Der Bizarr-Opa und seine Fetischtorte

Prenzlauer Berg. Blackland. Ein Metalschuppen. Es ist 18:45 Uhr.

„Guten Abend, haben Sie schon offen?“

„Nein.“

„Wann machen Sie denn auf?“

„Sieben.“

„Im Internet steht aber um sechs.“

„Heute nicht.“

„Kann ich mich so lange hier hinsetzen?“

„Nein.“

„Alles klar.“

20:30 Uhr. Die Kodderschnauze von eben legt den Turbo ein.

„Tschuldigung, wo ist denn die Toilette?“

„Da wo’s dransteht.“

„Und wo steht’s dran?“

„Na, nich hier.“

Dann spielt eine Band. Die Band ist so kacke, dass es quietscht. Deshalb sind auch nur sechs Leute da. Mit mir. Auf der Bühne steht ein bizarrer Opa mit langen wasserstoffblonden Haaren, dessen Oberkörper nur von einem durchsichtigen Nylonteil bedeckt wird. Er rülpst irgendetwas in das Mikro und klimpert in ein Keyboard. Dazu läuft ein Beat.

Daneben steht eine ältliche Fetischqueen in Lackstiefeln, die ebenso wenig singen kann und das Ganze klingt wie eines dieser russischen Videos auf Youtube, auf denen sich Schülerbands zum Löffel machen, indem sie mit Plastikkeyboards Rihanna nachspielen.

Dieser untaugliche Versuch eines Songs versucht, erotisch zu sein. Highheels! Peitsche! Gib’s mir! Aaaah! röchelt der Opa ins Mikro. Seine Torte hat jetzt eine Peitsche in der Hand während er die Gäste auffordert, auf die Bühne zu kommen, wenn das Fell juckt. Was ist das hier? Habe ich tatsächlich Geld dafür bezahlt? Dafür? Echt? Was ist los mit mir? Wieso sitze ich noch hier? Die sechs Euro Eintritt hätte ich mir besser als Zäpfchen hinter die Rosette gesteckt, das wäre sinnvoller gewesen. Metal? Nee, heute nicht. Heute ist … wie nennt sich das? Folterknechtegothic?

Ich brauche noch ein Bier und bringe meine alten Becher zurück zur Bar, weil hier nie jemand kommt und ein Bier bringen will. Die Kodderschnauze will jedoch meine Becher nicht haben. Ich soll sie zwei Meter weiter hinstellen. Warum ich das auch noch mache weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich sitzt mir der Bizarr-Opa von der Bühne noch in den Knochen und hat mein Hirn aufgeweicht.

Irgendwann nach quälenden anderthalb Stunden habe ich den Opa und seine Lacktorte überstanden, das verstörende Konzert ist tatsächlich vorbei, und ich freue mich auf ein wenig Metalmusik aus der Konserve. Ist ja ne Metalkneipe hier. Muss doch.

Es kommt ZZ Top.

Und Mötley Crüe.

Danach Def Leppard.

Bumsrock.

Aus den 80ern.

Fehlt nur noch Bon Jovi. Oder Europe.

Ich will noch ein Bier. „Du wartest jetzt.“ höre ich von der Theke, hinter der man mit etwas anderem beschäftigt ist als Bier an die wenigen Gäste auszuschenken. Reden. Lachen. Und so.

Nach fünf Minuten ohne Bier gehe ich endlich weg. Lange genug hat es gedauert. Man will mich hier nicht. Mir gefällt es hier nicht. Die Frau, die hier Bier ausschenkt, ist offenbar im Hauptberuf Domina, die diesen Laden hier mit ihrem Studio verwechselt und die Musik dazu ist der perfekt korrespondierende Begleitwitz.

Eine Metalkneipe. Jaja. Und nächste Woche spielt eine dieser vielen grottigen Onkelz-Coverbands, die hier dilettieren darf, weil der Jugendclub in Eberswalde, Angermünde oder Frankfurt/Oder gerade Winterferien hat. Hier. Vor sechs, sieben oder acht Leuten. Im Blackland. Irgendwo im Niemandsland an der Greifswalder Straße. Gegenüber vom Zementwerk. Wo ich ganz sicher nie wieder sein werde, wenn man mich nicht niederknüppelt, in einen Sack steckt und hier abwirft.

 


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