Weihnachtsmarkt – kennste einen kennste alle

Weihnachtsmärkte kann ich nicht leiden. Glühweinbeschickerte Pappnasen mit blinkenden Idiotenzipfelmützen auf dem feisten Kopf torkeln unansehnlich bratwurstfressend durch ein Gedränge, das nur in den randvollen Wagen der Berliner S-Bahn ein würdiges Pendant findet. Und als ob sie noch einen draufsetzen wollen, schleifen bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit beförderte Chefs ihre bedauernswerten Untergebenen hinter sich her, die alle so tun müssen als seien sie ein ganz duftes Team, das sich total lieb hat, dabei wollen alle nur nach Hause und nicht hier in der Kälte mit Vollidioten herumstehen, die mit anderthalb Promille im Blut, Grünkohlresten am Kinn und der unvermeidlichen Jack-Wolfskin-Jacke noch unerträglicher sind als mit Mettbrötchenresten am Mundwinkel und Konfirmandenanzug in der Teeküche vom Borgwürfel morgens beim Kaffeeklatsch. Furchtbar.

Teuren Ökoscheiß, mit dem man mir ein schlechtes Gewissen machen will, kann ich auch nicht leiden, doch der steht auch hier rum:

Lichtblick. Die sind auch hier auf dem Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei. Eine runde Kugel von Freakkind mit einer kugelrunden Freakbrille unter dem Biofilzhut labert unbedarften Passanten eine Seitanboulette an die Ohren („Hallo Sie! Was erwarten Sie denn von Ihrem Stromanbieter?“ „Meine Ruhe.“).

Lichtblick, klar, es ist ja Prenzlauer Berg und Vertreter kasachischen Atomstroms, der von verstrahlten Kindern in alten rostigen Kühlbottichen hergestellt wird, in denen sie mit ihren kleinen Patschefüßchen auf Pedalen einen undichten Reaktor aus Sowjetzeiten antreiben, trauen sich hier nicht her. Nix zu holen in Bionadeland.

Dabei hat Lichtblick auch Atom im Strommix, um damit Verbrauchsspitzen abzufedern, das weiß nur keiner, denn es ist Prenzlauer Berg hier: Wichtig ist, was draufsteht und dass es teuer ist. Bei Lichtblick stehen lauter tolle Sonnen-, Wind- und Wassersymbole auf dem Schirm, Bio hurra. Und das Rucolavolk steht Schlange, um ein paar Cent mehr pro Kilowattstunde abzudrücken. Hurra. Bio. Hurra. Öko. Hurra. Da brat mir doch einer einen Weizenkeim.

Auch abseits von diesem Biedermeierstromnepp aus der Zentrale des guten Gewissens ist der Weihnachtsmarkt ziemlich fad und so vorhersehbar wie alle. Nur eben mit Holzspielzeug von Manufaktum statt Räuchermännchen aus dem Erzgebirge oder Hexen aus dem Harz.

Und wie alle anderen Weihnachtsmärkte ist er obendrein noch unfassbar teuer (Gibt es tatsächlich jemanden, der 3,50 € für 100g gebrannte Mandeln zahlt?), ziemlich teuer (Wer zahlt 17,90 € für 200 ml Haselnußschnaps?), absolut teuer (Elchbratwurst? 3,80? Seid ihr nass?) und teuer ist er auch (3,50 € für eine völlig versalzene Wildschweinboulette in einem irrwitzig winzigen Brötchen? Wer? Zahlt das? Ja doch, ich zahl‘ sowas, aber nur einmal im Leben).

Ein Weihnachtsmarkt ist ein Weihnachtsmarkt ist ein Weihnachtsmarkt. Und in Prenzlauer Berg ist er noch kleiner und noch ein wenig teurer als woanders. Hurra. Hurra. Macht hoch die Tür, den Schrott karrt her, ich muss euch sagen es weihnachtet sehr.


Lucia Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei
Schönhauser Allee 36
Prenzlauer Berg
http://www.lucia-weihnachtsmarkt.de/


 

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