Die Pädagogen und die Penner

Wühlmäuse. Politisches Kabarett. Links. Korrekt. Immer auf der richtige Seite. Bissig, aber doch so altherrenartig, um die letzten alten SPD-Mitglieder im Publikum nicht zu verschrecken. Hier treffen sie sich, jene, die noch an die politischen Grabenkämpfe des letzten Jahrhunderts glauben und wählen gehen, PDS/Linke oder wie die gerade heißen, es sind die, die immer noch denken, dass das mal was ändern wird.

Kabarett. Bitter und bissig. Ich mag das ab und zu.

Vor dem Blockhouse sitzen zwei bärtige Penner und richten gerade ihre Schlafsäcke und ihre diversen Einkaufstüten mit ihrem Hausrat für den Abend an. Es zieht hier oben an der Heerstraße. Es ist kalt. Die Penner husten und klingen nicht gut. So ein Leben führt keiner freiwillig, auch wenn das viele denken und angewidert sind.

An diesen beiden Verlorenen müssen sie vorbeilaufen auf dem Weg von der U-Bahn zu den Wühlmäusen, alle diese gutsituierten graumelierten Angekommenen mit ihrer Hirschbratenplautze, diese Pädagogengesichter mit Rotweinbäckchen, die Slipper mit Bommeln geputzt, der Bart gestriegelt, Frau am Arm, die Frisur sitzt, ebenso wie die Meinung: Willy Brandt, das war noch einer von den Guten, bestätigt man sich, während man den Mantel nochmal abklopft, ach, die Katzenhaare, die Katzenhaare.

Für die beiden Penner gibt es keine Münze heute. Ich stand ne Weile da, um zu sehen, was sie tun werden. Sie taten nichts. Sie gaben nichts, sondern schauten nur möglichst bemüht weg. Alle. Wirklich alle. Mit wehendem Mantel im Winterwind. Keine Münze. Auch keinen Schein. Meiner blieb das einzige, das den Weg in den schmierigen Kaffeebecher fand.

Ein paar Minuten später beginnt die Vorstellung, hier gibt es wieder viel gegenseitige Bestätigung, viel Schenkelklopfen, es wird viel gelacht, wenn es gegen die da oben geht, Hartz IV wird in der Luft zerrissen, die Schere zwischen Arm und Reich, die Ungerechtigkeiten, die Bildungsmisere, die Minijobs, die Armut, sie stehen immer auf der richtigen Seite – ein ganzer Saal mit wie ein Schild vor sich her getragenem guten Gewissen für 35 Euro die Karte. Selbstzufriedenheit tropft wie altes Öl von der Decke.

Und draußen frieren sie, die, an denen sie auch nach der Vorstellung wieder wort- und gestenlos vorbeilaufen werden. Kalt wird es. Noch kälter.


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