Retrospektive: Kackjobs

Es ist Montag. Früh. Ich sitze im warmen Büro, trinke den ersten schlechten Bürokaffee des Tages und schaue aus dem Fenster. Draußen stehen junge Erwachsene, Studenten wohl, in der klirrenden Kälte und verteilen Dinge, die keiner will. Prospekte für irgendwas. Fitnessstudio. Eine neue Aufbackstation. Subway. Keine Ahnung. Es ist dunkel, es zieht, es ist so kalt wie es nur kalt sein kann. Dieser furchtbare Berliner Wind.

Die Menschen laufen vorbei, keiner will den Scheiß haben, ich auch nicht und bin gerade mit meinem patentierten „Sprich mich an und ich weide dich aus“-Psychopathenblick an ihnen vorbei gelaufen, das Gesicht von der Kälte steifgefroren. Sie haben sich nicht getraut, mich anzusprechen. Wie immer. Ich würde es auch nicht tun. Ich hasse Zettel. Und das sollen ruhig alle sehen.

Ich nehme einen Schluck Kaffee. Ein Kackjob ist das da draußen. Ich weiß noch wie das war, diese Situation, in der solche Jobs nötig sind, weil es für Ungelernte keine anderen gibt, oder weil man studiert und anders nicht über die Runden kommt. Kackjobs eben. Ich habe zusammen mit Illegalen Bahngleise aus dem Asphalt gebrochen, ich habe in einer Fabrik am Fließband acht Stunden lang mit einer 20 Minuten-Pause die immergleiche Handbewegung ausgeführt, ich stand bis zum Morgengrauen auf einem Bierwagen und habe besoffene Spenderhirnkandidaten abgefüllt, ich befand mich um vier Uhr früh in Neuseddin (Brandenburg!) in einer ungeheizten Abbruchlagerhalle und habe Zeitungsbündel gepackt, ich habe Waschmaschinen getragen, mich als Nachtwächter verdingt, stinkende Wohnungen entmüllt und Dachstühle mit der Kettensäge abgerissen. Nur Leichen habe ich nicht gewaschen. Ich wollte mal, doch sie haben mich nicht genommen.

Aber ich habe natürlich auch Zettel verteilt, die keiner haben wollte. Mit einem dummen Mützchen von einem Reiseveranstalter auf dem Kopf. In einer lächerlichen roten Uniform für einen Limonadenhersteller. Mit Indianerschmuck für einen Brotaufstrich. In einem Kranichkostüm für die Lufthansa. Da waren es Bonbons, die ich verteilt habe. Und nicht mal die wollte einer haben.

Ja, das klingt witzig, wenn man zurückdenkt, ist aber beschissen, wenn man drinsteckt. Nennen wir es doch beim Namen: Es sind einfach Kackjobs. Keiner macht die freiwillig. Und jeder ist froh, wenn er was besseres findet.

Als Lufthansakranich hat mich mal der unendlich bräsige rbb – als er noch SFB hieß und nicht minder bräsig war – auf die Messebühne geholt und interviewt. Meine berühmten zwei Minuten im Fernsehen bestanden also darin, mit verschwitztem Gesicht aus einem riesigen gelben Schnabel heraus bildschirmfüllend Banalitäten ins Mikrofon zu plappern. Zusammen mit dem grün-gelben Drachen einer Mietwagenfirma und einem Glücksschwein mit Hut von der Lottogesellschaft. Der Moderator wollte wissen, wie heiß es in so einem Kostüm ist. Verdammt heiß, der verfickte Schweiß läuft mir in Sturzbächen in die Kimme, wollte ich sagen. Habe ich aber nicht. Ich brauchte den Job.

8 Mark die Stunde. Und das Gespött der Stadt. Ja, nochmal: Kackjob.

Hier im Büro ist es warm, 22.5 Grad wohltemperiert, während draußen der Eiswind herrscht. Ich trage heute casual, überlege wieder einmal, ob ich die Kaffeemaschine endlich rausschmeiße, weil sie wirklich einen skandalös beschissenen Kaffee macht. Tee wäre eine Alternative. Nana-Minze ist noch genug da. Und da draußen stehen sie durchgefroren und müssen mir jetzt Zettel andrehen, die ich nicht will. Lange ist das her. Und lange hat es gedauert, aus der Jauche rauszukommen, die solche Jobs gebärt.

Ich schaue noch einmal aus dem Fenster. Die da unten werden auch alles dafür tun, den Kackjob irgendwann nicht mehr tun zu müssen. Niemand macht das, wenn er es nicht muss. So geht es zu, Ellenbogen olé schon als Student. Wer die Jobverteiler von der studentischen Arbeitsvermittlung nicht schmiert oder einfach nur zu spät aufsteht, kriegt das, was keiner machen will. Die Kackjobs. Meistens Promotion. Scheißdreck verteilen, den keiner will. Zettel. Abos. Spendenflyer für irgendwas. Gerne in einem lächerlichen Outfit oder seit neuestem mit roter Bommelnase im Gesicht. Red Nose Day. Die armen Schweine.

Ich fürchte, er wird sich nie ändern, der Lauf der Dinge. Unabänderlich. Immerzu. Da unten ist die Jauche. Und jeder versucht, aus der Jauche rauszukommen. Jeder. Und jeder versucht, am Kacken zu bleiben. Jeder. Immer weiter. Immer weiter.

Und irgendwann hat man es geschafft und ist da raus.

Hoffentlich.