Hagelschaden in den Journalistenhirnen

Die Nacht war in Berlin ruhiger als erwartet.

Na Prost. Wie schade. Nix passiert in der Stadt. Nicht mal ein Toter. Nur in Weimar ist ein Weihnachtsbaum umgekippt und in Friedrichshain fiel ein Gerüst um. Strenggenommen ging in Berlin nicht mehr kaputt als sonst in einer Nacht. Und sogar die Berliner S-Bahn fährt, obwohl die bekanntlich jede Gelegenheit nutzt, die Anzahl ihrer fahrenden Guantanamo-Zellen zu reduzieren.

Nur ein Sturmtief eben. Es ist Herbst. Bald Winter. Mit Wetter. Herbstwetter. Winterwetter. Herbststurm. Wintersturm.

Alles Quatsch. Wetter gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Chaos, Hysterie und Panik, die Onlinemedien überschlagen sich bei jeder Schneeflocke und jedem Lüftchen aufs Neue:

Angst vor Xaver

Orkantief rollt an: Am Donnerstag wütet Xaver über Berlin

Warnstufe Rot für Berlin – Was man jetzt noch tun sollte

Wie sich die Feuerwehr auf den Ausnahmezustand vorbereitet

Und jetzt? Nix is. Draußen schneit es und der Wind bläst. Heftig zwar, aber doch bitte nicht unüblich für die Jahreszeit.

Ich habe keinen Bock mehr. Diese Hysterie macht mich müde. Jeden Tag eine neue. Wind! Kuckt mal! schreien sie. Viel Wind! Und Schnee! Ragnarök! Der Fimbulwinter ist nahe! Rette sich wer kann!

Die Buzzfeedisierung des Onlinejournalismus, allen voran SpiegelOnline, und ihr immergleicher Wettbewerb, wessen Schlagzeile sich am dollsten überschlägt, verödet eine ganze Branche. Eyecatcher! Panikattacke! Und dann passiert nix. Mal wieder. Wie immer. Vor ein paar Jahren noch habe ich überlegt, ob ich an den Tagen, an denen die Onlinepresse wegen des Wetters Alarm schlägt, frei nehmen soll. Ich bin auch eines von den Hysterieopfern, das sich sinnlos gegen Schweinegrippe hat impfen lassen. Doch ich glaub nix mehr. Es hat sich aushysterisiert. Alarmzustand in jeder Form lässt mich inzwischen völlig kalt. Wetter eben. Mal schlecht. Mal gut. Mal überragend schlecht. Mal überragend gut. Fuck Jahrhundertsommergluthitze. Fuck Jahrhundertkälteschneechaos. Zieh ich mir halt ne Mütze an. Oder ne Badehose. Früher ging das doch auch.

Und wie zu jedem Scheiß gibt es auch für Xaver eine Klickstrecke zum Dummklicken. Gestern gab es bei SpiegelOnline dunkelrot-lila eingefärbte Prognosen (!) der voraussichtlichen Windstärken nach Uhrzeiten. Zum Hirnwegklicken. Mit unzähligen Zacken, die furchtbar gefährlich aussehen. Der Killer naht. Was kommt als nächstes? Eine Bilderstrecke mit verschiedenen Wolkenformationen? Von hell zu dunkel? Für die, die nicht mehr aus ihren Fenstern kucken können?

Kaum zu toppen sind auch diese debilen Liveticker den ganzen Tag quer durch die Bank:

11:42: Der Oberförster von Klein-Fickmichweg sägt zur Sicherheit einen morschen Baum um.

11:48: Der Dorfschulze von Gummaringen verkündet freien Tee mit Schuss in der örtlichen Sporthalle und einen Bingoabend außerhalb der Reihe.

11:51: Im Altenheim zu Tegel erzählen sie sich wieder die Geschichten vom Steckrübenwinter.

11:54: Xaver erreicht Finowfurt. Ein Nazi-Konzert muss abgesagt werden.

11:55: Der letzte Penner von Prenzlauer Berg gibt zu Protokoll, dass der Sturm soeben seine Flasche Wilthener Goldkrone umgeworfen hat.

11:58: In Prenzlauer Berg ist ein Fahrrad umgekippt. Wir haben erste Bilder:

Sogar das Handelsblatt hat einen Live-Blog eingerichtet. Für das Wetter. Was soll das? Bricht jetzt wenigstens die Börse zusammen? Oder gehen die Kurse hoch, weil alles so herrlich kaputt zu gehen droht (Merke: Bei Naturkatastrophen kaufen! Kaufen! Je mehr Tote desto Kurssprung)?

Ich hab keinen Bock mehr. Ich klick nicht mehr. Ich zieh mich warm an und ertrage das Wetter. Wie früher. Da ging es doch auch. Heute nehmen sie Urlaub, hamstern Konserven, verkriechen sie sich in den Kellern und klicken sich durch die Klickstrecken. Weil SpiegelOnline sie alle mürbe brüllt.

Zum Glück ist Nelson Mandela gestorben, dann können sie auch heute wieder brüllen, was anderes, was neues, weil der Sturm ausgelutscht ist: Oh Gott, ein 95-jähriger ist gestorben! Damit konnte wirklich keiner rechnen! Der Nachruf war bestimmt schon seit Monaten fertig und jetzt spielen sie ganz überrascht ihr Theaterstückchen auf. Ruhe in Frieden, Nelson, lass sie krakeelen. Hat schon jemand eine Klickstrecke gemacht?

Ich will nicht mehr. Ich klick nicht mehr. Ich bin müde. Weckt mich zum Jahrhundertfrühling und seinem Pollenchaos. Vielleicht klick ich dann wieder.

 

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