Zugschadengewöhnung

Innerhalb welchen Zeitraums haben sie uns eigentlich an die täglichen Ausfälle bei der Berliner S-Bahn gewöhnt? Wann haben die Leute aufgehört zu meckern? Wann haben die Zeitungen aufgehört, über den täglichen Wahnsinn zu berichten? Wieso rastet nicht einmal mehr jemand aus in einer dieser Sardinenbüchsen, in denen Beförderungsfälle wie Vieh auf zu wenig Raum mit noch weniger Haltestangen zusammengepfercht werden?

Der Zugverkehr ist zur Zeit unregelmäßig, erklären sie jeden Tag wieder. Und bitten um Verständnis, während der Fahrgastpöbel auf dem Bahnsteig darum kämpft, sich doch noch reinzuzwängen in die fahrende Knastzelle. Schon mal morgens um acht am Ostkreuz gewesen und versucht, in eine Ringbahn zu kommen? Haha. Busted. Fuckers.

Die Unregelmäßigkeit ist zum Regelfall verkommen. Bald wird es wieder schneien. Dann werden wieder ganze Zuggruppen ausfallen, liegenbleiben, abrauchen, absiffen, sie werden Linien verkürzen, Takte ausdünnen und Züge zusammenschrumpfen. Die Weichen werden einfrieren. Die Türen. Und die Signale gleich mit.

Die Ausreden werden auch immer einfallsloser: Polizeieinsatz. Notarzteinsatz. Meistens sind andere schuld. Sagen sie. Nur selten sind sie mal so ehrlich und sagen wie es ist: Zugschaden. Es ist wieder einer liegen geblieben und blockiert den Ablauf. Betriebsablauf. Verzögerungen im Betriebsablauf. Wir bitten um Verständnis. Nein. Hab ich nicht mehr, nicht nach über vier Jahren kaputten Zügen, kaputten Weichen, kaputten Signalen, kaputtem Gewinnabführungssystem an die Deutsche Bahn. Alte Züge. Alte Weichen. Alte Stromabnehmer. Alte Motoren. Sparen am Personal. Sparen an der Wartung. Sparen an den Investitionen. Quietschen muss es.Und das tut es.

Zu 2017 wollen sie den Betrieb auf der Ringbahn ausschreiben, dann kommt die nächste Heuschrecke, die wieder jeden Cent aus dem Betrieb pressen wird. Vielleicht gründet die Deutsche Bahn auch eine weitere Tochterfirma, macht sich selbst Konkurrenz und simuliert Wettbewerb. Mit Sub-Sub-Verträgen und Angestellten, die noch ein paar Cent weniger verdienen. Wer weiß das schon? Und überhaupt: Macht es einen Unterschied, ob die Deutsche, Französische oder die Rumänische Staatsbahn über die kaputte Infrastruktur rollt? Nein, macht es nicht, denn die Deutsche Bahn behält das Netz, das sie verrotten lässt. Weichen. Signale. Gleise. Kaputte Aufzüge. Kaputte Rollreppen. Alles behält die Deutsche Bahn.Für den Bau von Zügen, die tatsächlich funktionieren, denen es nicht mal zu kalt, mal zu warm und mal zu regnerisch ist, ist es sowieso zu spät. Es gibt gar keine Züge für 2017, die werden bis dahin gar nicht fertig, so dass sie jetzt schon aus Verzweiflung die alten DDR-Züge restaurieren.

Wenn den Wettbewerb ein anderer gewinnt, dann wird die Deutsche Bahn ihm also kalt lächelnd ihre alten Schrottzüge vermieten. Für viel Geld, für das die armen Irren, die partout immer noch nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren wollen, ihre jährliche Tariferhöhung abdrücken werden, vielleicht etwas üppiger heuer. Und wenn die Deutsche Bahn die Ausschreibung gewinnt, malt sie ihre Schrottkisten neu an und fährt sie selber weiter bis sie auseinander fallen. Privatisierung lohnt sich. Für einige. Ist immer so.

Zugschaden. Dachschaden. Systemschaden. Es ändert sich nichts, es wird einfach nicht besser. Seit Jahren nicht. Ein rollender Comical Ali transportiert eine traurige Masse Pendler wie Presswürste in seinen untauglichen Viehtransportern, jene ganzen armen Säue, die auf ihn angewiesen sind und die jeden Tag wieder zu spät zur Arbeit kommen.So bitter es klingt: Es wird erst etwas passieren müssen, damit dann überstürzt diejenige Lösung gefunden wird, um die sich die Verantwortlichen seit Jahren so erfolgreich drücken: Verstaatlichung und massive Investitionen in Sicherheit, Personal und Wagenpark. Doch, ja, immer muss erst irgendwas passieren, einer der überfüllten Schrottzüge muss brennen, am besten in einem Tunnel, oder eine Weiche spinnt wieder, lässt einen Zug entgleisen und den Bahndamm runterrollen, 20-30 Tote sollten es schon sein, wenn es weniger sind, sitzen die das bloß wieder aus.

Die Berliner S-Bahn. Einst mit einem Ruf wie Donnerhall. Selbst im Bombenhagel nicht klein zu kriegen. Jetzt Endstation. Ein Käfig voller Narren. Bitte alle aussteigen.

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