Auf eine ehrliche Boulette

Hinter der Modersohnbrücke am langweiligen Ende der gleichnamigen Straße Richtung Spree ist nicht viel los. Ein trauriger Kiosk mit immer weniger Ware in der Auslage wartet auf nie erscheinende Kundschaft, gegenüber residiert eine an ein Flüchtlingslager irgendwo im kongolesischen Dschungel erinnernde Kita, die ihr Antlitz hinter einer völlig zugewucherten urwaldgleichen Hecke verbirgt, ein, zwei, viele geschlossene Läden, Netto ist noch da, natürlich, und hey, ein kahler Dornenbusch sollte hier noch über die Schlaglöcher rollen, um das Bild zu komplettieren, das sich hier bietet. Ein Kiez vor der Entdeckung. Hier würde sich momentan nicht mal die Töle des Straßenfeger-Punks vom S-Bahnhof Schönhauser Allee begraben lassen. Und ich habe Hunger.

Hier im Windschatten von Oberbaumcity ist noch etwas übrig, das an eine andere Zeit erinnert: Eine Fleischerei, ein ehrlicher kleiner Handwerksbetrieb. Keine Spur von lange lagernder Schnittwurst, entsprechend trocken und wellig am Gaumen klebend, keine faden Brotbouletten mit einer Prise Alibi-Hack zum Geschmacksverstärker, kein nichtssagend lieblos dahingerotzter Mittagstisch, keine ekligen Knacker, in denen die alten Reste der letzten Wochen mit Opas Zehennägeln verklappt werden, keine bildungsferne Kodderschnauze, die Respektlosigkeit für Ehrlichkeit hält.

Mich freut das, wenn ich es sehe, es ist ein Fleischer wie früher, einer, wie wir ihn in Prenzlauer Berg nicht mehr haben: Familiär geht es zu, viele Stammkunden, es herrscht der Eindruck, dass man sich seit den Jahren kennt, als nicht weit von hier noch Grenze war: Der Gerüstbauer aus Lichtenberg, Mandy vom Friseursalon umme Ecke, der Schlipsträger, der die erfolglose Versicherungsagentur nebenan betreibt und Oppa Kowalke nebst Köter aus dem zweiten Stock, die hier alle ihre Mittagssuppe schlürfen. „Tach Herr Stevenson, schön dass Sie es auch mal zu uns geschafft haben. Heute gibt´s Erbsen-Eintopf und Soljanka zu Mittach. Was darf´s denn sein?“ sagt sie nicht, die hinter der Theke, aber gewundert hätte es mich nicht.

Klar, dass die Fleischerei von diesem Ort irgendwann verschwinden wird wie mein Fleischer aus der Stahlheimer Straße vor vielen Jahren verschwand. Denn wenn Mediaspree schließlich bis an die Elsenbrücke wuchern wird, wird dieser Kiez assimiliert werden, dieser immer noch ein wenig ursprüngliche Kiez, der jetzt schon zwischen der Bonzeninsel Stralau, Boomtown Ostkreuz und der schnösligen Oberbaumcity mit ihren hippen Büroschnepfen eingeklemmt ist, was die Mieten heute schon hochtreibt.

Und so wird spätestens, wenn das geplante Hochhaus an der Elsenbrücke steht, auch diese Fleischerei gehen. Jede Wette. Dann gibt es auch hier Convenience-Wurst im Food-Store. Und jede Menge Oberbaumbüroknechte, die das zahlen können.


Fleischerei Niemann
Modersohnstraße 60
Friedrichshain
keine Website

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