Psychopathentreff über den Wolken

So ein Flugzeug ist ja traditionell der Treffpunkt von Psychopathen.

Hat man die durchgeknallten Eiergrabscher der sadistischen Flughafensecurity endlich hinter sich, haben die vereinigten Schreckgestalten der deutschen Passagierluftfahrt ihren Auftritt – in einem Raum, aus dem man nicht fliehen kann.

Vor mir klappt ein Arsch schon eine Viertelstunde vor dem Start die Lehne nach hinten, die Vettel hinter mir kräht mich an, weil ich das gleiche mache, um mir ein wenig Platz zurück zu holen, und tritt mir den ganzen Flug lang ihre magersüchtigen Knie in den Rücken.

Ich kriege auch immer den mittleren Sitz, den keiner will, weil ich es verpenne, online einzuchecken. Und so sitze ich immer wieder neben dem blasenschwachen Honk vom Fensterplatz, der Tomatensaft trinkt wie ein Lurch und deshalb alle fünfzehn Minuten seine winzige Ministrantenblase zum Klo tragen muss.

Auf der anderen Seite neben mir am Gang parkt eine Mutter ihr psychoaktives ADHS-Kind, um wenigstens mal kurz etwas Ruhe vor dem Stressknilch zu haben, der nun mir statt ihr seine Filzstifte um die Ohren haut und mir statt ihr seinen Bleistift in die Seite rammt.

Manchmal sitzt genau da aber auch die alte Matrone, die jeden Morgen in einem Jahresvorrat Puffparfum badet und zwischendrin mal eben nachlegen muss, weil ihre Geruchsknospen vom jahrelangen Duftstoffmissbrauch schon längst abgestorben sind während mir schon seit dem Start die Augen brennen, weil es in unserer Sitzreihe unerträglich moddert wie bei den Zimtzicken von Douglas.

Und dann gibt es da noch die profilneurotische Eule rechts vorne, die nicht neben einem Baby sitzen will und lautstark einen neuen Platz verlangt, wonach die Stewards eine arme Sau finden müssen, die mit ihr tauscht, und es gibt den Hypochonder, der den Stewardessen eine Liste der Lebensmittel überreicht, die er nicht verträgt und der unbedingt einen Zucchinisaft oder sowas will, nicht zu vergessen mindestens fünf Idioten, die ihre Bordkarte nicht lesen können und entweder steif und fest behaupten, dass der falsche Platz, vor dem sie stehen, ihr richtiger ist oder umdrehen und sich wieder zurück durch den Gegenverkehr ganz nach vorne quetschen müssen, ein anderer Wahnsinniger will seinen Trolley auf dem Schoß behalten, weil er Angst hat, dass der im Gepäckfach geklaut wird, eine hysterische Kuh möchte nicht am Notausgang sitzen, als würde das bei einem Absturz irgendeinen Unterschied machen, und eine Horde unerzogener Bengel schmeißt das Essen ihrer Lunchboxen in alle vier Himmelsrichtungen während ein krawattierter Pimmelkopf auch beim Start seinen Laptop mit Internetstick angeschaltet lassen möchte und damit droht, die Fluggesellschaft zu verklagen, wenn er nicht auch während des Starts gegen den Euro spekulieren darf.

Ein Käfig voller Narren in einem Flugzeug voller Psychopathen. Ich warte noch auf den Flug, auf dem neben mir ein dreiköpfiger Affe sitzt, mit seinen Schellen und Glöckchen rasselt und mir ein Stück seiner Banane anbietet. Viel fehlt nicht mehr.

Die Damen Stewardessen und Herren Stewards sind dabei zu bewundern, ich ziehe den Hut vor diesem Job. Wie machen die das? Sie bleiben immer ruhig, lösen alle Probleme all dieser menschlichen Problemfälle, die ich an ihrer Stelle bereits nach zehn Minuten im Blutrausch mit ihrem Ledergürtel am nächsten Gepäckfach aufgeknüpft hätte, und erklären den Leuten, die das Sicherheitsvideo zwar tatsächlich angeschaut, aber leider nicht verstanden haben, geduldig, wie sie sich kurz vor dem Aufprall des Flugzeugs auf dem Boden in den letzten Sekunden ihres erbärmlichen Lebens verhalten sollen.

Mein Job wär das nicht.

Ich verstehe übrigens eines überhaupt nicht: Schokoriegel oder Chips. Es gibt Schokoriegel oder Chips. Für eine knappe Stunde Flug von Berlin nach Köln/Bonn. Warum? Muss man bei der jämmerlich kurzen Strecke unbedingt fressen? Schafft man es nicht mal eine Stunde ohne Tütenjunk aus Fett und Zucker in sich reinzustopfen? Oder nimmt man das nur, weil es umsonst ist?

Ach egal. Überstanden. Ich habe es überstanden. Knapp ‚ ne Stunde. Jetzt noch der Rückflug und dann reicht es wieder für ein paar Jahre. Ich hasse Fliegen.