Lass mal netzwerken – der besondere Link vom 02.01.14

Es ist längst überfällig, einen Bloggerkollegen zu feiern, der mir sehr ans Herz gewachsen ist: Thorge mit seinem Blog Brain.Fuck.Yourself.

Thorge kommt wie ich von der Bewertungsplattform Qype und hat seinen ganz eigenen Schreibstil, den man nur schwer kopieren kann. Ich habe ihn immer den Digger-Digger-Hamburg-Atemlos-Checker-Style genannt. Da hetzt einer durch seine Stadt und berichtet: Konzerte. Parties. Assis. Penner. Tussis. Bonzen.

Und Liebe. Freundschaft auch. Manchmal Provinz. Denn da kommt er her.

Thorge ist ÖPNV. Dort sammelt er seine Geschichten ein. Zum Beispiel im Nachtbus nach Barmbek – ein typischer Ort, an dem er Szenerie einatmet und sie kurze Zeit später als Text ausspuckt.

Vielleicht ist Thorge Prekariat oder zumindest nah dran, ich mag ihn nicht unbedacht kategorisieren, aber ich kenne ihn nur kämpfend, jobbend, da ein Job, dort wieder einer, klappt das nicht, macht er woanders weiter. Thorge ist Struggle. Immer an der Kante.

Wir haben mal ein Bier zusammen getrunken. Im Wild at heart in Kreuzberg. Ich merke sehr schnell, ob ein Mensch Herz hat oder nicht, da bin ich sensibel. Ich möchte nicht mehr mit herzlosen Menschen zusammenkommen, es sei denn, man bezahlt mich dafür, sie zu ertragen.

Thorge hat Herz. Wer seine Texte liest, der merkt das auch ohne mit ihm ein Bier zu trinken. Thorges Texte sind nicht bitterfotzig, sondern mit dem Schalk in den Zeilen, mit Leichtigkeit, manchmal sogar fast beiläufig. Das Leben meint es nicht immer gut mit ihm, schafft es aber auch nicht, ihn zu erdrücken.

Thorge ist jemand, den ich intuitiv mag. Thorge hilft Pennern, die sich selbst nicht helfen können, obwohl er eigentlich selbst Unterstützung nötig hätte. Thorge hat die Nummer vom Kältebus parat. Thorge hat den Blick für den Rand der Gesellschaft. Seine Geschichten sind oft die von Gescheiterten, die er wiederum intuitiv mag und an denen sein Herz hängt.

Nur den Nazi in seinem Haus, die wohl fieseste Gestalt in seinem Universum, die auf ihre eigene hässliche Art ein Penner ist, mag er nicht. Aber das macht nichts, denn Nazis muss man nicht mögen. So weit, so nachvollziehbar.

Aber stimmt, Thorge kann auch hassen. Er hasst die Glatten, er hasst die Unmenschen, er hasst die Schnösel, die seine Stadt vielleicht noch mehr als meine beginnen zu überrollen, zu entkernen und sie immer weiter auslutschen werden bis Hamburg nur noch eine regnerische Kopie von München ist. Gentrifizierung, Thorge erlebt sie hautnah und schreibt drüber. Und er kann schreiben.

Das Internet 2014. In den Resten der Bloggerwelt, die noch nicht von Facebook, Twitter, Huffington Post und Google+ aufgesaugt wurden oder sich zum Spottpreis an die früher mal verlachte Holzpresse als Pausenclown verkauft haben, tummeln sich jede Menge Narzissten. Egomanen. Wichtigtuer. Abzocker. Leserverkäufer. Käufliche sowieso. Werbungunterschieber. Schnösel. Clickbaitwichser. Trittbrettfahrer. Contentdiebe. SEO-Huren. Umso schöner ist es, einen zu lesen, der das alles nicht ist. Jeder Text ehrliche Handarbeit. Authentisch.

Es ist schwer, nicht gönnerhaft zu wirken, wenn ich hier über jemanden schreibe, der an genau der Stelle des Lebens steht, an der ich selbst vor einiger Zeit noch stand, als die Kohle noch nicht über den Monat reichte und ich nicht wusste, wo der nächste Job herkommen soll, von dem ich die vielen Rechnungen bezahlen kann. Ich tue mich nicht leicht damit und möchte den ganzen Sermon auf einen Satz eindampfen: Es ist ein Blog, den ich sehr vermissen würde, verlöre er seine Stimme.

Digger Digger Atemlos, Alter. Komm bloß nie an.

Brain.Fuck.Yourself.

 


 

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