Waldgeist – XXL-Inferno am Taunus

Von Frankfurt nach Hofheim. Am Taunus. Das Waldgeist XXL Restaurant war, glaube ich, der erste Betrieb in Deutschland, der virales Marketing nutzte, um auf sich aufmerksam zu machen. Es muss irgendwann 2004 gewesen sein, da verging kein Tag, an dem nicht mindestens einmal die Powerpointpräsentation über die größte Currywurst und das größte Schnitzel Deutschlands im eigenen E-Mail-Postfach einging.

Opa, was ist E-Mail?

Tja, Kinder, E-Mail, es war einmal vor langer Zeit, da gab es noch kein Facebook. Und auch kein Twitter, kein Skype und erst recht kein WhatsApp auf dem Smartphone. Es gab nicht einmal Smartphones, sondern nur dicke Knochen mit hässlichen monophonen Klingeltönen und einem grünen Display. Und Samsung baute Klimaanlagen und CD-Player. Ja, CDs. Das waren Metallscheiben, auf denen man was speichern konnte. Also eine Art USB-Stick in unpraktisch. Und der Herrscher aller Telefone war jemand namens Nokia. Kennt ihr nicht. Ist schon lange her. Was? Apple? Ach was, Apple war damals noch was für Zehlendorfer Hemd-unter-Elchpullover-Träger ohne Sex, die ihren Computer liebevoll McIntosh genannt haben. Freaks. Geeks. Ein Apple-Gerät hatten die, deren Kopf die meiste Zeit der großen Pause in der Schüssel vom Schulklo steckte. Und das wird auch hoffentlich bald wieder so sein.

E-Mail.

Gelesen mit dem Netscape Communicator. Oder Outlook Express. Oder für die ganz alten Zombies: Eudora (wer das noch kennt, kann sich schon mal ein Plätzchen auf dem nächstgelegenen Baumfriedhof aussuchen – is bald soweit).

Und mit so einem E-Mail-Client hat man sich dann gegenseitig total lustige Powerpointpräsentationen mit uralten Witzen und ganz billigen Fips-Asmussen-Pointen zugeschickt, am besten gleich an den ganz großen Verteiler Europa Mitte (= alle inklusive Hausmeister, Erbtante Elsa und Chef), worauf dann die blödesten aller Kontakte mit dem „Allen antworten“-Knopf an alle (ja, dafür ist der da) geantwortet haben: „Hehe, geilo“, „Boar krass“, „Is ja endgeil“ und auf jeden Fall „loooooooool“, so dass man tagelang zu jeder einzelnen Präsentation einen bescheuerten Chat im E-Mail-Postfach hatte.

„Endgeil“. Falls das jemand sucht: Diese Wortschöpfung hockt in der selben Mottenkiste wie „auf jedsten“ und „auf allerjedsten“. Direkt neben „am Start sein“ und „Voll konkret“. Jugendsprache um das Millennium herum. Ein Fall für den Notschlachter. Phatt, Alter.

Ja, so war das damals.

Kurz nachdem die Russen abgezogen sind.

Es gibt Menschen, die schicken heute immer noch total lustige Powerpointpräsentationen durch die Gegend. Mit den alten billigen Pointen aus der Gruft und ausgelutschen Kalauern über Männer und Frauen, die selbst Mario Barth zu peinlich sind. Keine Weiterentwicklung seit den 90ern zu sehen, wenn man vom unvermeidlichen Katzencontent absieht, der es jetzt auch in die Powerpointszene bundesdeutscher Büros geschafft hat.

Vorzugsweise machen das Angestellte in geschlossenen Anstalten mit viel Tagesfreizeit und wenig Tageslicht, die den Schuss nicht gehört haben. Buchhaltungen. Schulverwaltungen. Versicherungen. Bräsige Gewerkschaften. Öffentlicher Dienst. Berliner Senat und so. Wenn die mit ihrer Ablage in den Karteikästen fertig sind, wird powerpointgemailt bis die Büroklammern Lambada tanzen und das TippEx überkocht.

Und so wurde seinerzeit auch die bebilderte Präsentation über die perversest größte Currywurst und das Megamonsterschnitzel versandt und kam immer wieder. Monatelang. Wie ein Bumerang. „Kennze schon?“ „Eh geil, da muss ich mal hin!“ „Hassenichtgesehen! Krank!“ „Lass mal nach Hessen fahren.“

Heute nennt man so etwas virales Marketing und Konzerne geben viel Geld aus, um das zu erreichen, was der Waldgeist einfach mal so mit einem billigen Zusammenschnitt schlechter Bilder und ganz schlechter gelber Comic Sans MS-Schrift (wer diese Zumutung übrigens erfunden hat gehört auf den Grill geworfen – mit einem Apfel im Maul) geschafft hat: Eine volle Hütte voller Pappnasen, die ihr Geld schubkarrenweise anliefern, um pervers viel Nahrung zu vertilgen.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das damals kurz nach dem Millennium abgelaufen sein muss: Der Waldgeist, stilecht eingerahmt vom einem Tennis- und einem Aschenplatz, war hier in dieser Pampa von hessischem Kuhdorf mitten im Wald wahrscheinlich so ein klassisch muffiges Vereinslokal mit spinnwebenbehangenen Pokalen der Reichsjugendspiele 1937 auf den Regalen, unter denen Opa Werner, Onkel Kalle und Teckel Ottmar mit abgestandenem Bier auf den Aufstieg der Dorfmannschaft von der Kreisstaffel Z in die Kreisstaffel Y anstießen, weil es sonst nix zu feiern gab – hier im Dreieck zwischen Äppelwoi-Bembel, Dschingderassabum-Landfrauen-Musikkorps und Balla-Balla-Schützenverein.

Und da dachte sich der Wirt „Blöd hier. Kommt nix rein. Mach ich aus dem öden Ding mal so richtig Erlebnisgastronomie und bin so laut wie geht.“

Ja, das hat funktioniert, der Laden ist voll, immer noch, die XXL-Bekloppten kommen von überall her, wenn man sich mal die Kennzeichen der Autos so anschaut. Und sie kommen auch aus Berlin. Immer noch.

Ich hatte das Schnitzel. Natürlich. Und es ist tatsächlich riesig. Es sind genaugenommen zwei Schnitzel. Zwei riesige Schnitzellappen. 1 Kilo oder so. Wer soll das essen? Mein Körper hat etwa ein Fünftel des Volumens des Wirts und der lacht, als er mir diesen Knockout von Obszönität serviert – für ihn ist das wahrscheinlich nur das dritte Frühstück kurz vor Mittag, bevor dann das halbe Wildschwein auf Toast auf den Tisch kommt.

Besonders Verrückte (ich) bestellen das Schnitzel mit Rahmsoße, was nicht nur noch mehr satt macht, sondern auch noch die Pommes durchweicht, die es sinnloserweise dazu gibt.

Isst das eigentlich jemals jemand auf?

Kein Plan, ich tat es nicht und wurde natürlich ob der zu großen Augen zum zu kleinen Magen vom sonnenverdunkelnden Wirt publikumswirksam verhöhnt. Er nannte mich Veganer. Das tat sehr weh.

Wenigstens kann man das Rest-Schnitzel in Alufolie mitnehmen. Und die nächsten fünf(zehn) Tage davon zehren. Und abwechselnd mit Ketchup und Mayo essen. Der Abwechslung wegen. Haha.

Doch auch wenn ich versuche zu vermeiden, zu oft nach Hessen zu fahren (ich habe Angst, dass das Genuschel abfärbt): War gut. Ehrlisch (autsch). Kann ich nochmal machen.

Irgendwann in fünf Jahren oder so.

Wenn mein Körper das letzte Schnitzel vom Waldgeist mal fertig verdaut hat und endlich das Wummern an den Schläfen aufhört.


Waldgeist
Schloßstraße 70
Hofheim am Taunus
http://www.derwaldgeist.de/

alter Qype-Text, nochmal aufgewärmt.