Heraus zur revolutionären Sittichstar-Garde

45 nach 68. Endlich hängen wieder Pamphlete an den Wänden:

Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Karneval oder Cottbus. Ich kann mich nicht entscheiden. Och lass ma, ich nehm doch lieber Eiter unter den Fußnägeln. Helau. Butschipuh. Lust auf Karneval in Cottbus? Rufen Sie jetzt an. Männer im Minirock. Frauen nacktbeinig. Wer da Bock drauf hat, kann Mitglied in der Sittichstar-Garde werden.

Wo es das zu lesen gibt?

Natürlich in Prenzlauer Berg, dem Zentrum aller Bescheuerten und Bekloppten, der Sammelstelle derer, die ihr Dorf verlassen haben, um es in der Hauptstadt genauso zu machen wie die Bembelbauern zuhause. Jetzt auch noch Karneval. Der Grund schlechthin, die Stadt Köln noch einmal in Schutt und Asche zu bomben. Dieser katholische Traditionsmüll des debilen Knopfdruck-Frohsinns, der von meinem Gebührengeld bald wieder flächendeckend in allen dritten Programmen bis zum Amoklauf zersendet werden wird, wabert seit Jahren als verstrahltes Idiotenevent in die atheistischste aller atheistischen Hauptstädte (wenn man von Pjöngjang mal absieht) und will einfach nicht wieder gehen. Die Narren sind los in Prenzlauer Berg. Mehr als sonst. Ufftata.

In der Stargarder Straße hängen diese Zettel. Sittichstar-Garde. Stargarde. Stargarder Straße. Dort will „Tokio“ Stillger Getreue sammeln, um mit ihnen nach Cottbus zu ziehen. Zum Karneval. Nach Cottbus! COTTBUS! Ausgerechnet. Tschingderassabum – und danach fressen wir Würzfleisch. Bockwürste. Und Senfeier. Mit Bautzner Senf. Der gute Bautzner. Und klappern mit den Schellenmützen zum Prosit der Gemütlichkeit auf Nordhäuser Doppelkorn. Ufftata. Seid bereit.

Immer bereit.

Die Stargarder, ich muss fast heulen. Dort haben wir früher auf der Straße getanzt, unsere Leben gefeiert, gekifft, geknutscht, Bier aus Hauseingängen ausgeschenkt, Spontankonzerte von der Rampe runtergespielt. Lange Sommer der Anarchie zelebriert. Die ganze Welt umarmt. Mindestens aber den Menschen neben uns. Thommy sang wie Eddie Vedder von Pearl Jam. Mit nur noch einem Arm. Den anderen haben sie ihm abgenommen. I’m still alive sang er mit so viel Gefühl wie keiner sonst. Und im Winter roch es überall nach Braunkohle. Wir hatten ja nix. Nur uns. Und Musik. Das hat gereicht. Dicke.

Jetzt wohnt „Tokio“ Stillger hier im Bezirk. Und sucht Narren. Für seine Karnevalsgarde. Und die wird er finden. Ufftata. Demnächst kommt dann auch „Kathmandu“ Schulze und sucht Mitglieder für den Schützenverein. Und danach gründet „Phnom Penh“ Kowalke den Landfrauenverein Prenzlauer Berg bevor „Mumbai“ Bierbichler eine Dirndl-Boutique eröffnet. In der Stargarder Straße.

Ich mag manchmal nicht mehr. Dieser Ort ist mir so fremd geworden. Ich verstehe die Leute nicht mehr, ich sage schon kaum mehr was, keinen Ton, sondern schaue sie mir nur noch fassungslos an, diese Witzfiguren in ihrem Deppenbezirk, über den das ganze Land lacht.

Ich glaube, irgendwann gebe ich auf und mache einfach mit. Ich werde wie alle. Ich setze mich in ein irrwitzig teures Vollkorncafé voller hornbrillentragender Startup-Hipster und Müttern in Batikkleidern, trinke handgemahlenen Kaffee mit besungener Sojamilch und fresse ein Wildlachsbagel dazu. Und Rucola. Immer Rucola. Und Teppiche. Ich behänge mich mit Teppichen und trage vegane Schuhe. Aus Pappe. Bast. Weidenblättern oder so. Und natürlich laufe auch ich mit Bionade Litschi in der Hand durch die Straßen. Oder gleich mit Club Mate. Weil Koffein. Hu. Ha. Ich bin verrucht. Dann melde ich mich beim nächsten PEKIP-Yoga-Pilates-Fickmichweg an und lasse beim Ausdruckstanz meine Chakren fließen. Metallica fliegt von meiner Küchenwand und Sri Chinmoy kommt da hin. In Lebensgröße. Irgendeine der vielen Eso-Guru-Geschäftsstellen hat bestimmt einen Starschnitt für mich zum Zusammenkleben. Mit Spucke. Weil meine Nebenhöhlen keinen Klebstoff vertragen. Danach muss ich unbedingt in die Apotheke und mich mit einem Jahresvorrat Globuli für und gegen alles eindecken. Und Bachblüten! Unbedingt Bachblüten! Weil die gegen alles helfen, gegen eingewachsene Zehennägel, gegen vorzeitige Ejakulation und gegen meinen Chef, der mich rausschmeißt, weil ich mit Rassel und Klangschalen im Borgwürfel rumlaufe und überall Räucherstäbchen anzünde. Und um meine chronisch schlechten Energiewerte zu optimieren, behänge ich mich mit Mineralsteinen, betöre mich selbst mit Bongotrommeln und höre nebenbei Walgesänge, um meine innere Mitte zu finden. Wenn mir dann noch Zeit bleibt, wringe ich alte Babywindeln aus dem Mülleimer über handgesteppten Juteleinwänden aus – für meine Vernissage, die ich plane. Im Pfefferberg. Wo sonst? In der Kulturbrauerei habe ich ja inzwischen Hausverbot.

Und ganz am Schluss, wenn ich schon selber gar nichts mehr mitkriege und sogar die Prenzlmütter ihre verzogenen Blagen von mir wegziehen, weil ich stinke und seit Monaten nicht mehr meine fleckige Buddhistenkutte gewechselt habe, mit der ich die Teppiche ersetzt habe, um eine noch höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen, dann bin ich soweit, dann rufe ich „Tokio“ Stillger an. Weil ich dann bereit bin für die Sittichstar-Garde. Warte nur, Cottbus, warte nur ein Weilchen.


Den Text habe ich letztes Jahr geschrieben und auf der Festplatte vergessen. Altersdemenz, das sind die ersten Vorboten. Wenn ich weitersuche, finde ich bestimmt noch einen fertigen Roman.

 

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