Die peinliche Markise muss weg

Jetzt ist es weg, das Restaurant mit einer der peinlichsten Markisen von Prenzlauer Berg, die so pisakrüppelmäßig daherkam, dass sie fast schon Kult war:

Das war nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein türkischer Italiener, der nicht so richtig wusste, wo er hin wollte und gelegentlich ins Schwäbische, Bayerische oder Österreichische abglitt. Manchmal auch Griechisch. Ungarisch. Indisch. Oder was sonst gerade weg muss. Kurz war das mal eine Art Cocktailbar mit Fingerfood, aber das hielt nicht lange. Ein flatterhafter Betrieb. Keine Linie, keine Substanz, keine Konstanz. Man konnte mit dem Essen großes Glück haben und bekam zu einem anständigen Preis eine ganz hervorragende Mahlzeit, man konnte aber auch Pech haben und bekam nur eine trockene Schuhsohle mit verkochtem Gemüse auf welkem Salat.

Immer, wenn der Chef mal wieder einen Koch abgegriffen hatte, der was konnte, blitzte kurz auf, was dieser Laden hätte sein können und was er doch nie wurde, weil jeder, der was konnte, immer bald wieder ging. Und dann war es hier wieder ganz schnell furchtbar.

Schade finde ich es trotzdem, denn damit stirbt ein weiterer Veteran aus dem Prenzlauer Berg der 90er. Der Laden war damals als kleiner dummer Punk meine Abfüllstation für schlechte, aber enorm günstige Pizza (3 Mark 50 oder so), wenn ich besoffen aus der Alten Kantine oder dem guten alten Knaack-Club kam, den es auch nicht mehr gibt. Mein gewohntes kleines Ritual unter Alkoholeinfluss bestand daraus, eine Sardellen-Kapern-Suffpizza auf dem Weg nach Hause im Gehen zu essen, um die unvermeidliche Heißhungerattacke abzutöten, zwei letzte Pils dazu erst in der Manteltasche, dann im Hals zu versenken und zuletzt völlig entkräftet und komplett bekleidet auf der Matratze meiner ranzigen Buchte ins Koma zu fallen. Ich hatte damals kein Bett.

Jetzt ist er weg (Weg! Und du bist wieder allein-allein). Weg ist er. Wieder eine ausgelöschte Erinnerung. Es ist so bitter wie konsequent: Günstiges Essen rechnet sich hier nicht mehr, es sei denn man geht gleich den ultimativen Trash-Weg und füllt um die Ecke massenhaft unwissende Touristen und ironische Hipster mit Unsinn ab. An der anderen Ecke kostet eine Hauptspeise inzwischen bis zu 28 Euro. Für ein massiertes und gestreicheltes Stubenküken aus dem Brandenburgischen, das man nur mit Tofu und Weizenkeimen aufgezogen hat, damit es den Magen eines Schnösels veredelt. Dazu gibt es frittierte Holunderblüten. Auf dem Löffelchen Mirabellenchutney, das es als Beilage gibt. Da geht der Weg hin.

Mehrere Monatsmieten waren es zuletzt, die das Restaurant nicht mehr aufbringen konnte, sagt die alte Schachtel aus der Nachbarschaft, die immer alles weiß. Jetzt macht hier ein Asiate auf, der mit der Verwendung natürlicher Zutaten wirbt. Und dass er garantiert ohne Glutamat kocht. Das muss man hier dazuschreiben, sonst kommt keiner. Und am besten schreibt man bei der Gelegenheit noch gleich dazu, dass man authentisch ist. Dann fühlt sich der domestizierte Biopapa aus Prenzlauer Berg wichtig, wenn es so schmeckt wie damals in Chengtschou, Guangdong, Ho Chi Minh, Hong Kong Pfui, Chi Shui Gong Feng Bum Kun Cha, damals, als er noch ein Leben hatte, der Schnösel, von dem er jetzt berichten kann, während er sich die Hühnerfüße und den Quallensalat mit den tausendjährigen Eiern einfährt.

Prenzlauer Berg 2013. Das ist der Kiez, in dem Liebgewonnenes stirbt, weil es die Miete nicht mehr aufbringen kann. Ich weiß es ja, ich kenne es ja, hier ist in den letzten 20 Jahren so viel Erinnerung den Bach runtergegangen, dass ich schon Hornhaut auf der Seele habe, eine Schneiderei, ein kleiner Friseur, ein Gemischtwarenladen, ein Fleischer, eine Eckkneipe, aber dennoch schmerzt es immer wieder aufs Neue, wenn es doch wieder einen Veteranen erwischt, zu dem ich eine kleine Geschichte zu erzählen habe, weil er ein Stück aus einer alten Zeit war, in der alles noch etwas unkomplizierter und vor allem wilder und gefährlicher war. Alles Gute, kleiner türkischer Italiener, deine kleinen billigen Pizzen haben einen kleinen Punker vor vielen Jahren einmal sehr glücklich gemacht.

 

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