Die besten Currybutzen von Nordberlin – Platz 2: Curry Baude

Für die Bewohner von Prenzlauer Berg, meinem aus Bio-Elfenbein handgeschnitzten Vollkornkäfig auf Ayurvedabasis, ist der Wedding eine andere Welt, der rote Wedding, dieser immer noch volksnahe Arbeiter-, Immigranten- und Proletenbezirk, den ich so mag und in dessen handfeste cholesterinreiche Tiefen ich eintauche, um mal wieder zu fühlen, wie es der wirklich arbeitenden Bevölkerung abseits von bei einem Latte-Wocochino-Flic-Flac-New-York-Rio-Tokio-Bohei-Mate-Double-White-Choc-Cranberry-Crunch-Cheesecake mittags im Cafe vor dem leeren Thunderbird-Posteingang sitzenden und ein angebissenes Kuchenstück twitternden Medienhipstern in ihrer heilen Bionade-Litschi-Welt geht.

So manch domestizierter Bio-Papa schleicht sich, wenn er gerade mal nicht unter der Aufsicht seiner ökologisch-korrekten Filterbubble steht, im Schutze der gesamtberliner Anonymität über die unsichtbare Kastengrenze nach drüben und pfeift sich etwas abgrundtief Männliches – weit abseits von Sojabällchen mit Sellerietartar auf Weizenkeimbett – rein, um sich mal wieder zu spüren. Leben zu schmecken.
Ich habe dort bei Curry Baude schon Menschen stehen sehen, die sonst ganz stolz ihr importiertes Münchner Brot die Schönhauser Allee hoch- und runtertragen, hier im Wedding jedoch haben sie ihre am Kollwitzmarkt teuer erstandene Thälmannmütze tief ins Gesicht gezogen und die veganen Bastschuhe gegen total unkorrekt hergestellte Sneakers getauscht.

Ich mag es hier. Im Wedding gibt es das, was es in Happy Hippo Bionadeland schon lange nicht mehr gibt: Testosteron, Schweiß, blutende Wunden, millionenfach gesättigte Fettsäuren, Bluthochdruck, Magengeschwür, Fettleber, Herzinfarkt, Schlaganfall, Blut, Gehirn, Massaker.

Aber zum Glück fährt ja die S-Bahn.

Manchmal.

Curry Baude am Gesundbrunnen. Ich habe alles durch und die Magenwand hält noch:

– Currywurst ohne Darm spezial

– Currywurst ohne Darm scharf

– Currywurst ohne Darm normal

– Boulette

Currywurst mit Darm esse ich nicht, das überlasse ich den Touristen, denen man dafür ihre Bratwürste mit Ketchup übergießt.

Die Boulette für sich betrachtet sieht ein wenig hardcore aus, in etwa wie ein frittierter Hundehaufen frisch vom Bürgersteig, schmeckt aber verdammt gut. Zur Vorsicht muss geraten werden: Die scharfe Variante all dieser Gerichte ist wirklich scharf, also nicht biopapascharf (= rot, sonst nix) wie zum Beispiel in den Dönerläden Prenzlauer Bergs, deren rote Soße man auch problemlos löffeln könnte.

Die Spezialvariante der Currywurst beinhaltet Maiskörner, Paprika und irgendwas, was ich nicht definieren konnte, aber trotzdem gegessen habe, könnten Teile einer Tomate gewesen sein, Avocado, Babybrei, Autounfall, irgendwas, das weg muss, who cares: Richtig gut.
Überhaupt die Soße: Die schmeckt erfrischend gut und ist vor allem selbergemacht. Denke ich. Und wenn sie es nicht ist, dann ist sie industriell verdammt gut geklont. Endlich mal was anderes als der immergleiche räudige Billigketchup mit geschmacksneutralem gelben Pulver. Klasse.

Die Pommes sind solide, verleiten aber bei weitem nicht zu Purzelbäumen und der spontanen Bereitschaft, einen Helden zu zeugen, wobei man allerdings für den Preis auch wieder nicht meckern kann; dieser bewegt sich übrigens für alle Produkte (was jetzt taktisch vielleicht nicht ganz so clever ist zu sagen) unterhalb von dem, was man für die Qualität erwarten kann – gerade was die Currywurst betrifft, von der ich fast behaupten würde, dass sie handgemacht ist, so gut ist sie. Traurig aber nicht zu ändern: Ich habe schon richtig miese Currywürste für weit mehr Geld gegessen, vor allem in Mitte, und im direkten Vergleich mit Wedding wird sehr klar, was sie den Touristen dort für einen Mist als Currywurst andrehen.

Und nein, Wedding ist nicht Mitte, denn Mitte ist keine Ortsbezeichnung, sondern ein Zustand. Ein unmöglicher.

Zuletzt noch ein Abschiedsgruß nach Prenzlauer Berg und Kreuzberg: Tschüss Konnopke, tschüss Curry 36, 74, 90, 2010. Ihr könnt nach Hause gehn, die Proletenbezirke sind euch um Welten voraus, Flair, Ambiente, Charakter, Currywurst, und das holt ihr nie ein.

Bis(s) – haha – nächsten Mittwoch. Da krön ich Aragorn, den König. Und er residiert an einem Ort, an dem man ihn nicht erwartet.


Curry-Baude
S- und U-Bhf. Gesundbrunnen
Badstr. 1-5
Wedding
http://www.curry-baude.de/

Der König: Berliner Currywurst in Pankow
Platz 3: Der Hausmacher

Ein Kommentar zu „Die besten Currybutzen von Nordberlin – Platz 2: Curry Baude

  1. Habe mich beim Lesen köstlich amüsiert, am besten finde ich Ihren treffenden Satz „Mitte ist keine Ortsbezeichnung, sondern ein Zustand.“ LG, isch bin ein Berlina

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