Tanz für mich, Schopenhauer – Ein Weihnachtsmärchen

Huhu, hallihallo, da bin ich doch letztens in diesem lustigen Café gelandet. Zumindest war ich überzeugt, dass es eines ist. Es war spät, ich hatte die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ unter dem Arm und dachte, dass ich vielleicht jemanden finde, mit dem ich über Schopenhauers Gleichnis mit den Stachelschweinen und ihre treffende Illustrierung der modernen Gesellschaft im Lichte der zwischenmenschlichen Interaktion diskutieren könnte.

CP Club – Caesars Palace – komischer Name für ein Café, aber nun gut, vielleicht treffen sich hier die Historiker von der Humboldt – wegen Cäsar, römischer Kaiser und Feldherr und so, hahaha. Egal, einfach mal reingehen, ein wenig interdisziplinärer Gedankenaustausch hat noch nie geschadet, ich bin für alles offen.

Das Reinkommen war gar nicht so einfach, stand da doch vor dem Eingang dieser Mann, breit wie hoch, musterte meinen Strickpulli mit dem Elch vorne drauf und meinen Büchertornister auf dem Rücken, ließ mich dann aber doch eintreten, nachdem ich ihm meinen Ausweis von der StaBi gezeigt habe. Ich sehe immer noch ein bisschen aus wie 16, das sind die Pickel, die einfach nicht weggehen wollen. Das verschorft immer alles, obwohl ich da immer ganz viel Niveacreme drauftue. Doch der StaBi-Ausweis ist gut. Damit komme ich überall rein.

Dieses eigenwillige rote Licht störte zunächst etwas beim Lesen, aber ich habe ja – toi toi toi – immer diese kleine Taschenlampe dabei, die ich vom Wagenbach-Verlag zu den 20 gebrauchten „Was ist was“-Büchern geschenkt bekommen habe, die es im Paket billiger gab. Die haben mir sogar noch das neue Buch von Sarah Wagenknecht dazu gepackt. Wohl ein Ladenhüter, naja, ich kann’s verstehen, ich bin auch kein Hegelianer. Aber die Taschenlampe ist toll. Damit kann ich zuhause in meinem Bettchen unter der Decke noch etwas lesen, ohne dass Mama was merkt. Ich bin ein Fuchs.

Laut war es hier und überall waren Leute, zwischen denen Frauen in Unterwäsche saßen. So war es fast unmöglich, sich auf das Lesen der Aphorismen zu konzentrieren.Da saß ich nun und nirgendwo ein Historiker zu sehen. Auch kein Germanist. Oder wenigstens ein von den SoPsen. Niemand. Ich fühlte mich etwas allein. Glücklicherweise haben sich kurze Zeit später Angelique und Vanessa zu mir gesetzt. Leider wollten sie nicht mit mir über Schopenhauer diskutieren, sondern wissen, wie es mir geht, ob ich mich wohlfühle und ob sie etwas für mich tun können. Ich fand das komisch, das will sonst keiner wissen. Ich kann damit nicht umgehen.

Wie geht es mir? Komische Frage. Leider hat mich der Debattierclub meiner Schachgruppe auf diese Art der Konversation nicht vorbereitet und ich konnte nicht weiterhelfen. Ich konterte mit einem Gleichnis von Sokrates und einem Zitat des Laotse, das mir passend erschien, aber damit kam ich nicht durch, denn die beiden wollten immer nur wissen, was ich so mache, wo ich herkomme und ob ich eine Freundin habe. Als ich es hilfsweise mit Wittgenstein versuchte, meinte Vanessa, dass da „letztens so ein Typ da war, der irgendwie so hieß, aber mit dem nix los war. Verklemmt oder so.“ Komisch.Angelique war der Meinung, ich solle doch Champagner für alle bestellen, aber ich wollte nicht, weil Mama sagt immer, ich darf sowas nicht trinken – wegen meines Ausschlags. Als ich meine Capri Sonne aus dem Tornister holen wollte, meinte Vanessa, dass ich doch lieber etwas bestellen solle. Das mache man hier so. Also hab ich Bananensaft bestellt. Schmeckt ja auch besser und ist gesund.

Mit Angelique auf dem Schoß, die ihr Hinterteil – wahrscheinlich war es für sie etwas unbequem – dauernd an mir rieb, kam ich dann doch noch ins Gespräch mit einem düsteren Tüp (jeder mit Elchpullover schreibt das inzwischen so. Cool, oder?) mit schwarzem Hemd und Lederjacke, der neben mir saß:“Na, was hat dich denn hierher verschlagen?“

„Ich bin gekommen, um zu lesen.“

„Aha…?“

„Ja, das ist wirklich ein lustiges Café. Aber warum ziehen sich die Frauen hier nicht was an? Und wozu ist diese Stange da in der Mitte gut?“

„Die ist für das Stangentanzen, mein Junge, das ist im Übrigen auch kein Café, sondern ein Nachtclub.“

„Nachtclub? Sowas gibt es in Berlin? Ich habe auf Arte mal eine Dokumentation über Hamburg gesehen, aber nie etwas über Berlin.“

„Puh, ja, wobei, lass es mich mal so sagen: Berlin ist ja in Sachen Nachtclubs eher Endstation, da hast du Recht, denn hier gibt es reihenweise heruntergekommene Bars in finsteren schummrigen Ecken der eher weniger privilegierten Kieze in Wedding oder Moabit – betrieben von fiesen Verbrechervisagen -, in denen man nichts, aber auch gar nichts anfassen möchte und in denen nur selten jemand auf den schmierigen Tables danct, sondern sich die fürchterlich überschminkten Damen – vorwiegend aus Osteuropa hierher verbracht – verschüchtert auf den verkeimten Barhockern lümmeln und man bis in die kleinste Haarspitze den Druck der Luden in ihrem Nacken spürt – kein Leuchten in den Augen, kein Lächeln, einfach nur abgestorbene Träume auf zwei Beinen – echt mal: Wer so etwas anziehend findet, der hat kein Herz.“

„Oha, das ist ein schöner Schachtelsatz, haben Sie Lust, bei unserem Debattierclub mitzumachen?“

„Haha, nee lass man, Junge. Aus dem Alter bin ich raus. Debattieren wird mit den Jahren immer unwichtiger. Und ganz am Ende brummt man dann nur noch und stimmt allem zu.“

„Na gut. Aber was Sie so erzählt haben über Wedding und Moabit: Hier ist das doch nicht so, oder?“

„Nee, hier nicht, mein Junge, hier nicht, sonst wäre ich nicht hier.“

Angelique warf ein: „Ich kann für dich tanzen wenn du magst, ein kleiner Privat Dance im Separee.“

„Komm Kleiner, ich geb dir einen aus, du siehst aus als ob du schon lange auf etwas wartest.“

Nach dem Aufenthalt im Separee, in dem mir Angelique alle ihre Körperteile aus der Nähe vorgeführte, machte sich eine ungewohnte Ruhe und Zufriedenheit in mir breit, Schopenhauer war plötzlich ganz weit weg und auch die Historiker vermisste ich nicht mehr. Auch nicht die Germanisten. Oder die SoPsen. Irgendetwas war passiert.

Am nächsten Tag, kurz vor meinem 30. Geburtstag, bin ich bei Mama ausgezogen.

 


Den Text habe ich 2010 auf dem ehemaligen Bewertungsportal Qype zu einem dieser Tabledanceladen geschrieben, in dem Junggesellenabschiede in Hilfigershirts zitternd vor Aufregung barbusigen Tänzerinnen Spielgeld in den Tanga stecken und sich für die Kokspimps aus L.A. halten, deren Lowrider vor der Tür steht, der sie später ins Penthouse Nähe South Central bringen wird, doch leider geht es später doch nur mit der Bimmelbahn M8 zurück in den Plattenbau nach Springpfuhl.

Ich finde, die Geschichte passt ganz gut in die laufende Debatte über Prostitution, in der es wieder mal keine Grauschattierungen gibt, sondern nur die übliche unerbittliche Front und ihr kalter Krieg im Namen der Moral. Verbieten. Bestrafen. Mehr fällt ihnen wieder einmal nicht ein. Und der Klerus klatscht Applaus. Und die neuen grünen Konservativen winken mit Pastinaken. Verbieten. Bestrafen. Ich bin müde.

Für das Ding hier gab es bei Qype eine Reihe wütender Kommentare mit viel Schaum vor Mündern und kurz darauf wurde der Beitrag gelöscht. Hier ist er also wieder. Nicht besonders gehaltreich, ziemlich stumpf, aber nicht totzukriegen. Sorry.


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