Beim Pfannkuchenlauf: Mein iPod, der Wichser

Es ist Silvester. Und der Spacko von Papa hat nichts besseres zu tun als zu laufen.

Pfannkuchenlauf nennt sich das da am Ende des Jahres, organisiert vom unvermeidlichen SCC. Pfannkuchen deshalb, weil es am Schluss zur Belohnung das gibt, was man anderswo Berliner nennt. Und das, was anderswo Pfannkuchen heißt, nennt man hier in Berlin Eierkuchen. Diese sprachliche Kuriosität wird aber in der Hauptstadt umso seltener, je mehr mehr Ureinwohner in die Banlieues ziehen. In Mitte sagt man inzwischen Flädle dazu, zumindest wenn der Kram in der Suppe schwimmt. Sorry, im Süpple schwimmt. Ja, doch. Geduld. Ich lerne noch.

Der Pfannkuchenlauf ist ein 9,9 km-Lauf hoch auf den Teufelsberg. Und wieder runter.

Der Teufelsberg ist der höchste der Berliner Schuttberge, auf den die Westberliner Laubenpieper stolz wie Bolle sind, weil sie jetzt endlich auch mal im Winter etwas länger als drei Sekunden mit dem Schlitten einen Abhang runterfahren können. Hat der Zweite Weltkrieg doch was gebracht. Ein paar Berge für Berlin. Halali. Lasst doch mal wieder in Polen einfallen und danach den Feldberg, den Großen Arber und das Mittelgebirge in Berlin nachbauen. Fuck Sotchi. Hier kommt Berlin, die neue Wintersportmetropole. Nur noch ein Weltkrieg und wir sind soweit.

Ich für meinen Teil höre gerne Musik beim Laufen. Hassmusik übelster Art. Gebolze. Gehämmer. Hatebreed. Pro-Pain. Machine Head. Dimmu Borgir. Killswitch Engage. DevilDriver. Heaven Shall Burn. Hypocrisy. Und des Läufers Liebling: Amon Amarth. Satans schwedische Botschafter auf Erden.

Mein iPod läuft auf Shuffle, denn ich liebe Überraschungen beim Laufen. Ich habe keine Lust, vorher eine Playlist zu erstellen, die mich langweilen wird, weil ich immer weiß, was kommt und deswegen beim Laufen in ein Wachkoma falle.

Das Problem dabei: Zwischen der wunderbar motivierenden Hassmusik gibt es auch langsame Tracks, was in Ordnung ist, weil es in der Gesamtschau nicht zu viele sind und deshalb nicht allzu oft eine davon läuft.

Das gilt jedoch nur dann, wenn mein iPod nicht auf Krawall gebürstet ist. Wie heute. Beim Pfannkuchenlauf.

Zum Start lullt mich der iPod noch ein. Volbeat. „Radio Girl“. Fantastisch, um erstmal ein paar Walker zu vernaschen. Dann Five Finger Death Punch. „Generation Dead“. Die ersten Gruppen in gepimpten vollverkabelten Ganzkörperkondomen müssen dran glauben. Dann das übliche: Hausfrauen. Wettverlierer. Ein paar Opas. Spaßläufer mit Kostümen. Darunter ein Harry Potter, der sich wahrscheinlich gar nicht verkleidet hat, sondern immer so aussieht. Five Finger Death Punch. Ich hole mir einen nach dem anderen. Rock’n Roll bitch! Ihr Ficker! Mit Rammsteins „Feuer frei!“ kommt die erste Gänsehaut bis in die Zehenspitzen. Ich laufe das Rennen meines Lebens.

Nicht.

Denn mein iPod, der Wichser, hat beschlossen, mir die Beine wegzuziehen. Es beginnt mit Rammstein. Noch einmal. Doch es ist „Wilder Wein“. 5:42 Minuten gähnende Öde. Til Lindemann zieht die Vokale wie Gummi. Der Track ist unerträglich langsam, ich komme aus dem Tritt. Der Opa des Grauens zieht vorbei. Jetzt schon? Sein Auftritt ist doch sonst erst bei Kilometer 8. Es folgt Die Art. „Heaven knows“. Die Acoustic Version. Weil die so richtig schon quält. Jammer. Weltschmerz. Acoustic-Gitarre. Harry Potter überholt mich. Und eine verkleidete Kuh läuft an mir vorbei. Mit Euter.

Doch das reicht noch nicht an quälend langsamen Tracks. Jetzt kommt Vic Chesnutt. Mit „Hermitage“. Wieder Gejammer. Wieder Weltschmerz. Wieder Gitarre. Der Typ hat sich vor ein paar Jahren umgebracht. Seiner Musik nach zu urteilen kann das niemand überrascht haben. Ich werde noch langsamer. Irgendein Clown, der aussieht, als hätte er heute eine Wette verloren, trägt seine Weizenbierwampe, über die ein Erdinger-Laufshirt spannt, an mir vorbei. Ihm folgt ein Balletttänzer. Im rosa Tütü. Und Ballettschuhen, der läuft tatsächlich in Ballettschuhen! Ich würde mich jetzt gerne selbst eingraben und mein Waldgrab mit einer Betondecke versiegeln. Pures Blei fließt in meine Waden, ich habe jetzt schon keine Lust mehr. Ein übles Ergebnis bahnt sich an und schuld ist der Wichser an meinem Arm, der Musik macht, die in jeder Kifferbar in Amsterdam besser aufgehoben wäre.

Wie kann es sein, dass dieses Miststück von iPod immer nur dann reihenweise Langsamkeit ausspeit, wenn ich einen Lauf habe, bei dem die Zeit gemessen wird? Ich spinne eine Verschwörungstheorie: In Cupertino, Kalifornien, sitzen ein paar durchgeknallte Apple-Programmierer bei Club-Mate und sauren Hariboschlümpfen und steuern meinen iPod fern. Weil die wissen, dass ich heute laufe. Das hat ihnen die NSA gesteckt. Die wiederum im Anmeldeserver vom SCC sitzt und meine Laufaktivitäten überwacht. Haha. Ihr Penner, demnächst laufe ich mit Smartphone am Arm, das überträgt so viele Daten zu euch, dass ihr das gar nicht alles auswerten könnt. Und wartet nur ab, bis ich demnächst die Stuhlgang-App installiert habe, ich scheiße euch mit Daten zu bis eure Server platzen: 7:30 Uhr: Kaffeeschiss. Erst semifest, dann recht flüssig. Geruchsentwicklung: Zunächst beißend, später unerträglich. Grund: Bier vom Vorabend mit Knofibaguette und Zwiebelringen. 10:45 Uhr: Später Frühstücksschiss. Hasenköttel. Drei an der Zahl. Unter enormem Druck aus dem Darm gepresst. Eine davon mit der Form einer Erdnussschale. Die anderen embryoartig. Vorherrschendes Gefühl: Massive Unbefriedigung. Da geht heute noch was, NSA. Warte nur ein Weilchen.

Es folgt der erste Anstieg. Der Teufelsberg. Steil. Leck mich doch. Ich gehe in die Knie. Das Blei in meinen Waden härtet aus. Motivation null. Wo soll ich in Prenzlauer Berg auch Anstiege trainieren? Der scheiß Prenzlauer Berg heißt nur so, der ist gar kein Berg, sondern nur das, was sie in Mitte einen Buckel nennen würden. Oder Buckele. Doch jetzt mal ehrlich: Wie viele langsame Tracks sind denn da drauf auf dem iPod?

Viele: Kate Bush „Bertie“, Björk „Hunter“, Anita Lane „Bella Ciao“, Nancy Sinatra „Bang Bang“. Er spielt sie alle. Und weil es unbedingt noch langsamer sein muss als sowieso schon: Ween „Buones Tardes Amigos“. Toller Song, bekifft, besoffen, zugedröhnt bei Morgengrauen auf der Admiralsbrücke eines endlosen Kreuzberger Sommers – nur völlig untauglich für Geschwindigkeit beim Volkslauf auf den Teufelsberg. Ich weiß das, mich hat eben eine Gruppe dicker Büroknechte überholt. Gefolgt von einem verkleideten Drachen und einem Indianer mit Federschmuck bis zum Arsch. Was ist da los? Die laufen wie die jungen Hengste. Ich dagegen schleiche die nächste Steigung – den Drachenberg – hoch wie ein Flusspferd mit der Attitüde eines Faultiers. Ich fühle mich wie mit Anhänger an mir dran und sehe mich kurz um, ob ich nicht einen Campingwagen voller fetter Wacken-Trolle und ihren Bierfässern hinter mir her ziehe. Nein, tue ich nicht, da ist nur ein verkleideter Musketier, der grinsend zum Überholen ansetzt.

Zwischendurch teasert mich der iPod, der Wichser, mit Slayers „Raining Blood“, nur um unmittelbar darauf mit Nouvelle Vagues „Waves“ zu kontern, was mich noch langsamer macht als sowieso schon, weil ich bei Slayer schneller durchgestartet bin als mir gut tut und mir jetzt das Seitenstechen direkt aus dem Fegefeuer serviert wird. Zieht bis in die Brust, verfickt nochmal. Manchmal hasse ich diesen komischen Körper. Was will der? Und warum sieht das bei allen anderen so geschmeidig aus? Pfannkuchenlauf. Haha. Ich fühl mich wie ein Pfannkuchen. Mit heißer Marmelade im Bauch, die wabert und gegen die Magenwand schwappt. Nutella war wohl doch keine so gute Idee heute morgen. Ich halte gleich an, kotze gegen den nächsten Baum und löse ihn mit Magenflusssäure in seine Bestandteile auf. Es gibt eh zu viele davon hier. Scheiß Bäume. Ihr könnt mich mal. Alle.

Bei den Klängen von Depeche Mode „Come back“ und einem verkleideten Storch, der mich überholt, bin ich froh, dass das hier nur 1×10 Kilometer sind und nicht 2×5, weil man mich dann wenigstens nicht überrunden kann. Inzwischen hätte mich sicherlich 1/3 des Feldes auf diese Art deklassiert. Oder mehr.

Dann durchzieht die Laufstrecke ein Tal und darauf folgt genau die lange Steigung, die mir auch unter normalen Umständen den Rest gibt. Heute wird es besonders eklig, denn es wird New Model Army gegeben. „Nothing touches“. Ein Lied zum Erhängen. Heute ist nicht mein Tag. Es ist wie immer eigentlich: Im Training als der König der Welt rocke ich den Volkspark Friedrichshain zu den Klängen aller vereinigten Satanisten Skandinaviens und im Wettbewerb ende ich als Loser, der von seinem iPod (dem Wichser) mit Balladen aus Amsterdams Kifferhöhlen seelenwundgefickt wird.

Loser. Ja. Der Song fehlt noch, als ich vorne endlich das Ziel sehe. Mit Deng-Dede-Deng-Dedeng ertönt auch schon der Anfangsakkord der markanten Gitarre von Beck. War ja klar. Beck Bitch Bastard. Sick Sad Fuck. Und er singt:

In the time of chimpanzees I was a monkey
Butane in my veins so I’m out to cut the junkie
With the plastic eyeballs, spray paint the vegetables
Dog food stalls with the beefcake pantyhose

Zum Refrain „I’m a loser baby, so why don’t you kill me?“ überquere ich die Ziellinie.

Später werde ich den iPod in die Spree schmeißen, schwöre ich mir. Heute isser fällig. Ich lass mich nicht mehr von einem angebissenen Apfel seelenwundficken. Und wenn ich das nächste Mal in Kalifornien bin, schütte ich den Applehipstern von der NSA Arsen in den Club-Mate.

 

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