz nass, weil er schwitzt und die Reste eines Brötchens vom Brandenburger Mettigel hängen an seinem Mundwinkel. Seine für den massigen Körper unpassend hohe Stimme klingt schon leicht brüchig. Das ist der viele billige Likör. Enrico mag Pfirsich. Der macht die Zunge schwer und das Herz auch. Hoffentlich fängt er nicht gleich an, vor Rührung zu weinen, dann muss ich am Ende noch aufhören zu lachen. Der Pietät wegen. Und das wäre so schade um die herrlich absurde Komik dieser ganzen unglaublichen Situation: Ich, mein Freund Enrico und sein Pfirsichlikör. In Brandenburg auf der Wiese. Frei und Wild. Und in der Küche steht der Mettigel. Ich kann nicht mehr. Dass der Abend zu einer leibhaftigen Groteske mutiert, war nicht abzusehen.

Nein, ich habe in diesem Moment keine Angst vor ihnen, den kleinen Mitläufern, den kleinen Großmäulern, den kleinen Diederich Heßlings, die nicht einmal die Sprache beherrschen, auf die sie so stolz sind, aber mit dem Mut der Verzweiflung bei den Erwachsenen mitmachen wollen, um dann doch nur als Partyclown zu enden. Nein, keine Angst. Überhaupt nicht. Sie tun mir leid. Sie sind gehandicapt. Sie haben einen Defekt. Zuletzt wollen sie auch nur Liebe. Auf ihre Art. Und weil ich das weiß, kann ich den Auftritt als das genießen, was er ist: Slapstick. Ungewollt zwar, aber toll. Ich habe lange nicht mehr so ausufernd gelacht. Danke, Enrico. Geh deinen Weg. Das Potenzial ist da. Bis bald im Olympiastadion. Mit dir als Star. Sie werden dich lieben. Ich tue es schon jetzt.


 

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