Der Veganer vom Plänterwald

Gestern trafen sich die ganz Harten, die auch im Winter nicht aufhören wollen zu laufen, im Plänterwald zum jährlichen Plänterwaldlauf.

Was für eine Scheißidee. Den Tag davor eine Wagenladung Glenlivet im Billy Wilders getankt, um 2 Uhr ins Bett gefallen, um 6 wieder aufgestanden und dann am Renntag um 10 wieder am Start. Eine Scheißidee.

Schnee. Matsch. Schneematsch. Das wird also kein Waldlauf, sondern eher ein Crosslauf. Die Klamotten und die Laufschuhe kannste danach mit dem Quarantänelaster nach Hause fahren lassen.

Ich stelle mich wie immer ganz hinten hin, das hat den unschlagbaren Vorteil, dass ich das ganze Rennen über Leute überhole und niemand mich. Ich gehöre offenbar zu den Kleingeistern, die ihre sportliche Stärke über die Schwäche der anderen Läufer beziehen. Das darf man nicht. Sagen. Und schon gar nicht schreiben. Eine erbärmliche Charakterschwäche auf Kosten der Langsamen. Pfui Teufel.

Aber enorm hilfreich für das eigene Wohlbefinden.

Peng.

Start. Vor mir watscheln zwei Tratschen, Typ Bezirksamt Pankow, fehlt nur noch die Kaffeetasse und der unvermeidliche Kuchen, zack, vernascht, die Tratschen, nicht den Kuchen, den sie gar nicht haben.

Zwei grellbunte Walker, zack, vernascht. Eine Oma. Mit Opa. Und weg. Zweimal Sozialpsychologie und einmal Mathe auf Lehramt. Vorbei. Einmal Bankkaufmann. Ward nicht mehr gesehen. Zweimal AStA-Vorsitzende Alice-Salomon-Hochschule. Stehengelassen. Hallo Thermopolarjackenträger im Ganzkörperkondom und blinkendem GPS-Terminal am Oberarm: Bye bye, my love. Ich will nur einmal mit den Vögeln zieh’n.

Und der Bodycount wächst und wächst: 23, 24, 25, 26, 30, 45, ein Typ mit X-Beinen, fünf weitere Tratschen in 5er-Abwehrkette, ein Harry-Potter-Gesicht, ein Jason Statham, eine runde Kugel Danny DeVito, zwei, drei Kinder und zuletzt ein Läufer mit einem Laufshirt von den „Vegan Runners“. Mit Hund. Ha! Das geht runter wie Seitanpaste. Veganer … pfffft. Und dann noch mit Hund. Und ideologischem Laufshirt natürlich. Ich für meinen Teil esse gerne Fondue. Es ist an der Zeit, eine Laufgruppe zu gründen: Die „Fondue Runners“. Damit jeder im Läuferfeld weiß, was ich gerne esse. Veganer … pffft … und langsam ist der auch noch.

Zwei Kilometer sind vorbei und ich habe so ziemlich die Hälfte des Läuferfeldes überholt. Zack. Noch einer, dann noch einer, darunter ein dürrer Typ mit Berlin-Marathon-Shirt. Wohl bei Ebay ersteigert. Opa nach Opa, Zombie nach Zombie, Bezirksamt Pankow nach Bezirksamt Pankow stacksen durch den Matsch und fallen unerbittlich hinter mir zurück. Ich lass sie alle Staub fressen. Beziehungsweise Matsch. Drei Kilometer. Vier Kilometer. Fünf. Das wird heute mein Tag.

Denke ich.

Dann überholt mich der Veganer mit Hund.

Der Veganer. Ausgerechnet der. Wusste gar nicht, dass die überhaupt Wadenmuskeln haben. Na warte, den krieg ich. Ich bleib dran. Tapp. Tapp. Flotsch. Matsch. Fuck. Der Veganer hat schon zehn Meter Vorsprung, das gibt’s doch gar nicht. Was zum …?

Doch sein Köter muss kacken und ich bin wieder vorbei. Jetzt gilt es, einen Vorsprung rauszulaufen. Das muss zu schaffen sein. Nicht von einem Veganer, nein, nicht von einem Veganer. Von jedem, aber nicht von einem Veganer. Kai Diekmann hat mich mal beim Potsdamer Drittelmarathon überholt, das war schlimm. Und Guido Westerwelle beim Champions Run 2009 – ganz schlimm. Der Opa des Grauens ist sowieso schlimm. Viele schlimme Menschen haben mich schon überholt. Doch vom Veganer vernascht zu werden wäre schlimmer als alle zusammen. Und wenn ich dabei draufgehe, den verweis ich auf die Plätze. Hinter mir.

Denke ich.

Während der Veganer schon wieder an mir vorbei ist. Der Drecksack, das ist doch nicht sein Ernst! Sein Scheiß Köter läuft an der Leine voraus und zieht ihn mit. Ah, deshalb. Der Faker. Veganer… pffft. Ich bleib dran. Und wenn es mein Leben kostet.

Jetzt muss der Köter pissen. Und ich bin wieder vorbei und drehe auf. Lege nochmal eine Schippe drauf. Zapp! Seitenstechen. Weil ich schneller laufe als gut für mich ist. Immerhin ist weit und breit kein Veganer zu sehen. Ich schaue über die Schulter. Kein Veganer. Wo ist der? Ich werde paranoid, der muss doch irgendwo sein.

Denke ich.

Als der Veganer mich überholt. Der Pisser will mich demütigen. Das ist doch nicht sein Ernst! Der frisst nur Blätter und schwebt über den Matsch wie ein verfickter Peter Pan. Oder eine verfickte Elfe. Flip der Grashüpfer. Was weiß ich denn? Fuck you. Wump! Wump! Ich bin der Ork und fress dich. Lauf! Lauf! Wenn ich dich kriege, schmeiß ich dich auf den Grill. Kämpfen. Beißen. Ich bleibe dran. Die Seite sticht. Das atme ich weg, das habe ich öfter schon gemacht. Seitenstechen wegatmen. Konzentration. Klappt immer.

Nicht.

Der verfaulte Köter schnüffelt jetzt an dem Kothaufen einer anderen Fäkalienmaschine. Und der Veganer bleibt entspannt stehen. Grinst der Arsch etwa? Der grinst doch nicht. Der grinst doch! Ficker! Löwenzahnarsch. Grasfresser. Jetzt wo er grinst sieht er aus wie dieser unlustige holländische Comedian, den ich nicht leiden kann, Philip Irgendwas, der genauso unlustig ist wie dieser französische Comedian, Alfons Wieauchimmer, oder diese blöde Amerikanerin, Gayle, Gül, Gröhl, egal, weil die alle nicht lustig sind, sondern nur mit ihren abgeschmackten Klischees in einem Land hausieren gehen, das sie vorgeben nicht zu verstehen und diese Tatsache allein schon für lustig halten. Und dabei grinsen sie immer wie bekifft. Weil sie denken, dass es das Trauerspiel witziger macht. Grinsen. Immer dieses Grinsen. Wie der Veganer. Der grinst auch. Wohl Psilos gefressen. Direkt vom Waldboden gepflückt. Der Sack.

Alles egal. Der Veganer steht dumm im Wald herum, weil sein Flohzirkus Scheiße fressen muss und ich bin wieder vorbei. Jetzt brennt auch die zweite Seite. Seitenstechen rechts und links der Bauchmuskeln mit Ausstrahlung in die Brust, das ist doch krank. Noch ein Kilometer, der Teufel soll dich holen, Veganer. Und wenn ich hier tot umkippe, ich hol die letzten Reserven raus. Der Dreckskörper soll mal sehen, wozu ich, der Geist, fähig bin ihn zu zwingen.

Denke ich.

…?

Doch was fehlt, ist der Veganer. Nichts zu sehen. Der wird doch nicht wieder…? Argh, Schweiß in den Augen. Wo ist der? Ist der endlich tot? Muss sein Köter dieses Mal eine Leiche ausgraben? Oder eingraben? Oder sich die Gedärme rauskacken? Nochmal ein bisschen Scheiße fressen? Was Dünnes zum Nachtisch? Tick. Tack. Nix passiert. Wo ist der? Ich schaue zurück, keiner da. Ich muss schneller werden, ich muss Vorsprung rauslaufen, die Seiten stechen als gäbe es kein Morgen. Ich muss. Ich muss. Ich muss. Gleich kotzen. Schneller. Noch schneller. Der Veganer. Der Veganer. Muss weg. Muss weg. Ah! Aaaah! Aaaaaaaaah! Da ist das Ziel. Mein Ziel. Ping. Gewonnen.

Ich hole mir einen Tee. Ein Scheiß Sieg. Der ist dreimal angehalten. Seines Scheiß Köters wegen. Sonst wäre der um Welten vor mir ins Ziel gekommen. Kein ehrenvoller Sieg. Eigentlich gar kein Sieg. Ich sehe aus wie eine geplatzte Wurst und fühle mich auch so, der Glenlivet tropft wie flüssiges Harz aus allen Poren, ich bin völlig hinüber und überlege, mich unter einen Baum zu legen. Zum Sterben. Doch letztlich war es ein gutes Rennen. Und eine gute Zeit.

Denke ich.

Als der Veganer an mir vorbei latscht. Er hat seine Startnummer schon abgegeben.

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293