Politbloggerdämmerung

Feierabend. Ich höre mit der Bloggerei auf. Steht da.

Damit verabschiedet sich eines der ersten Blogs, das ich je gelesen habe – damals noch ohne Feedreader. Im Web. Als Lesezeichen. Es war ein zorniges Blog mit einer zornigen Schreibe, die mich mitgerissen hat, die mich aufgeweckt hat, ein Blog, über dessen Stimme ich mich immer wieder gefreut habe. Unangepasst. Subversiv. Aufrüttelnd. Druckvoll. Eloquent. Unvergessen die Texte zu den Anfängen der Proteste in Syrien. Und die vielen Videos, die all die mitreißenden Texte verstärkten.

Die Stimme ist jetzt verstummt. Sie wird mir fehlen.

Ein anderer wird auch fehlen. Auch er ist verstummt. Der nächste macht fast nur noch in Satire. Oder wird apokalyptisch. Oder sogar verbittert.

Was ist da los?

Klar, der Mehltau kommt. Die Große Koalition rollt an. Nahezu ohne Opposition. Und eine Reihe kritischer Blogger verliert die Stimme. Es wird plötzlich ganz merkwürdig still. Was ist das? Resignation? Biedermeier? Der Rückzug ins Private? Geranien gießen auf dem Balkon? Und die Vorhänge zuziehen? Damit das Böse draußen bleibt?

Ich hoffe, dass sie wiederkommen werden. Alle. Denn eine Regierung mit einer so minimalen parlamentarischen Opposition wird zwangsläufig außerparlamentarischen Protest nach sich ziehen. Vielleicht sogar mit Wirkung wie 68.

Themen wird es genug geben: Die Austeritätspolitik quer durch Europa, die ganze Gesellschaften zerreißt, während die Banken wieder zocken wie früher. Die erschreckende Jugendarbeitslosigkeit. Die Perspektivlosigkeit in Griechenland. Spanien. Portugal. Auch Frankreich. Wenn der Kontinent den Bach runtergeht, wird das Deutschland nicht unberührt lassen. Wer glaubt, dass das alles hier nicht ankommen wird, der macht sich was vor.

Ich glaube, es wird Stress geben. So viel Ruhe über so viele Jahre ist unnatürlich. Selbst hier. In Deutschland. Wo Ruhe nicht nur erste Bürgerpflicht, sondern Fetisch für Millionen Geraniengießer ist.

Es wird Stress geben. Und es wird sich am Geld entzünden. Ja, am Geld. Nur am Geld. Immer am Geld. Es werden wirtschaftliche Gründe sein. Fuck Überwachung. Interessiert keine Sau. Abbau der Bürgerrechte? Unerheblich. Juckt nur ein paar Berufsdemonstranten. Freihandelsabkommen? Zu komplex. Versteht keiner. Juckt auch keinen. Wir fressen auch genmanipulierte Zombiehühner und Retortenputen aus Wisconsin, deren trockene Fleischfasern uns im Hals steckenbleiben, Hauptsache Lidl, Hauptsache billig. Nein, es wird das Geld sein. Es ist immer das Geld. Und es wird an das Eingemachte gehen. Es wird weh tun. Daran wird es sich entzünden. An den ersten Lebensversicherungen, deren bestehenden Garantiezins sie abschaffen werden, an den ersten Riesterrenten, deren Abzocke mit den ersten Kürzungen, Versteuerungen und Abzügen zum ersten Mal transparent und greifbar werden wird, den ersten Girokonten, die wieder gebührenpflichtig werden, weil den Banken nichts anderes mehr zum Abschöpfen des wenigen Rahms der breiten Masse einfällt, Hypothekenblasen, die platzen und die Mittelschicht mitreißen, die Wohnungsnot, die sich weiter verschärfen wird, noch höhere Mieten, noch mehr Ghettobildung, die ersten Räumungen, mehr Räumungen, viele Räumungen, ein Leitzins von 0,0% oder sogar ein negativer, der die Sparguthaben endgültig einschmelzen wird, private Kranken-, Lebens- und Rentenversicherungen, die insolvent sein werden. Es geht immer nur über das Geld. Und dann fällt plötzlich auf, was läuft. Geld weg. Paff. Fassbar. Greifbar. Nur das öffnet Augen. 2009 war gar nichts. Es wird eine Finanzbombe hochgehen. Eine richtige. Die man nicht mehr notdürftig löschen kann. Und wenn es soweit ist, wird es schnell gehen.

Wenn das passiert, wenn es sich entzündet, dann braucht es Stimmen, dann müssen sie wieder schreiben, alle die, die jetzt aufhören, die sich vom Mehltau erdrückt fühlen noch bevor er sich niedergelassen hat, die sich verlieren in Satire, in Petitionen, in Verzweiflung, in selbstreferenzielle Literatur. Oder die Foodblogger werden, weil Essen das ist, was noch am ehesten glücklich macht.

Es wird nicht so ruhig bleiben. So viel Ruhe ist unnatürlich.

Ich habe Zeit.

Und Musik. Tschüss, Mrs. Mop. Danke für die vier Jahre. Vielleicht bis bald mal wieder.

 

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