Gehwegschäden

Der Schädenschilderwald von Prenzlauer Berg wird immer dichter. Schäden überall. Gehwegschäden. Straßenschäden. Kaum eine Ecke ohne, wenn man vom Kollwitzkiez mal absieht, in dem der neue Geldadel wohnt, den man nicht verprellen will und dessen Straßen und Gehwege deswegen aussehen wie ein gephotoshopptes Wahlplakat.

Im Norden von Prenzlauer Berg, je näher man dem Pöbel von Pankow kommt, ist dagegen alles kaputt und es gibt mehr „Alles kaputt“-Schilder als Straßenlaternen zum Aufhängen.

Der Grund, warum das Bezirksamt das mit den Schildern macht, ist mitnichten Besorgnis um das Wohl der Bürger – das interessiert keine Sau-, sondern es ist ganz profan eine Frage der Haftung: Wenn ein solches Schild aufgestellt ist, dann muss das Bezirksamt weder Schadenersatz noch Schmerzensgeld zahlen, wenn sich einer an einem Schlagloch die Ölwanne kaputtfährt oder sich auf den rissigen Gehwegplatten, die mit einer Mondlandschaft mehr gemein haben als mit einem Bürgersteig, die Beine bricht. „Ey, was willsu? Wir ham disch doch gewarnt.“

Auch das gehört zu den Dingen, die ich nicht verstehe. Ich verstehe nicht, dass man Banken nach wie vor über einen niedrigen Leitzins Milliarden in den nie satt werdenden Gierschlund bläst, ihnen billiges Geld um billiges Geld hinterher wirft und sie sich damit über unsere bizarren und davon komplett entkoppelten Kreditzinsen ein zweites Loch in den Arsch verdienen, aber für Gehwege kein Geld da ist. Ich verstehe sowieso nicht, wieso man die Reichsten der Reichen weniger besteuert als unter Kanzler Kohl, während es auf der anderen Seite nur für eine Flut an Schildern reicht, dass die Infrastruktur der Bürger flächendeckend kaputt ist und man kein Geld hat, den Grund und Boden zu reparieren, auf dem sie laufen. Wie kann das sein? Wie geht das zusammen? Und wieso stellt diese Fragen niemand, der über Medienmacht verfügt, und setzt das alles in den Zusammenhang?

Die Folge von diesem Schilderwahnsinn ist: Der Bezirk muss weiterhin nichts machen. Diese Schilder stehen seit locker 10 Jahren quer durch alle Kieze, fast flächendeckend, und das werden sie mit Sicherheit noch, wenn wir alle längst in den Särgen verfaulen. Das kostet doch nix. Man haftet nicht und muss nichts tun. Unser Bezirksamt – fein raus.

Es bleibt wie es ist: Berlin. Wir können nix. Gar nix. Wie immer. Und bevor wir Schäden reparieren, stellen wir lieber massenhaft Schilder her und auf. Weil wir nix können. Glückwunsch, Hauptstadt.

 

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