Multiplex für Menschenhasser

Man sollte an einem Samstag nicht ins Cinemaxx am Potsdamer Platz gehen. Man sollte eigentlich überhaupt nicht mehr ins Cinemaxx gehen. Denn hier zeigt die eiskalte Profitmaximierung eine ihrer hässlichsten Fressen.

Gespart wird natürlich zuerst an der Hygiene. Die Toiletten erinnern vom Geruch und der zerfickten Optik her an längst vergessene Junkiehöhlen bundesdeutscher Fernbahnhöfe in den 80er-Jahren. Jedes Dixiklo jedes beliebigen Metal-Festivals würde dieser stinkenden Pissecke in hygienischer Sicht den Rang ablaufen. Auf die Schüsseln kann man sich nicht setzen ohne die Schuhe in einem Pissesee zu baden, vorausgesetzt, dass man sich nicht vorher beim Anblick der Kackwurst des Vorgängers auf diese Schuhe übergeben hat. Und das Volk, das hier den Idiotenfilm Fack Ju Göhte schaut, kann vielleicht sogar den eigenen Namen richtig schreiben, aber keinesfalls das Pissoir treffen.

Ein übles Loch. Und keiner macht vor Feierabend den ganzen Siff sauber.

Man führt diese Zustände naht- und gnadenlos in den Kinosälen fort, was immerhin von einer gewissen Beharrlichkeit zeugt. Konsequenz wird hier groß geschrieben, denn wenn schon siffig dann richtig. Egal welcher Saal: Der Boden klebt, dass die Schuhe später auf dem Heimweg knarzende Geräusche von sich geben – vorausgesetzt man hat sie noch an und muss sie nicht am Boden klebend zurücklassen. Das liegt wohl am Zucker der Cola. Oder dem Aspartam. Oder es ist einfach ein Industriekleber. Ich weiß es doch auch nicht. Weg macht das offenbar keiner. Kärcher. Nie war er so nötig wie hier.

Die Sitze, die man oft vor dem Hinsetzen von Popcorn-, Nacho- und Käsesoßenresten befreien muss, kleben genauso und es müffelt im Saal eigenartig nach einer toxischen Mischung aus Fußschweiß, warmem Zucker und Mundfäule. Meine Oma starb in einem Krankenhaus. Abnippelstation. Genau so roch das da auch.

Eine solcherlei vernachlässigte Umgebung zieht natürlich auch die einschlägige Klientel an: Egal welcher Film, die Sitztreter sind schon da und sie treten gnadenlos, dauerhaft und nachhaltig zu wie Hertha, wenn es 0:2 steht. Haben die Sitztreter niemanden vor sich, den sie treten können, ziehen sie ersatzweise ihre Schuhe aus und platzieren ihre bestrumpften Käsemauken auf der Lehne davor, vorzugsweise wenn auf dem Platz daneben jemand sitzt. Meistens ich. Wäre es legal, ihnen dafür die Haxen ohne Betäubung abzuhacken, würde ich es tun.

Auch immer gerne um mich herum sind die pubertären bis studentischen Sabbelfritzen und -hühner, oft auch weit fortgeschrittenen Alters, aber stets in größeren Gruppen, gackernd dauerlabernd und das leuchtende iPhone schwingend ihr ganz eigenes akustisches und optisches Inferno in asynchronem Stereo erzeugend, das die Aufmerksamkeit vom Film für alle anderen vollständig wegführt – in Perfektion korrespondierend zum minderbemittelten Kino-Hooligan auf der anderen Seite, der seiner unterbelichteten Begleitung jede Szene zustimmend oder abwertend erklären muss – eine Art akustischer Videotext-Untertitel ohne Tafel 150 in seinem Sitz klebend, der es einem ermöglicht, der Filmhandlung auch mit geschlossenen Augen zu folgen, während das Pisa-Opfer aus der letzten Reihe die Filmmusik mit Bushido aus seinem geklauten iPhone ergänzt.

Ich möchte sie spätestens bei Minute 30 alle in der Spree versenken. In Atommüllfässern.

Es erscheint mir in der Gesamtsicht der Dinge hinreichend wahrscheinlich, dass das Cinemaxx eine Kooperation sowohl mit den Berliner Nervenkliniken als auch mit allen Justizvollzugsanstalten und Neuköllner Hauptschulen eingegangen ist, denn man konzentriert offenbar alle gesellschaftlichen Pflegefälle mit Ausgangsberechtigung an diesem einen Ort – dieser massiv konzentrierte Haufen von abstoßenden Sozialkrüppeln sucht in der Welt wahrscheinlich seinesgleichen, außer es finden mal wieder Castings für DSDS statt. Klar.

Ein amüsanter Kontrast zum fürchterlichen Publikum des Cinemaxx ist das lustig anzusehende, bemüht verkrampfte, aber doch schräg selbstverliebte Schaulaufen der stilettobewaffneten Societyanwärter-Schnepfen und ihrer pomadierten Pudel vor dem Eingang des Kinos, die auf dem Weg zum Prosecco im Ritz Carlton oder im Adagio noch ein wenig in selbigem rumstehen. Keine Ahnung, was die da machen und wen sie mit ihrem traurigen Gepose beeindrucken wollen, aber man kann sie dort ab ungefähr 19.30 Uhr bewundern. Ich vergesse leider jedes Mal die Erdnüsse, um sie damit zu bewerfen wie die Touristen die Paviane im Zoo. Doch vielleicht spritzen sie mit Urin wenn man das macht. Also lasse ich es besser, man weiß ja nie.

Dieses ganze fürchterliche dabei doch irgendwie komisch apokalyptische Cinemaxx-Ensemble ist zu einem Spitzenpreis erhältlich, der alle bisherigen Kinoerlebnisse in den Schatten stellt. Für eine (!) Kinokarte werden bis zu 14,50 Euro fällig (3D-Zuschlag, Überlängenzuschlag, Extra-Werbung-Zuschlag, Hackfressenzuschlag), für eine (woanders mittlere – hier groß genannte) Portion Popcorn nebst Wasser müssen 8,40 Euro berappt werden – dies im „Spar“-Menü wohlgemerkt, es geht ohne Menü noch deutlich teurer. Ihr seid doch krank. Dafür esse ich im Wedding drei Tage am Stück warm.

Doch manchmal muss es das Cinemaxx sein, denn manchmal ist das Cinemaxx das letzte Kino, in dem einer meiner Nischenfilme, die außer mir keiner schaut, überhaupt noch läuft, weil ich ihn wieder wochenlang vor mir her geschoben habe bis er sonst nirgendwo mehr läuft.

Immer wenn das passiert und ich wieder dort war, hasse ich mich dafür und möchte duschen. Stundenlang.


Ich war kürzlich wieder da, um „Exit Marrakech“ zu sehen, der sonst nirgendwo mehr lief. Sie haben die Toiletten tatsächlich renoviert seit meinem letzten Besuch vor drei Jahren, doch sie sehen wieder so versifft aus wie früher. Und weil es immer noch so schön passt, habe ich mich an meinen alten Text bei Qype erinnert, den ich aufgrund von Beschwerden immer mehr kürzen musste bis fast nichts mehr übrig blieb. Hier ist er wieder. In voller Länge. An Aktualität hat er nichts eingebüßt.

 

 

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