Die Pest in der Post: Eine Facebookeinladung zu Weihnachten

So. Weihnachten ist auch wieder so gut wie vorbei. Doch auch jetzt wo es dunkel ist, der Zwerg schläft und der Tag langsam ausklingt, bleibt mir nichts erspart. Ein Blick in den Posteingang meiner seit den 90ern von allen Spamfritzen dieser Welt durchgenudelten E-Mail-Adresse macht das deutlich:

nicofartface83 schreibt mir: „Super-SexyBlonde_with Small=Tits%.“

Dickshit Giridharan findet: „Re:Cute black whore posingnn rain davenport.“

Braindrain Meds meint: „Notification, Discount 82% on Penis Enlargement.“

Schwengel-Anton insistiert: „Viagra schnell kaufen, sonst fällt dein Pimmel ab und verwandelt sich in einen Pirellireifen.“

Magic Prince Zamunda offeriert: „Ich bin ein Prinz aus Nigeria, überweise mir Geld und du wirst Millionär. Schwöre.“

Und Anna Hosanna lockt: „Alte Schachteln wollen dich vernaschen!“

Au mann…

… und dann zu allem Überfluss noch das da:

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Debilia hat dich zu Facebook eingeladen. Wenn du dich registriert hast, kannst du mit deinen Freunden in Kontakt bleiben, indem du Fotos und Videos teilst, Statusaktualisierungen postest, Nachrichten verschickst und mehr.

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Und wie ihr mich mal könnt. Von hinten, von vorne, von oben, von unten, von der Seite, reinigend und sexuell erregend, kreuzweise, live und direkt könnt ihr mich mal. Auch wenn ich offenbar bald der letzte Mensch auf der Erde sein werde, der euch nicht seine Daten in den Rachen schmeißt, der letzte vielleicht, der sein belangloses Leben nicht wie ein offenes Buch vor der Welt ausbreitet, der nicht seine Schuhgröße, Wunschlisten, Einkäufe, Browserverlauf, Tetris-Highscores, Durchmesser des rechten Hodens und die soziale Zusammensetzung seines Freundeskreises bei euch postet, der letzte, der nicht die Bildrechte seiner besoffenen Partyschnappschüsse und aller Babyfotos seines bedauernswerten Nachwuchses an euch übertragen hat und überhaupt der letzte, der nicht erfasst sein wird von eurer Timeline von der Geburt bis zum Tod.

Ohne Facebook geht ja eigentlich nichts mehr, das ist fast wie jemand, der heute immer noch kein Handy hat, man ist fast vollkommen raus aus den Informationskanälen, im Prinzip wie ein bärtiger Einsiedler irgendwo in den Bergen in seiner Höhle, der seine haarigen Hoden nur alle sieben Tage mal im Gebirgsbach wäscht. Der kriegt auch nix mit, außer sein verlauster Sennenhund erzählt es ihm.

Möp? Was geht mit dir? Wieso weißt du nichts von der Party nächste Woche? Hab ich doch auf Facebook gepostet!

Tja. Ich Einsiedler. Ich weiß nix. Dafür hab ich heute einen Flusskrebs gefangen. Mit einem Weidenstock. Und mein Rucola unter dem vermoosten Ahorn ist fast erntereif. Vielleicht finde ich noch eine Pastinake dazu.

Mischa hat ne neue Freundin, ziemlich hübsch. Und Maja ist schwanger. 

 
Fuck, Mann, woher weißt du das alles? 
 

Na da ist ein Bild von Mischas Freundin auf Facebook und Maja hat ein Ultraschallbild auf die Pinnwand geheftet.

Moin. Du hast mir eine Lieferung Weizen für Farmville an meine E-Mail-Adresse geschickt. Was soll ich damit? Ein virtuelles Brötchen backen?

Na ich dachte, du willst dich auch mal registrieren. 

Ja, ganz bestimmt, ich back‘ jetzt Brötchen auf Facebook und ernte dazu noch Pflaumen für meinen Pflaumenkuchen, aber erst, nachdem ich die Hühner in meinem virtuellen Gehege und den blöden Pinguin in meinem Facebook-Eiswassersee gefüttert habe. Ein Irrenhaus….

Wusstest du schon? Tina wird Olaf heute abend ein Steak braten, dafür muss sie aber noch einkaufen und vorher noch bügeln, was sie total nervt, weil Olafs Hemden alle so schwer zu bügeln sind und er dazu noch immer seine Hosen hinter die Couch wirft. Aber morgen gehen die beiden essen, da wollen sie sich aussprechen, auch über die Popel, die Olaf manchmal an das Gestänge vom Wasserbett schmiert.

 
Wo hast du eine solche Armada nutzloser Informationen her?
 
Steht doch bei Tina in der Profilseite. In Echtzeit. Sie steht übrigens gerade im Stau, was doof ist, weil sie jetzt wahrscheinlich zu spät zum Frauenarzt kommt, um sich auf diesen komischen Scheidenpilz untersuchen zu lassen… 

Aaaaaaaaah! Lalalalalala! Ich hör gar nix! Lalalalalalala!Und dann immer diese allgemeine Hysterie in den Medien: Facebook-Revolution in Ägypten, Facebook stürzt Ben Ali in Tunesien. Twitter-Revolte in Syrien. Assad seit Jahren vor dem Sturz. Facebook macht bald den Sack zu. Hallo? Das klingt so glaubhaft wie „Deutsche Telekom schuld an 9/11. Täter hatten D1-Handys.“

Oh, und da ist er wieder, der Spam: Hallo, Erinnerung, Debilia hat dich zu Facebook eingeladen. Warum hast du dich immer noch nicht registriert?

Ach was, ich sitz das aus. Ihr könnt mich mal. Was reg ich mich auf? Das sitz ich aus, ich reagiere einfach gar nicht. Das perlt alles ab und ich freu mich. Macht doch einfach, lasst die Hüllen fallen, strippt doch alle im Netz, wundert euch irgendwann, wo wie von wem welche Daten abgeschöpft, verknüpft und ausgewertet und wo sie zu einem möglichst ungünstigen Zeitpunkt – vielleicht bei der Personalstelle, beim Chef, bei der Schufa oder bei eurer Krankenkasse – wieder auftauchen werden und dann, ja dann weint bitte über die Tatsache, dass ihr so naiv wart, eure Privatsphäre einem Datenfresser in den Darm zu blasen, von dem jeder eigentlich immer schon wusste, dass er es eben nicht gut mit euch meint.

Und sagt dann nicht, man hätte das nicht vorher wissen können. Jeder weiß das. Heute schon. Und nicht erst seit der NSA. Man muss nur wollen.

Serdar Somuncu

So, Frohs Feschdle noch (haha, peace).

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