Die Hedonisten von Tempelhof und ihre Freiheit

Manchmal macht die Politik auch was Vernünftiges. Also für die Menschen. Nicht für die Banken. Versicherungen. Immobilienlobby. Pharmaindustrie. Oder gleich direkt für die oberen 1%. Nein, sie haben vor ein paar Jahren das Flugfeld des geschlossenen Flughafens Tempelhof für die Bevölkerung geöffnet. Und die kommt in Scharen.

Das ist toll.

Wäre das hier Stuttgart oder München, wäre der komplette Grund und Boden wahrscheinlich schon längst parzelliert und versilbert, damit ein Investor dort furchtbare Glaskästen oder gesichtslose Townhouses in die Welt erbrechen kann.

Wovon wieder nur wenige was haben.

Hier nicht, hier hat man den Menschen endlich mal was geschenkt. Der Platz ist offen, wird gestaltet, hier wird gelebt, Sport gemacht, gegrillt und in der Sonne gegammelt. Auf ausladend viel Platz wohin das Auge reicht. Ich bin oft hier.

Mmmh… was nehm ich nur? FOLLOW ME oder RTF Instructions? Ich kann mich immer so schlecht entscheiden, klingt beides lecker.

INS 2 ist sicherlich nur der Tarnname für die Konterguerilla, die hier unten im Bunker sitzt und auf den Bürgerkrieg wartet, der nie kommt. Oder die Abkürzung für Irrenhaus Not Schlachtung, eine Unterabteilung der Behörde für die Endlagerung der Mumien aus der Senatskanzlei oder meiner alten Schule.

Und ohne Funkkontakt mit dem Tower darf man hier leider nicht durch. Schade. Immer wenn ich auf 70,15 Megahertz funke, meldet sich dieser dicke frühpensionierte CB-Funker aus Reinickendorf, der versucht, seinen dicken Fernfahrerkumpel aus Wernigerode anzufunken, um ihm zu sagen, dass er Pizzareste auf seinem Bundeswehrpullover hat und seine (seit Jahren vernachlässigte) Ehefrau im Wohnzimmer schon wieder sehnsüchtig Frauentausch auf RTL 2 schaut. Meine Güte.

Doch, ein cooler Park, eine coole Fläche ist das hier. Was bin ich froh, dass sich die Provinzpappnasen der Zehlendorfer Frontstadtkämpfer im Verein mit den kalten Kriegern der bräsigen CDU damals nicht durchgesetzt haben und hier endlich keine Geschäftsflieger und Hobbypiloten mit Privatmaschine mehr starten und landen, sondern höchstens die Drachen der Kinder oder die Miniaturflieger der Opas. Ich mag es, wenn Unten auch mal gegen Oben gewinnt.

Der Senat will jetzt den Rand des Flugfelds bebauen, dieses Mal – wie man liest – nicht mit Nobelappartements und Townhäusern für die Ober- und obere Mittelschicht wie sonst, sondern zur Hälfte mit Sozialwohnungen. Ja, richtig gehört: Sozialwohnungen. Der Senat steuert also endlich gegen den drohenden und in weiteren Teilen schon grassierenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum abseits von Marzahn-Hellersdorf – viel zu spät, aber immerhin.

Natürlich hat sich eine Initiative dagegen formiert und so gibt es auch hier wieder Flugblätter, eine Website und jede Menge missionierende Aktivisten, die jetzt in den letzten Tagen vor dem 13. Januar, in denen das Knacken des Quorums in weite Ferne rückt, jeden möglichen S-Bahn-Ausgang belagern, um die fehlenden 30.000 Unterschriften zusammen zu kratzen.

Wie ist die Situation? Auf der einen Seite stehen, wie ich das überblicken kann, die üblichen alternativen Hedonisten, die auch in Prenzlauer Berg alle möglichen Initiativen für Partikularinteressen bilden, und ihr großer Park der Selbstverwirklichung, auf der anderen Seite schlägt der knallharte Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu Buche – in einer Stadt, in der er knapp wird.

Sicher, diese ausladende Fläche des Tempelhofer Flugfelds ist großartig und natürlich muss ein Großteil davon erhalten bleiben, aber wo soll denn bezahlbarer Wohnraum entstehen, den die Stadt braucht? Doch bitte nicht in Hohenschönhausen, Marzahn und an anderen Stadtgrenzabschnitten zu Brandenburg, sondern zur Abwechslung mal zentral. Ich möchte nicht, dass die Mitte der Stadt wie in Paris und London nur noch von Reichen bewohnt wird. Doch dahin geht momentan der Weg, wenn nichts dagegen getan wird.

Deshalb: Sorry. Ich kann nicht unterschreiben, ich will dieses Mal keinen Flyer haben, auch weil die Drückerkolonnen umso doller nerven, je näher die Deadline rückt. Ich kann sie in ihrer Verzweiflung inzwischen kaum noch von den Spacken vom Red-Nose-Day unterscheiden, die mir vor jedem Einkaufszentrum nicht mehr von der Pelle rücken bis ich sie endlich beschimpfe, damit sie von mir ablassen.

Zugegeben, es ist ein ekelhaftes Gefühl, mit den Zombies aus der Senatsbauverwaltung einer Meinung zu sein, aber ich finde, die Teilbebauung ist zumutbar, vor allem, wenn es auch Sozialwohnungen werden. Platz für die persönliche Entfaltung bleibt auch danach genug, da kann man locker den Rand bebauen.

Und nein, die Gründe dagegen überzeugen mich nicht. Diese ganzen ins Feld geführten bedrohten Feldlerchen und Sumpfohreulen wirken dadurch, dass es auf dem ganzen Areal kaum Bäume gibt, vorgeschoben. Damit bekommt die ganze Kampagne einen unredlichen Touch, weil es doch eigentlich – ganz egoistisch – um schlichte Freizeitgestaltung geht, also haben wir hier eine im Grunde hedonistische Motivation und die wäre für mich maximal dann in Ordnung, wenn dagegen nicht ein Grundbedürfnis stehen würde, das für viele Menschen dieser Stadt elementar geworden ist: Bezahlbarer Wohnraum.

Deshalb von mir keine Unterschrift. Jeden Tag aufs Neue bis zum 13. Januar: Nein, danke. Keine Unterschrift. Ich bin anderer Meinung.

 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293